Kritik der Dichtung

Paul Éluard 

(* 14. Dezember 1895 in Saint-Denis bei Paris; † 18. November 1952 in Charenton-le-Pont bei Paris) 

Kritik der Dichtung

Das Feuer erweckt den Wald 
Die Stämme die Herzen die Hände die Blätter 
Das Glück in einen Strauß gebunden 
Verwirrt sehr leicht schmelzend gesüßt 
Ein ganzer Wald von Freunden 
Der sich versammelt bei den grünen Fontänen 
Der guten Sonne des flammenden Waldes

Garcia Lorca wurde hingerichtet

Haus eines einzigen Wortes 
Und Lippen zu leben vereint 
Ein ganz kleines Kind ohne Tränen 
In seinen Augäpfeln aus verlorenem Wasser 
Das Licht des Künftigen 
Tropfen für Tropfen erfüllt es den Menschen 
Bis an die durchsichtigen Lider

Saint-Pol-Roux wurde hingerichtet 
Seine Tochter hat man gepeinigt

Eisige Stadt aus ähnlichen Ecken 
Wo ich träume von blühenden Früchten 
Vom ganzen Himmel und von der Erde 
Wie von Jungfrauen die sich entblößten 
In einem Spiel das niemals endet 
Welke Steine echolos Mauern 
Ich vermeide euch um ein Lächeln

Decour wurde hingerichtet

Deutsch von Stephan Hermlin, aus: Paul Éluard: Trauer schönes Antlitz. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1974, S. 125

Critique de la poésie

Le feu réveille la forêt 
Les troncs les cœurs les mains les feuilles 
Le bonheur en un seul bouquet 
Confus léger fondant sucré 
C’est toute une forêt d’amis 
Qui s’assemble aux fontaines vertes 
Du bon soleil du bois flambant

Garcia Lorca a été mis à mort

Maison d’une seule parole 
Et des lèvres unies pour vivre 
Un tout petit enfant sans larmes 
Dans ses prunelles d’eau perdue 
La lumière de l’avenir 
Goutte à goutte elle comble l’homme 
Jusqu’aux paupières transparentes

Saint-Pol-Roux a été mis à mort 
Sa fille a été suppliciée

Ville glacée d’angles semblables 
Où je rêve de fruits en fleur 
Du ciel entier et de la terre 
Comme à de vierges découvertes 
Dans un jeu qui n’en finit pas 
Pierres fanées murs sans écho 
Je vous évite d’un sourire

Decour a été mis à mort

Federico García Lorca, der größte spanische Dichter der Neuzeit, wurde von Franco nach der Eroberung von Sevilla erschossen. Saint-Pol-Roux, der fast achtzigjährige Volksdichter der Bretagne, wurde nach furchtbaren Foltern von Angehörigen der SS in seinem Hause ermordet, nachdem man ihn gezwungen hatte, der Vergewaltigung seiner Tochter beizuwohnen. Jacques Decour, einer der glänzendsten jungen Germanisten Frankreichs, veröffentlichte Arbeiten über Goethe, Hölderlin und Kleist und übersetzte Hans Carossa ins Französische. Er wurde im Jahre 1942 erschossen. (Anm. d. Übers.)

Fortschrittswelt

Heinrich Heine 

(* 13. Dezember 1797 in Düsseldorf; † 17. Februar 1856 in Paris)

Mittelalterliche Rohheit
Weicht dem Aufschwung schöner Künste: 
Instrument moderner Bildung
Ist vorzüglich das Klavier.

Auch die Eisenbahnen wirken 
Heilsam aufs Familienleben 
Sintemal sie uns erleichtern
Die Entfernung von der Sippschaft.

Wie bedaur' ich daß die Darre
Meines Rückgratmarks mich hindert,
Lange Zeit noch zu verweilen 
In dergleichen Fortschrittswelt !

Dieses Gedicht ist nur in einer Abschrift von fremder Hand überliefert und wurde zuerst 1869 gedruckt. Entstanden ist es vielleicht nach August 1851. Es steht in der Säkulärausgabe in Band 3 (2008), S. 231. Im Kommentarband dazu finden sich noch zwei gestrichene Strophen:

Die Veredlung wird gesteigert 
Seit die Schreibkunst sich verbreitet, 
Selten schimpfen wir uns mündlich 
Und die [a] Bosheit [b] Liebe greift zur Feder.

Und man schreibt uns jetzt die Schwindsucht 
In den Leib, ins Rückgrat-Mark 
Und wir legen uns zu Bette 
Und wir stehen nicht mehr auf.

Raffaels Sonette

Robert Browning 

(* 7. Mai 1812 im Londoner Stadtteil Camberwell; † 12. Dezember 1889 in Venedig)

RAFFAELS SONETTE 
aus „Noch ein Wort“

Raffael schuf ein Hundert von Sonetten, 
Schuf und schrieb sie ein in ein bestimmtes 
Buch mit seinem silberzarten Bleistift.
Sonst hat er Madonnen nur gezeichnet:
Für das Aug der Welt — jedoch das Eine 
Buch, für wen? du fragst? Dein Herz belehrt dich. 
Hat sie’s all ihr Leben lang geliebt, 
Schlief sie, diese Frau von den Sonetten, 
Starb sie, und es lag bei ihrem Kissen, 
Lag da an dem Platz von Raffaels Ruhm, 
Raffaels Wange, liebevoll und folgsam –
Er, den alle Welt als Maler rühmte, 
Er, den ihre Liebe zum Dichter machte?

Du und ich, wir läsen wohl noch lieber 
Dieses Buch (und fühlten seinen Herzschlag) 
Meinst du nicht? den Herzschlag Raffaels, 
Als zu staunen über die Madonnen 
Die von Sisto und die von Foligno, 
Und die als Vision Florenz besuchte,
Und die mit den Lilien, aus dem Louvre, 
Die die ganze Welt mit uns bewundert.

Doch wir werden dieses Buch nie lesen. 
Wie den Apfel seines Augs hat Guido Reni 
diesen Schatz geliebt, gehütet.
Guido Reni starb, da schrie Bologna 
Und die Welt: „Jetzt soll er uns gehören!" 
Da war’s fort. So gehts mit seltnen Dingen.

Deutsch von Bernt von Heiseler, aus: Die Lyra des Orpheus. Lyrik der Völker in deutscher Nachdichtung. Hrsg. Felix Braun. München: Heyne, 1978, S. 669f

Raffael soll 100 Sonette für seine Frau geschrieben haben, von denen nur 3 erhalten sind. Das Manuskript der Sonette soll in die Hände des Malers Guido Reni gekommen sein, und nach seinem Tod verschollen.

One Word More

II 
Rafael made a century of sonnets,
Made and wrote them in a certain volume 
Dinted with the silver-pointed pencil 
Else he only used to draw Madonnas:
These, the world might view—-but one, the volume. 
Who that one, you ask? Your heart instructs you. 
Did she live and love it all her life-time?
Did she drop, his lady of the sonnets, 
Die, and let it drop beside her pillow 
Where it lay in place of Rafael’s glory, 
Rafael’s cheek so duteous and so loving
Cheek, the world was wont to hail a painter’s, 
Rafael’s cheek, her love had turned a poet’s?
III 
You and I would rather read that volume, 
(Taken to his beating bosom by it) 
Lean and list the bosom-beats of Rafael, 
Would we not? than wonder at Madonnas
Her, San Sisto names, and Her, Foligno, 
Her, that visits Florence in a vision, 
Her, that’s left with lilies in the Louvre3
Seen by us and all the world in circle.
IV 
You and I will never read that volume.
Guido Reni, like his own eye's apple 
Guarded long the treasure-book and loved it.
Guido Reni dying, all Bologna 
Cried, and the world cried too, “Ours, the treasure!" 
Suddenly, as rare things will, it vanished.

Schauergeschichte

Moritz von Strachwitz

(Graf Moritz Karl Wilhelm Anton von Strachwitz, * 13. März 1822 in Peterwitz bei Frankenstein, Schlesien; † 11. Dezember 1847 in Wien)

Aus: Venedig

Ich bin so krank und sterben möcht' ich gerne
Hier in Venedig, und begraben liegen
In dieser Flut, dem Ruheplatz der Sterne!

In jeder Nacht pfleg' ich mich drauf zu wiegen,
Und ihrer Tiefe schwärzeste Geschichten
Behorch' ich dann mit schaurigem Vergnügen. –

Beschloß der Rat der Drei, geheim zu richten
Ein Opfer, des Geschrei's im Volke wegen,
Und galt's ein schnell und spurenlos Vernichten:

Da glitt um Mitternacht, dem Mond entgegen,
Die Gondel aus der Seufzerbrücke Schatten,
So schwarz und still, wie alle Gondeln pflegen.

Und lautlos durch Galeeren und Fregatten
Kroch sie hindurch, bis wo des Meeres Enge
Sich dehnt zu breiteren, smaragdnen Matten.

Dort hielt sie still. Dann aber war's, als sprenge
Ein dumpfer Fall die kaum bewegte Fläche,
Und leise Kreise zitterten in Menge.

Auch war's den Schiffern, die im Nachtgespräche
An Lido's Ufern stellten ihre Stricke,
Als ob ein Schrei im Wellenschlag zerbräche.

Die stille Gondel aber schwamm zurücke,
Wie sie gekommen, spurlos und verborgen,
Und schwand im Schattenstreif der Seufzerbrücke:

Doch der Verbrecher starb am andern Morgen.

Quelle:
Moritz von Strachwitz: Sämtliche Lieder und Balladen, Berlin 1912, S. 269.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20005728894

Anno Domini 1933

Gertrud Kolmar 

(* 10. Dezember 1894 in Berlin; † vermutlich Anfang März 1943 in Auschwitz) 

Anno Domini 1933

Er hielt an einer Straßenecke.
Bald wuchs um ihn die Menschenhecke.

Sein Bart war schwarz, sein Haar war schlicht. 
Ein großes östliches Gesicht,

Doch schwer und wie erschöpft von Leid. 
Ein härenes verschollnes Kleid.

Er sprach und rührte mit der Hand 
Ein Kind, das arm und frostig stand:

»Ihr macht es krank, ihr schafft es blaß; 
Wie Aussatz schmückt es euer Haß,

Ihr lehrt es stammeln euren Fluch, 
Ihr schnürt sein Haupt ins Fahnentuch,

Zerfreßt sein Herz mit eurer Pest, 
Daß es den kleinen Himmel läßt —«

Da griff ins Wort die nackte Faust: 
»Schluck' selbst den Unflat, den du braust!

Du putzt dich auf als Jesus Christ 
Und bist ein Jud und Kommunist.

Die krumme Nase, Levi, Saul, 
Hier, nimm den Blutzins und halt's Maul!«

Ihn warf der Stoß, ihn brach der Hieb. 
Die Leute zogen mit. Er blieb. 

Gen Abend trat im Krankenhaus 
Der Arzt ans Bett. Es war schon aus. –

Ein Galgenkreuz, ein Dornenkranz 
Im fernen Staub des Morgenlands.

Ein Stiefeltritt, ein Knüppelstreich 
Im dritten, christlich-deutschen Reich.
Aus: Gertrud Kolmar, Das lyrische Werk. Gedichte 1927-1937. Hrsg. Regina Nörtemann. Göttingen: Wallstein, 2003, S. 369f

Aus dem Lieder- und Lästerbuch

Fritz Graßhoff 

(* 9. Dezember 1913 in Quedlinburg; † 9. Februar 1997 in Hudson, Kanada)

 Commeci-commeça

Grand filou Commeci-commeça, 
Meisterdieb aus Pontois,
schlau wie Ratte in der Wand, 
treu wie bares Geld in Hand, 
gibt dem armen Luder ab, 
Bruder Fedja Zapzerap.

Armes Luder denkt: Da, da, 
dieser Pan Commeci-commeça, 
auch kein großes Kirchenlicht. 
Nimm dir man, er merkt es nicht. 
Säbelt flott vom Brote ab,
lucki, lucki – zapzerap.

Attention! Commeci-commeça 
merkt es aber gleich: aha!
daß bemusselt in der Nacht 
Luder ihn voll Niedertracht. 
Spricht: Ich bringe dich auf Trab, 
du verdammtes Zapzerap!

Armes Luder lacht: Haha! 
Nitschewo, Commeci-commeça! 
Deine Weste auch nicht blank, 
weiß von dir was, Gott sei Dank! 
Klaut sich feste was aus Schapp, 
lucki, lucki – zapzerap.

Grand Malheur! Commeci-commeça 
zischt bloß leise: Ohlàlà!
Duckt sich heimlich hinter Strauch, 
knallt ihm kleines Loch in Bauch. 
Liegt im Grase still und schlapp 
Bruder Fedja Zapzerap.

 Vite, vite, vite! Commeci-commeça 
ist schon weiter, aber ja!
weil durch Steckbrief, ei verflucht, 
überall im Land gesucht.
Schnappt ihn wer, verdient nicht knapp 
Pinke-Pinke – zapzerap.


Aus: Fritz Graßhoff: Die große Halunkenpostille. Songs Balladen Moritaten. München: dtv, 1967 (81.-95. Tsd. 1.: 1963), S. 13f

Selbsteinschätzung des Sängers

Rudolf Prietze sammelte um 1904 in Nordafrika Lieder der Haussa (Hausa) und ließ sie sich später in Tunis und Kairo von zugewanderten Hausa und Zöglingen der Azhar-Moschee Wort für Wort erklären. Es sind Erzeugnisse fahrender Dichter-Sänger, zábia (Plural) genannt ein stets weibliches Wort, obwohl diese zábibioï meist Männer sind. Dieser „selbstdichtende Sänger“, in unserer Sprache Liedermacher, zieht mit einem Gefolge von Musikern und „Jüngern“, er wird auf Lebenszeit gewählt. In diesen Ländern, Prietze nennt sie zeittypisch Länder niederer Kultur, ist der Sänger unentbehrlich und bringt nicht nur Lust, sondern trägt und erschafft zugleich die öffentliche Meinung wie in Europa die Presse.

Das heutige Lied stammt von dem Sänger Danuma, er nannte seinen Liederstrauß „Lieder des Papageien“. Die Fahrenden reiten zur nächsten Stadt, trommeln die Menschen zusammen und tragen sie vor, während Leute aus dem Gefolge Spenden einsammeln. Die Lieder sind nicht improvisiert, sondern gut vorbereitet und aufgezeichnet, werden aber durch Einschiebsel und Umformungen aktualisiert. Der Dialekt stammt aus der Provinz Kano in Nigeria. Prietze gibt die Lieder in seiner Transkription mit Wort-für-Wort-Übersetzung, hier in der Grafik, und seiner Nachdichtung, hier darunter.

I.

Dies ist das Lied eines Vogels, der sich Papagei nennt.

1.

Selbsteinschätzung des Sängers: Während anderes dem Bedarf leicht zur Verfügung steht, ist er, der Papagei, nur langsam und schwer zu gewinnen, ja bleibt für manchen wegen seiner bösen Zunge ein Schrecknis.


1 Das Stroh ist Futter für die Kuh, 
Heufutter kommt der Stute zu, 

2 Mehlschleim mit Natron der Wöchnerin; 
wenn nicht dem Säugling zum Gewinn, 
trinkt sie dem schwachen Leib zu lieb.

3 Ich, Vogel der Reichen, ich Papagei, 
bin Krugbrei, den man nur löffelnd erlangt.

4 Kwaras Bruder ist Brei auf des Köchers Grund:
ihn wird nur essen der Pfeilspitze Mund.

5 Kwaras Bruder ist Leichenwaschwasser:
kein Mensch trinkt auch nur einen Schluck davon. 

6 Ich, Kwaras Bruder, bin Kraut vom Tabak,
davon kein Pferd etwas fressen mag.

Der Herausgeber erläutert zur 3. Strophe: „Das Bild will sagen: Meine Gunst ist nur durch fortgesetztes Werben, durch unablässige Freigiebigkeit zu erlangen.“

Aus: Rudolf Prietze: Haussa-Sänger I.Nachrichten von der K. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. Philologisch-historische Klasse. 1916, S. 182ff

e sg ibt i mm erm ehrd a vo n

Aus: Ein Molotow-Cocktail auf fremder Bettkante. Lyrik der siebziger/achtziger Jahre von Dichtern aus der DDR. Hrsg. Peter Geist. Leipzig: Reclam, 1991, S. 226

Schon primär Volkskunst

Raja Lubinetzki

(* 6. Dezember 1962 in Kropstädt)

ICH MACH schon primär Volkskunst 
weil du so in mir steckst
die klassiken verjessen sich drübber

ich bin doch jar ne deudtsch 
und hoch sitz ich hier in 
diesem kolten berlin und 
muß immer träumen von dir

un du sitzt dort im kaffee 
und soofst und ich versteh 
das alles nich was da mit 
mir los is

Aus: Mikado oder Der Kaiser ist nackt. Selbstverlegte Literatur in der DDR. Hrsg. Uwe Kolbe, Lothar Trolle u. Bernd Wagner. Darmstadt: Luchterhand, 1988, S. 85 (Zuerst 1984 in der Untergrundzeitschrift Mikado)

Lubinetzki ist die Tochter einer deutschen Mutter und eines Studenten aus Kamerun. Nach einer Schriftsetzerlehre lebte sie in der Künstler- und Literatenszene am Prenzlauer Berg. 1987 stellte sie einen Ausreiseantrag und übersiedelte nach West-Berlin. Sie lebt in Berlin-Kreuzberg.

https://de.wikipedia.org/wiki/Raja_Lubinetzki

VOM „P“ ZUM „L“, ODER: WIE MAN DIE PANDEMIE PRODUKTIV BEWÄLTIGT

VOM "P" ZUM "L", ODER: WIE MAN DIE PANDEMIE PRODUKTIV BEWÄLTIGT 
(ERSTVERÖFFENTLICHUNG)

Tom de Toys

"L"OCKDOWN-TO-EARTH
(in Gedenken an Peter Rech)*

nach nur einem monat
abstinenz von der routine
nur vage erinnerung
an die vertrautheit und
selbstverständlichkeit
der umgebung was früher
normal und gewollt war
bewirkt heute noch nicht
einmal nostalgie ICH
vermisse das meer und den
strand und die ausgangssperre
die permanenten inzidenzwerte
als unterhaltungsprogramm
gegen die langeweile
im homeoffice tag null
nach der pandemie ohne
quarantäne ohne die toten
ohne das ewige warten
geimpft und verschont
orientierungslos aber
leibhaftig vorhanden ein
geistloser geist in einem
mit insolvenzmarken
bekleideten körper
antiquarischer eleganz
sogar die zu großen schuhe
schon winterfest mitten im
aufkeimenden frühsommer
mit neuen und unbekannten
insekten vögeln eichhörnchen
autos und maskenpflicht als ob
wir die eigene totenmaske
benötigen um das gesicht
als das unsere zu bemerken
ich spüre die rückkehr
in diese verlassene stadt
mit gemischten gefühlen
meine bürgerliche ID ist
auf der berühmten strecke
geblieben die wohnung
gleicht einem feriendomizil
meine handlungen sind die
eines nachlassverwalters
wo ist dieser mensch den
man im spiegel erkannte
die augen und haare sind
ähnlich und doch stimmt
etwas nicht unter der maske
herrscht chaos verwirrung
unendlichkeit das getöse
der sterne und galaxien
rückt näher als der geruch
des grundlosen kaffees
ich werde nun nicht mehr
gebraucht bin ein mundtoter
hoffnungslos sehnsüchtiger
sitzengebliebener kandidat
einer reality show die sich
gesellschaft nennt dieses
jahrtausende alte open-air
livestream system mit
religionen konsumgütern
und täglichem wetterbericht
ein sich selbst generierendes
tröstungssystem das seine
eigene zukunft vorwegnimmt
bevor seine bewohner hinein
wachsen können die babys
schreien sich ihre unschuldige
kehle aus dem kokonartigen
miniaturleib ihre mütter
stopfen die kleinen mäuler
mit gummibärchen notdürftig
geduldet bevor matheformeln
und fremdsprachen das neuro-
nale giganetz erweitern dessen
mittelpunkt immer kurz dort
aufglimmt wo diese mystische
hintergrundstrahlung des uns
allzu bekannten universums
zu schwach wird um eine sinn-
haftigkeit zu erkennen die
letzte erleuchtung über das
leben an sich hat den umfang
einer bodenlosen schale
voller roter rosen die niemals
leer werden kann solange wir
an offenen gräbern atmen und
die regale mit spritzgebäck
und plastikkitsch füllen

Tom de Toys, 31.5.2021 (14-16h) @ http://www.slampoesie.de Teil 2: als Poetryclip für 2022 geplant!

Zum Autor: De Toys (*1968) erarbeitete während des Coronalockdowns 2020 das multimediale Buchprojekt „RU[H]R RÄTSEL“ (www.nahzone.de) und für das Schulministerium das didaktische PDF „LERN:LYRIK“ (www.schulgedichte.de), das sich über die neue Bildungsmediathek NRW für den Deutschunterricht abrufen lässt. Neuerdings präsentiert De Toys ausgewählte Poetryclips auf TikTok: https://www.tiktok.com/@poplyrik

*) Das „L“ im Gedichttitel bezieht sich auf eine Zeile im Gedicht „P“ von Peter Rech, das De Toys vor 12 Jahren anlässlich der LYRIKMAIL-Publikation rezitierte:

NACHRUF AUF PETER RECH  (21.5.1943 – 5.12.2019) @ https://poesiepreis.jimdofree.com/preistraeger/9-nahbellpreis-2008-peter-rech/

Pack deine Fußnoten ein

Ben Lerner

(Geboren 1979 in Topeka, Kansas)

»Pack deine Fußnoten ein, Dr. Akribisch. Das Ende
ist nah. Deine Vorhut Fluchtpunkte verflüchtigte sich
in der kritischen Nacht. Wir begegneten einer Theorie
des Gefieders mit Gefieder. Wir dezentrierten unsere Krawatten. Gib
diese Spenglersuiten auf, diesen geräumigen Raum, dies graue Warum.
Nie wieder werden deine Elefanten in die Botschaft scheißen.
Nie wieder wirst du in deinem zweitürigen Sportsarg durch Topeka kurven.
In memoriam werden wir die Gesetze, die du gebrochen hast, gebrochen lassen.«

Über Vision und Modernität im Zwanzigsten Jahrhundert schrieb meine Mutter 
»Hilfe.« Über die Geschichte des Strukturalismus schrieb mein Vater
»Bau dir ein Haus.« Über den Mittleren Westen von 1979 bis heute schrieb ich 
»Pack deine Fußnoten ein, Dr. Akribisch. Das Ende ist nah.« 

Ich wünschte, alle schwierigen Gedichte wären tief. 
Hupen Sie, wenn Sie wünschten, alle schwierigen Gedichte wären tief.

Deutsch von Steffen Popp, aus: Ben Lerner, die lichtenbergfiguren. Gedichte, zweisprachig. Übersetzt von Steffen Popp. Wiesbaden: luxbooks, 2011, S. 23

 ‘‘Gather your marginals, Mr. Specific.The end
is nigh. Your vanguard of vanishing points has vanished
in the critical night.We have encountered a theory
of plumage with plumage. We have decentered our ties. You must quit
these Spenglerian Suites, this roomy room, this gloomy Why.
Never again will your elephants shit in the embassy.
Never again will you cruise through Topeka in your sporty two-door coffin. 
In memoriam, we will leave the laws you’ve broken broken.”

On Vision and modernity in the twentieth Century, my mother wrote
“Help me.” On the history of structuralism my father wrote
“Settle down.” On the American Midwest from 1979 to the present, I wrote 
“Gather your marginals, Mr. Specific.The end is nigh.”

I wish all difficult poems were profound.
Honk if you wish all difficult poems were profound.

Der Zustand alleiniger Seligkeit

Mary Ruefle

(Geboren 1952 in McKeesport / Pennsylvania)

Der Zustand alleiniger Seligkeit

In diesem Zimmer 
sahen wir nackt aus. 
Ohne eine Theorie,
drei Eier in einer Schale. 
Stück für Stück
gaben wir die Hoffnung auf, 
je verstanden zu werden.
Wir gaben ein großes Leuchten von uns. 
Draußen vor dem Fenster 
langschwänzige Fasane,
sie fegten den verlassenen Rasen.
Stück für Stück
wurde dem von der Dämmerung 
gemalten Haus der Schatten entzogen. 
Mönche schossen die weißen Hasen 
im Morgendämmer, ein paar von ihnen 
liefen davon und niemals.
Auch ein paar Mönche.

Deutsch von Esther Kinsky. Aus: Schreibheft #97, August 2021, S. 19 (darin ein Dossier mit Beiträgen und Übersetzungen von Sonja vom Brocke, Esther Kinsky, Norbert Lange, Daniel Levin Becker, Mary Ruefle, Clemens J. Setz, Cecilia Tricker und Anja Utler. Außerdem Dossiers zu Lorine Niedecker und William Carlos Williams.

Christiane Grosz †

Christiane Grosz 

(* 7. Januar 1944 in Berlin, † 10. November 2021)

zu AGNUS DEI

für Herrn Nicanor Parra
in Verehrung

Sie fragten das Lamm Gottes
nach der Anzahl der Äpfel
im irdischen Paradies
zu recht. Ich hoffe, Sie erhielten Antwort
und haben die Zahl überprüft.

Sie baten das Lamm Gottes
um die Angabe der Uhrzeit
zu recht. Ich hoffe. Sie erhielten Antwort
und wissen inzwischen, wie spät es ist.

Sie forderten vom Lamm Gottes
die Wolle für einen Pullover
zu recht. Auch ich wünsche,
daß Sie nicht frieren!

Sie forderten für den heiligen Augenblick
des Beischlafs vom Lamm Gottes:
Laß mich jetzt in Ruhe bumsen.
Herr Parra verehrter ich glaube.
Sie waren nicht ganz bei der Sache.

19.5.89

Aus: Christiane Grosz, Die asoziale Taube. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1991, S. 34

Völkergewissen

Ernst Toller 

(geboren am 1. Dezember 1893 in Samotschin, Provinz Posen; gestorben am 22. Mai 1939 in New York City)

ALP

Auf einer Stange morsch und faul
Hockt das Völkergewissen,
Um die Stange tanzen drei Kinderknochen,
Aus dem Leib einer jungen Mutter gebrochen,
Es blökt den Takt das Schaf bäh bäh.

Aus: Poesiealbum 132. Ernst Toller. Auswahl Richard Pietraß. Berlin: Neues Leben, 1978, S. 6

Der Soldat vielleicht

Otfried Krzyzanowski, um Soldat zu sein war er zu krank, für eine bürgerliche Existenz nicht tauglich oder nicht bereit, er lebte seine radikale Bohèmeexistenz in Wiener Kaffeehäusern, las Nietzsche, erbettelte ein karges Überleben. Über den Krieg schreiben kann vielleicht nur, wer nicht mit drin steckt. Kurz nach Kriegsende blieb er dem Kaffeehaus fern, er war in einem Wiener Krankenhaus gestorben, an oder mit Hunger, Grippe oder Tbc oder allem drein. Das Gedicht erschien 1919 in dem Band „Unser täglich Gift“.

Otfried Krzyzanowski

(25. Juni 1886 Starnberg – 30. November 1918 Wien)

Ästhetik des Kriegs

Nur der erschaut die schönen Berge wirklich,
Der keine Zeit hat, sie zu bewundern.
Die Soldaten im Süden, nicht die Touristen sehn
Die Dolomiten am besten.

Denn die Natur, ob sie schön oder grausam sei:
Für unsre leere Zeit ist sie nicht gemacht.
Und wirklich sieht den Krieg nur einer, der irgendwie
Keine Zeit für ihn hat.

Der Soldat vielleicht, wenn er daheim
Bei seinem Weibe ruht.

Aus: Versensporn 31. Otfried Krzyzanowski. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2018, S. 17