O Herr!

Iulia Hasdeu (Haşdeu, * 14. November 1869 in Bukarest; † 29. September 1888 ebenda) war eine rumänische Dichterin, „Wunderkind“ und „Frühvollendete“. Sie schrieb Rumänisch und Französisch – im deutschen Sprachraum blieb sie offenbar unbekannt. Alexandra Bernhardt (Wien) war so freundlich, mich auf sie aufmerksam zu machen und ein Gedicht zu übersetzen.

Über die Dichterin schreibt Wikipedia:

Iulia Hasdeu wurde als Tochter des Politikers und Schriftstellers Bogdan Petriceicu Hasdeu und dessen Frau Iulia Faliciu in Bukarest geboren. Bereits in jungen Jahren zeigte sich ihr Talent, mit zweieinhalb Jahren lernte sie lesen, im Alter von acht Jahren sprach sie fließend Französisch, Deutsch und Englisch und hatte die vier ersten Schulklassen abgeschlossen. Mit elf Jahren schloss sie die das Colegiul Național „Sfântul Sava“ und ihre Studien am Bukarester Musikkonservatorium ab. Seit 1881 lebte sie in Paris, wo sie zunächst das Collège Sévigné besuchte, welches sie als Bakkalaurea abschloss. Im Jahr 1886 schrieb sie sich an der Sorbonne ein und besuchte Kurse an der École pratique des hautes études. Zwei Jahre später treten bei ihr die ersten Anzeichen von Tuberkulose auf, nach Behandlungen in Italien und der Schweiz kehrt sie im Sommer 1888 nach Bukarest zurück. Dort verstarb sie im September 1888

Mit Ausnahme einiger Gedichte, die während ihres Lebens und ohne Zustimmung der Autorin erschienen sind, erschienen ihre Werke posthum. Ihr erster Gedichtband, Bourgeons d’Avril, den sie 1887 schrieb, erschien zwei Jahre später unter dem Pseudonym Camille Armand im Band Oeuvres posthumes de Julie B.P. Hasdeu. Des Weiteren gab ihr Vater ihre Werke in zwei weiteren Teilen heraus, Chevaleries (Erzählungen) und Theatre.

O, Doamne!

O, Doamne! Cer iertare, aș vrea acum să mor!
N-am șaisprezece ani! Dar viața mea-i amară,
Și inima mi-e tristă, speranțele nu cobor
Și fără de prieteni, ruina mă-mpresoară!

Mai bine e să mor. Nici nu mai pot să plâng,
Și lacrimile au un farmec ne-ntrecut …
Când nu mai pot de-o vreme nici lacrimi să mai strâng,
Vreau moartea să-mi aducă odihna ei de lut. 

(Quelle: https://ro.wikisource.org/wiki/O,_Doamne!)

O, Herr! 

O, Herr! Laß sterben endlich mich — verzeih!
Bin keine sechzehn Jahr! Und doch ist bitter mir mein Leben,
Voll Trauer ist mein Herz, und nichts kann Hoffnung geben,
Ich schmachte ohne Freund: Verderben hüllt mich ein.

Ach! besser wär’ ich tot: Nicht kann ich weinen mehr,
Und keine Tränen haben schmerzt doch sehr … 
Denn diese waren voller Charme und einz’ge Freunde hier;
So mag ich sterben: daß Erde letztlich Ruhe gebe mir.

(Nachdichtung aus dem Rumänischen von Alexandra Bernhardt)

Als Studentin in Paris (Quelle: Wikisource / Gemeinfrei)

Hertha Kräftner (1928-1951)

Heute vor 70 Jahren nahm sich die österreichische Schriftstellerin Hertha Kräftner mit nur 23 Jahren das Leben. 50 Jahre später wurde in ihrer Heimatstadt eine Gasse nach ihr benannt.

Hertha Kräftner 

(* 26. April 1928 in Wien; † 13. November 1951 ebenda)

BETRUNKENE NACHT

Der Gin schmeckt gleich um elf und drei,
das Soda nur wird schaler.
Wer will, der kann mich haben
für einen alten Taler.
Mein Bräutigam, mein Bräutigam
war einer von den sieben Raben,
der flog am Haus vorbei,
da war es zwölf vorbei,
mein Bräutigam, mein Bräutigam
tat einen dunklen Schrei
und wollte seinen süßen Schnabel
an meinem Herzen laben,
da spießte ihn ein fremder Mann
auf eine Silbergabel.
Nun kann mich jeder haben
für einen alten Taler.
Das Herz, mein Freund,
ist aber nicht dabei
bei diesem Preis,
dem Herzen, Freund, wird kalt und heiß
nur bei den Zärtlichkeiten eines Raben.
Darum auch haben
meine Freunde mich ertränkt...
Versprecht, daß ihr das Glas Chartreuse verschenkt,
in dem ich schwimme als ein gelbes Ei.

Aus: Hertha Kräftner, Das Werk. Gedichte Skizzen Tagebücher. Ausgewählt von Otto Breicha und Andreas Okopenko. (Burgenländische Bibliothek). Eisenstadt: Edition Roetzer, 1977, S. 51

Marie T. Martin †

Marie T. Martin

Brief im April

Bekommst du noch Briefe von Toten? Ich schreibe dir 
ins Jahr nach deinem Tod, was siehst du ohne Augen? 
Hier wachsen Blauschote und Glimmerkraut, später 
wird sich enthüllen, welche Sätze wichtig gewesen 
wären. Schreibst du noch Briefe, ich schreibe mir 
selbst ins Jahr meiner Geburt, ein Rollbild auf 
einem Parkplatz die Kalligrafie von Reifen. Wurdest du 
älter, sieht dich die fahrende U-Bahn, hält dich der Ahorn 
dazwischen? Versprich mir wach zu bleiben, versprich 
mir eine Rede an die Seele, in einem Gebinde aus 
Weißdorn und Wacholder. Versprich mir aufzuwachen, 
versprich mir, dich nie zu verlassen.

Aus: Rückruf. Gedichte. Leipzig: Poetenladen, 2020

Die Dichterin Marie T. Martin starb mit 39 Jahren am 2. November in Freiburg (Br.).

Nachruf: MDR Kultur | Badische Zeitung |

… am Martinstag

Àxel Sanjosé

Mahlers Fünfte am Martinstag

Aus der Dämmerung 
ein Krankenwagen, eine Fanfare.

Die Lichter flackern, 
die Stimmen werden dünn, 
die Mäntel lassen den Wind durch. 
Wir gehen nicht nach Haus.

Schlecht beleuchtet, diese Wege, 
und viel zu holprig 
für ein Kondukt.

Aus: Àxel Sanjosé, Gelegentlich Krähen. Gedichte. Weilerswist: Landpresse, 2004, S. 71

Die wahre Mutter-Sucht

Jacob Cats 

(* 10. November 1577 in Brouwershaven auf der Insel Schouwen-Duiveland; † 12. September 1660 in Den Haag) 

Der niederländische Dichter Jacob Cats war in seiner Heimat über seinen Tod hinaus populär. Auch in Deutschland erschienen schon zu Lebzeiten und noch lange danach zahlreiche Übersetzungen. Die junge Dichterin Sibylla Schwarz (1621-1638) erhielt seine Werke und begann daraus zu übersetzen. Hier ein Auszug aus seinem Hauptwerk Houwelick (Ehe), eine Art Ratgeber besonders für Frauen, im Original erschienen 1625.

Aus: Die Heurath. 5. Teil

Wann euch der milde GOtt nun Kinder hat gegeben/
Und ihr in selbigen allmählig könnet leben/
  Da habt ihr Freud' und Lust/ ein rechtes Zeit vertreib/
  Zum Guten für den Mann so wohl/ als für das Weib.
Da ist die Stund und Zeit/ die recht bequem muß taugen/
Das neugebohrne Kind mit eignem Blut zu saugen/
  'Sist Unrecht/ daß das Weib / bey ihrer zarten Frucht/
  Nicht günstig stellt zu Werck die wahre Mutter-Sucht.
Gebrauch/ o junge Frau/ brauch deine wehrte Gaben/
Brauch deine edle Milch/ das liebe Kind zu laben ;
  Denn einem feinen Mann erweckt es grosse Lust/
  Wenn seine liebe Frau dem Kinde giebt die Brust.
Die Brüste/ die du trägst/ so geistig auffgeschwollen/
So angenehm erhöh't/ so künstlich auffgequollen/
  Sind nicht/ daß man sie bloß zum Schmuck des Leibs beschau/
  Noch weniger zur Pracht und Uppigkeit der Frau.
Gewiß/ der wehrte Schatz/ die angenehmen Hügel/
Die lieblichen Coralln/ sind ja ein andrer Spiegel/
  Als daß man sie gebrauch nur zur Ergötzlichkeit/
  Sie sind der jungen Frucht zur Nahrung bloß geweyht.
Das ist ihr rechtes Ziel. Das zärtliche Gebeine
Findt annoch keine Lust an Trauben und am Weine/
  An keinem Malvasier ; Die süße Milch allein
  Kan stillen sein Geschrey/ und ihm ein Labsal seyn.
(...)
Du hattest große Lust / du schöpfftest viel Behagen/
Vor eine süsse Last inwendig einst zu tragen/
  Nun/ da es dich ansieht/ und zu der Mutter lacht/
  Laß deine Mutter-Sucht verneuren ihre Macht.
Erbarme/ bitt' ich dich/ doch über dein Gebeine/
Und deines Leibes Frucht/ vernimmstu/ daß sie weine/
  Die Hände nach dir streck'/ und klopf' an deine Brust/
  Zu löschen ihren Durst/ zu büssen ihre Lust.
Der Unterscheid ist groß/ wann Mütter selber säugen/
Und mit der offnen Brust ein günstigs Hertze zeigen/
  Als wenn ein fremdes Weib und Amm den Dienst verübt/
  Und offt der jungen Frucht gestöhrte Brüste giebt.
(...)
Doch wirds zu guter Art und gutem Leumuht taugen/
Sieht man das junge Kind an deinen Brüsten saugen
  'Sist Ehre vor die Frau/ wenn sie dem Eh-Mann zeigt/ 
  Daß sie ein junges Kind aus ihrem  Busen säugt.
Macht keinen Unterscheid/ last alle frische Frauen
Auff diese Mutter-Pflicht mit sichern Gründen bauen (...)

Aus: Die Heurath. Fünffter Theil. In: Des Welt-berühmten Holländischen Poëten/ JACOB CATS, (…) Sinnreicher Wercke und Gedichte/ Aus dem Niederländischen übersetzt/ Andrer Theil: Bestehend in der Heurath (…) Hamburg/ bey Seel. Thomas von Wierings Erben/ im gülden A/B/C. bey der Börse/ im Jahr 1711. S. 469 – 473

Mehr über den Autor im Lyrikwiki

Mit dem Fahrstuhl in den Himmel

Anne Sexton

(* 9. November 1928 in Newton, Massachusetts; † 4. Oktober 1974 in Weston, Massachusetts)

Mit dem Fahrstuhl in den Himmel

Wie der Feuerwehrmann sagte:
Nehmen Sie kein Hotelzimmer in New York
das höher liegt als im fünften Stock.
Sie haben zwar längere Leitern
doch die klettert keiner rauf.
Wie die New York Times schrieb:
Der Lift sucht sich immer
das Stockwerk aus, wo es brennt
geht automatisch auf
und schließt nicht mehr.
Solche Warnungen
mußt du in den Wind schlagen
wenn du aus dir aussteigen,
in den Himmel brausen willst.

Viele Male fuhr ich über
den fünften Stock hinaus,
aufwärts schlingernd,
doch nur einmal
bis ganz nach oben.
Sechzigster Stock:
kleine Pflanzen und Schwäne neigen
sich in ihr Grab.
Zweihundertster Stock:
Berge mit der Geduld einer Katze,
das Schweigen kommt auf leisen Sohlen.

Fünfhundertster Stock:
jahrhundertealte Botschaften, Briefe,
trinkbare Vögel,
eine Wolkenküche.

Sechstausendster Stock:
die Sterne,
Skelette in Flammen
mit singenden Armen.
Und ein Schlüssel,
ein sehr großer Schlüssel,
der irgendetwas öffnet —
eine nützliche Tür —
irgendwo —
dort oben.

Deutsch von Hans-Christian Rohr, in: Schon mal gelebt? Amerikanische Gedichte des 20. Jahrhunderts. Hrsg. Hans-Jürgen Heise und Annemarie Zornack. Kiel: Neuer Malik, 1991, S. 111f

Slowakischer Goethe

Heute vor 100 Jahren starb Pavol Országh, der sich als Dichter Hviezdoslav nannte. Er gilt als slowakischer Nationaldichter. „Bereits in der Quinta schrieb er zunächst ungarisch, dann auch deutschsprachige Gedichte. Sein Lehrer nannte ihn damals diesbezüglich einen jungen Goethe.“ (Wikipedia). Zu einer Zeit, als die slowakische Sprache weitgehend verboten und nicht als Literatursprache ausgewiesen war, übersetzte er deutsche (Goethe, Schiller), polnische, ungarische, französische und russische Dichter, und Shakespeare!

Hviezdoslav

(* 2. Februar 1849 in Vyšný Kubín; † 8. November 1921 in Dolný Kubín)

Aus: Sonette (1886)

Wie prächtig seid ihr, wenn ihr so im Kreise schreitet,
ihr seid so viele, doch zieht jeder seine Bahn;
ihr seid nicht fremden, eignen Ruhmes Schnitter. Scham
bereitet euch, wenn jemand finstres Unrecht leidet.

Dort ist der großen Weltgeschichten Feld gebreitet!
Daß er sie einmal aufschreibt, ist des Forschers Wahn:
er stochert in entfernten Nebeln, will sich nahn,
tranchiert die Himmel, wie der Pflug den Acker schneidet.

Ein Überfluß an Theorien wird erfunden.
Für sich teilt er Galaxis um Galaxis ein;
er prüfe nur ... ein Spatz bleibt es in seinen Händen.

Ich bin dafür, den Kosmos gründlich zu erkunden;
doch bleibt ein Seufzer der Bewunderung allein,
ein Wort nur: Herr! – will ich in ferne Höhen senden.

Deutsch von Dietmar Zirnstein, aus: Hviezdoslav: Mit dem Olivenzweig kehr bei uns ein. Sonette. Leipzig: Insel, 1983, S. 41

Foto: © Gratz. Taken with NightCap. Light Trails mode, 966.29 second exposure, 1/1s shutter speed. – Die Sterne rund um den Polarstern am 13. August 2021. Die kurzen Striche quer zu den Sternenbahnen sind Sternschnuppen des Perseidenstroms, die Lichter unten sind die Südküste von Rügen mit ein paar Leuchtfeuern und dem Hafen Lauterbach.
O, veľkolepí ste, jak kráčate tak v kole,
vy jasní pútnici, hoc mnohí, v shode preds’;
nie cudzej, vlastnej vy ste každý slávy žnec,
pre krivdu nevchádzate mračnej do nevole.

Tam svetodejov veľkých nedohľadné pole!
Že kedys’ spíše ich, si trôfa vedomec:
i štára v tajných hmlách a zvŕta nebožiec,
i nebesá rozkrájal ako oráč role.

Vtom domnienok všakových hojnosť rozsial na ne.
Pred sebou predviesť dal rad sústav slnečných;
diaľ skúša, beh, lúč... a už vtáčka chvatol v dlane! ...

Ja, pravda, chválim Kozmu umné spytovanie;
pri všetkom obdive však preds’ sa prerve vzdych,
vzdych z hlbín k ústam, z úst do výšin v slove: Pane! –

Ebd. S. 40

Amor als Holzfäller

Auf die Gefahr, allmählich den Unmut der verehrten Leserschaft auf mich zu ziehen, hier noch einmal der alte Anakreon. Ich finde nämlich, er ist interessanter als das meiste, was man Anakreontik nennt. So Zeug von Frauen und Wein („Wein, Weib, Gesang“) in gereimten deutschen Versen. Anakreons Werk besteht fast nur aus Fragmenten, aber man spürt doch den Biss. Heute ein Epigramm und ein paar Fragmente von Liebe. Allerdings setzt das Epigramm auch zunächst mit Ablehnung ein, Anakreon ist auch kein schlechter Hasser.

Epigramm

Gar nicht schätze ich den, der, beim vollen Mischkruge schlürfend, 
    nur von bitterem Streit, traurigem Kriege erzählt; 
nein, ich ehre den Mann, der die herrlichen Gaben der Musen 
    und Aphrodites Geschenk mitbringt zu frohem Genuß.

Deutsch von Dietrich Ebener, aus: Liebe ist nicht Lieb allein. Altgriechische Liebesgedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1984, S. 27

Schon wieder 
hat wie ein Holzfäller 
der Liebesgott 
mit gewaltiger Axt mich gefällt, 
im winterlichen Bergbach 
mich gewaschen.

Deutsch von Eckart Peterich, aus: Fragmente frühgriechischer Lyrik. Florenz: Sansoni, o.J. (1943), S. 63

Aus: ebd. S. 62
Eros der Schmied

Mit schwerwuchtendem Hammerschlag, 
wie die glühende Stang ein Schmied, 
trifft mich Eros und taucht mich dann 
in eiskaltes Gewässer.

Deutsch von Emanuel Geibel, aus: Liebesdichtung der Griechen und Römer. Ausgewählt und zum Teil neu übertragen von Horst Gasse. Leipzig: Dieterich, 1963, S. 57

Zum Schluß ein paar kurze Fragmente und Splitter.

Ich liebe wieder und ich liebe nicht und bin von Sinnen schon und bin es nicht.

(Ebener)

... und wieder lieb' ich und lieb' nicht,
bin rasend und bin rasend nicht. 

(Latacz)

... schüttelte die langen Thrakersträhnen ...

(Ebener)

Nicht mehr kümmere ich mich um das thrakische Mädchen.

(Ebener)

Zum Abschluß der Anakreonserie ein Fragment auf Englisch

(Davenport)

Noch ein Hassgedicht oder dasselbe noch einmal?

Nämlich von Anakreon. Alexandra Bernhardt hat mir geschrieben und vorgeschlagen, es könnte eine Fehlübersetzung sein. Es gibt nämlich ein Fragment, das so ähnlich beginnt wie das gestrige. Folgende Belegstellen hat sie herausgesucht (im folgenden zitiere ich ihre Mail).

               ἐγὼ δὲ μισέω 
πάντας ὅσοι χθονίους ἔχουσι ῥυσμοὺς 
καὶ χαλεπούς· μεμάθηκά σ᾽, ὦ Μεγιστῆ, 
τῶν ἀβακιζομένων. 

(416 PMG = 334 LGS, in: Die griechische Literatur in Text und Darstellung. Archaische Periode. Herausgegebn von Joachim Latacz. Stuttgart: Reclam, 1998 (2); p. 434.)

Die Übersetzung: 

               ... ich aber hasse 
alle, die erdnahe Regulative befolgen 
und das pedantische Zeug! Du gehörst - ich weiß es, Megistes! - 
denen an, die drüberstehn! 

(Ibd. p. 435.)

Wenig überraschend kursieren recht unterschiedliche Übersetzungen dieses Fragments, wobei Megistes als Adressat mitunter vernachlässigt wird. Hier nur einige wenige Beispiele. 

              Ich hasse alle 
Jene versteckten Gemüther, die so unhold 
Sind und so schwierig; in dir, Megistes, fand ich 
Eines der kindlichen Herzen. 

(Eduard Mörike, z.B. in: Anakreon, Gedichte. Anakreontische Lieder. Leipzig: Reclam, 1972, S. 11)

Ego vero odi omnes , qui sordidos habent modos & molestos didicerunt , didicerunt , nam maxima tacentium . 

(Anacreontis Teii Odae et fragmenta, graece et latine, cum notis Joannis Cornelii de Pauw. Trajecti ad Rhenum: Apud G. Kroon, 1732; p. 283.)

But I hate all who have sullen and difficult ways. I have learned that you, Megistes, are one of the quiet ones. [He uses ἀβακιζομένων, 'quiet', in the sense of 'peaceful, causing no disturbance'.] 

(Anacreon. Greek Lyric, Volume II: Anacreon, Anacreontea, Choral Lyric from Olympus to Alcman. Edited and translated by David A. Campbell. Loeb Classical Library 143. Cambridge, MA: Harvard University Press, 1988; p. 95) 

I hate all men with manners stern. 
As though from 'neath the earth they came; 
But thou, Megistes, I did learn, 
Art calm of mind and e'er the same. 

(The lyric songs of the Greeks; the extant fragments of Sappho, Alcaeus, Anacreon, and the minor Greek monodists. Translated and into English verse by Walter Petersen. Boston: Badger, 1918; p. 88)

https://www.greek-language.gr/digitalResources/ancient_greek/anthology/poetry/browse.html?text_id=403
(Originalwortlaut und eine neugriechische Version) 

Und so weiter. 

Die crux scheint „ἀβακιζομένων“ zu sein: Ist Megistes schweigsam? Genügsam? Gelassen? …? 

So weit aus der Mail, vielen Dank! Ob die lateinische Fassung von 1732 die Quelle für die französische ist, die ich gestern hier zitierte? – Ich ergänze noch aus meiner Sammlung.

                                    Ich hasse alle
die mürrisch und schroff sich benehmen
wie Schergen der Unterwelt. Du, mein Megistes,
ich weiß es, gehörst zu den Ruhigen.

Deutsch von Dietrich Ebener, aus: Griechische Lyrik in einem Band. (Bibliothek der Antike). Berlin u. Weimar: Aufbau, 1976, S. 158

I despise the rude, earthy manners
Of these barbarians. But you,
Megistês, are as shy as a child.

7 Greeks: Archilochos, Sappo, Alkman, Anakreon, Herakleitos, Diogenes, Herondas. Translations by Guy Davenport. New Directions, 1995

Gegen die Hochtrabenden

Von dem griechischen Dichter Anakreon (um 530 v.u.Z.) sind fast nur Fragmente geblieben, mit denen er gleichwohl berühmt wurde. Früher hat man Fragmente (wie auch Sapphos) gern mehr oder weniger frei ergänzt oder umgedichtet, wie offensichtlich im folgenden, übersetzt von einem deutschen Lehrer nicht aus dem Griechischen, sondern aus dem Französischen. Aus zwei einfachen Sätzen werden bei ihm zwei schwer verständliche („emphatische“, hochtrabende) Strophen. Leider konnte ich das Original in den konsultierten deutschen und englischen Ausgaben nicht auffinden. Vielleicht kann jemand helfen?

9.

Hassen muß ich und verachten,
Die hochtrabend immer reden,
Ohne daß sie g'rade dachten:
Denn dies lassen sie den Blöden.

Ja, das Schweigen zu beachten,
Ist die schönste Eigenschaft:
Dadurch haben Reden Kraft:
Denn sie werden zu bedachten.

Aus: Les Odes d’Anacréon. Die Oden des Anakreon. Französisch und deutsch. Übersetzt von Wilhelm Jaeger, Lehrer der französischen Sprache und Literatur. Berlin: E. Litfaß, 1848, S. 167

Je hais et je déteste ceux qui parlent d'un ton élevé, emphatique. Savoir garder le silence, voilà la plus belle qualité.

Aus: Ebd. S. 166. Jaegers Quelle war vermutlich: Anacréon. Fragmens. Traduction par Ernest Falconnet. Les Petits poèmes grecs, Texte établi par Ernest Falconnet, Louis-Aimé Martin, Desrez, 1838 (p. 252-253).

Übersetzt von Deepl:

Ich hasse und verabscheue diejenigen, die in einem hohen, nachdrücklichen Ton sprechen. Zu wissen, wie man schweigt, ist die beste Eigenschaft.

Leer

Reinhard Goering

(* 23.6.1887 Schloß Bieberstein bei Fulda, † Anfang (14. ?) Oktober 1936 Flur Bucha bei Jena, aufgefunden am 4. November)

So kann ich sitzen und die Stunden fragen,
Was bringt ihr mir so trüber – trübster Fracht?
Und meine Stunden werden so zu Tagen,
Und alle meine Tage so zu Nacht.

Soll ich dem jungen Leben denn entsagen?
Wofür? Warum denn ist's in mir entfacht?
Ich bin ja willens, alles zu ertragen,
Was mir das Leben nur erträglich macht.

Ich sitze müde brütend, und ich winde
Vergeblich mich, vergeblich hin und her
Wie schon so viele andere und finde.

Was alle anderen fanden und nicht mehr:
Daß dieses Lebens bittres Angebinde
Mir leer verfließt und ach, so schmerzlich leer.

Aus: Reines Ebenmaß der Gegensätze. deutscher Sonette. Berlin: Rütten & Loening, 1977, S. 181

Brunkes Lieblingsgedicht

Thomas Brasch 

(* 19. Februar 1945 in Westow, North Yorkshire; † 3. November 2001 in Berlin) 

BRUNKES LIEBLINGSGEDICHT

ist sehr kurz. Es handelt 
von einer Frau mit blutigen Händen. Die steht 
auf dem Flur einer Schule. Neben ihr Brunke 
tot, in der Hand seinen Füllfederhalter. Das Motiv 
der Mörderin verschweigt das Gedicht. Dafür ist es aber 
gereimt und klingt wie eine geheime schöne Melodie. 
Sein Titel heißt Vergißmichnie.

Aus: Thomas Brasch »Die nennen das Schrei« Gesammelte Gedichte. Hrsg. Martina Hanf u. Kristin Schulz. Berlin: Suhrkamp, 2013, S. 371

Bis auf einen indischen Berg aufgrundseiner Purpurfarbe

Georges Schéhadé (* 2. November 1905 in Alexandria; † 17. Januar 1989 in Paris)

Ein libanesischer Dichter, der in einer christlichen Familie in Ägypten geboren wurde, auf Französisch schrieb und in Paris starb.

Bis auf einen indischen Berg
aufgrund seiner Purpurfarbe

Bis auf einen indischen Berg aufgrund
     seiner Purpurfarbe
Und diesen Bronzegeruch den manchmal
     die Pferde haben
Lassen die welken Blätter uns kalt
Es gibt Traurigkeiten die nicht
     die unsrigen sind
Nur mein Herz ist mein Kind
Um zu berühren was wir geliebt
Werden wir ins Haus einer ländlichen Gegend
       gehen
Und der Engel einer Mauer wird
     unser Vorfahr sein

Aus Les Poésies, 1952
Übers. Heribert Becker

Aus: Das surrealistische Gedicht. Zweitausendeins / Museum Bochum, 2001 (3., korr. u. erweit. Aufl.), S. 1202

Ilse Aichinger 100

Ilse Aichinger 

(* 1. November 1921 in Wien; † 11. November 2016 ebenda)

Winterantwort

Die Welt ist aus dem Stoff,
der Betrachtung verlangt:
keine Augen mehr,
um die weißen Wiesen zu sehen,
keine Ohren, um im Geäst
das Schwirren der Vögel zu hören.
Großmutter, wo sind deine Lippen hin,
um die Gräser zu schmecken,
und wer riecht uns den Himmel zu Ende,
wessen Wangen reiben sich heute
noch wund an den Mauern im Dorf?
Ist es nicht ein finsterer Wald,
in den wir gerieten?
Nein, Großmutter, er ist nicht finster,
ich weiß es, ich wohnte lang
bei den Kindern am Rande,
und es ist auch kein Wald.

Aus: Ilse Aichinger, Verschenkter Rat. Gedichte. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuchverlag, 1991, S. 14 (EA 1978)

Tiroler Elegie

Karel Havlíček Borovský

(* 31. Oktober 1821, heute vor 200 Jahren, in Borová bei Přibyslav; † 29. Juli 1856 Prag)

Das Gedicht zum Anlass ist aus dem Zyklus „Tiroler Elegien“, einem jüngeren Bruder von Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“. Die Reise war nicht freiwillig, er wurde verbannt wegen politischer Umtriebe.

Tiroler Elegien VI

Hin nach Iglau rolln die Räder,
gellt Trompetenschrei,
hinter uns, damit wir nichts verlieren,
reitet Polizei.

Ach, das Kirchlein von Borová
auf dem Hügel dort,
durch die Wipfel sah michs an so traurig:
„Kind, was treibt dich fort?

Weiß den Tag noch deiner Taufe,
wo die Wiege stand,
dem Vikar, dem alten, halfst du fleißig,
kleiner Ministrant.

Durch die Welt ziehn, mit der Fackel
einst dann kehren heim,
jungen Leutchen auf den Weg zu leuchten
mit der Flamme Schein.

Wie die Zeit vergeht, ich kenn dich
schon seit dreißig Jahren,
aber, Kind, welch finstre Ungeheuer
seh ich mit dir fahren?“ –

Deutsch von Walther Petri, aus: Die Sonnenuhr. Tschechische Lyrik aus 11 Jahrhunderten. Teil 1 und 2. Leipzig: Reclam, 1986, S. 161.

Tyrolské elegie 6

Trubka břeští, kola hrčí,
jedem k Jihlavi,
vzadu, abysme nic neztratili,
klušou žandarmi.

Ten borovský kostelíček
stojí na vršku,
skrze lesy smutně na mne hleděl:
„Jsi to, můj hošku?“

Pode mnou jest tvá kolíbka,
já tě viděl křtít,
starému vikáři ministrovat,
pilně se učit.

Táhnout světem na zkušenou,
pak s pochodní jít,
naší chase plamenem veselým
na cestu svítit.

Vidíš, jak ty roky plynou,
znám tě třicet let:
ale, chlapče! jaké to obludy
vidím s tebou jet?“ —