Paul Éluard
(* 14. Dezember 1895 in Saint-Denis bei Paris; † 18. November 1952 in Charenton-le-Pont bei Paris)
Kritik der Dichtung Das Feuer erweckt den Wald Die Stämme die Herzen die Hände die Blätter Das Glück in einen Strauß gebunden Verwirrt sehr leicht schmelzend gesüßt Ein ganzer Wald von Freunden Der sich versammelt bei den grünen Fontänen Der guten Sonne des flammenden Waldes Garcia Lorca wurde hingerichtet Haus eines einzigen Wortes Und Lippen zu leben vereint Ein ganz kleines Kind ohne Tränen In seinen Augäpfeln aus verlorenem Wasser Das Licht des Künftigen Tropfen für Tropfen erfüllt es den Menschen Bis an die durchsichtigen Lider Saint-Pol-Roux wurde hingerichtet Seine Tochter hat man gepeinigt Eisige Stadt aus ähnlichen Ecken Wo ich träume von blühenden Früchten Vom ganzen Himmel und von der Erde Wie von Jungfrauen die sich entblößten In einem Spiel das niemals endet Welke Steine echolos Mauern Ich vermeide euch um ein Lächeln Decour wurde hingerichtet
Deutsch von Stephan Hermlin, aus: Paul Éluard: Trauer schönes Antlitz. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1974, S. 125
Critique de la poésie Le feu réveille la forêt Les troncs les cœurs les mains les feuilles Le bonheur en un seul bouquet Confus léger fondant sucré C’est toute une forêt d’amis Qui s’assemble aux fontaines vertes Du bon soleil du bois flambant Garcia Lorca a été mis à mort Maison d’une seule parole Et des lèvres unies pour vivre Un tout petit enfant sans larmes Dans ses prunelles d’eau perdue La lumière de l’avenir Goutte à goutte elle comble l’homme Jusqu’aux paupières transparentes Saint-Pol-Roux a été mis à mort Sa fille a été suppliciée Ville glacée d’angles semblables Où je rêve de fruits en fleur Du ciel entier et de la terre Comme à de vierges découvertes Dans un jeu qui n’en finit pas Pierres fanées murs sans écho Je vous évite d’un sourire Decour a été mis à mort
Federico García Lorca, der größte spanische Dichter der Neuzeit, wurde von Franco nach der Eroberung von Sevilla erschossen. Saint-Pol-Roux, der fast achtzigjährige Volksdichter der Bretagne, wurde nach furchtbaren Foltern von Angehörigen der SS in seinem Hause ermordet, nachdem man ihn gezwungen hatte, der Vergewaltigung seiner Tochter beizuwohnen. Jacques Decour, einer der glänzendsten jungen Germanisten Frankreichs, veröffentlichte Arbeiten über Goethe, Hölderlin und Kleist und übersetzte Hans Carossa ins Französische. Er wurde im Jahre 1942 erschossen. (Anm. d. Übers.)
Heinrich Heine
(* 13. Dezember 1797 in Düsseldorf; † 17. Februar 1856 in Paris)
Mittelalterliche Rohheit Weicht dem Aufschwung schöner Künste: Instrument moderner Bildung Ist vorzüglich das Klavier. Auch die Eisenbahnen wirken Heilsam aufs Familienleben Sintemal sie uns erleichtern Die Entfernung von der Sippschaft. Wie bedaur' ich daß die Darre Meines Rückgratmarks mich hindert, Lange Zeit noch zu verweilen In dergleichen Fortschrittswelt !
Dieses Gedicht ist nur in einer Abschrift von fremder Hand überliefert und wurde zuerst 1869 gedruckt. Entstanden ist es vielleicht nach August 1851. Es steht in der Säkulärausgabe in Band 3 (2008), S. 231. Im Kommentarband dazu finden sich noch zwei gestrichene Strophen:
Die Veredlung wird gesteigert Seit die Schreibkunst sich verbreitet, Selten schimpfen wir uns mündlich Und die [a] Bosheit [b] Liebe greift zur Feder. Und man schreibt uns jetzt die Schwindsucht In den Leib, ins Rückgrat-Mark Und wir legen uns zu Bette Und wir stehen nicht mehr auf.
Robert Browning
(* 7. Mai 1812 im Londoner Stadtteil Camberwell; † 12. Dezember 1889 in Venedig)
RAFFAELS SONETTE aus „Noch ein Wort“ Raffael schuf ein Hundert von Sonetten, Schuf und schrieb sie ein in ein bestimmtes Buch mit seinem silberzarten Bleistift. Sonst hat er Madonnen nur gezeichnet: Für das Aug der Welt — jedoch das Eine Buch, für wen? du fragst? Dein Herz belehrt dich. Hat sie’s all ihr Leben lang geliebt, Schlief sie, diese Frau von den Sonetten, Starb sie, und es lag bei ihrem Kissen, Lag da an dem Platz von Raffaels Ruhm, Raffaels Wange, liebevoll und folgsam – Er, den alle Welt als Maler rühmte, Er, den ihre Liebe zum Dichter machte? Du und ich, wir läsen wohl noch lieber Dieses Buch (und fühlten seinen Herzschlag) Meinst du nicht? den Herzschlag Raffaels, Als zu staunen über die Madonnen Die von Sisto und die von Foligno, Und die als Vision Florenz besuchte, Und die mit den Lilien, aus dem Louvre, Die die ganze Welt mit uns bewundert. Doch wir werden dieses Buch nie lesen. Wie den Apfel seines Augs hat Guido Reni diesen Schatz geliebt, gehütet. Guido Reni starb, da schrie Bologna Und die Welt: „Jetzt soll er uns gehören!" Da war’s fort. So gehts mit seltnen Dingen.
Deutsch von Bernt von Heiseler, aus: Die Lyra des Orpheus. Lyrik der Völker in deutscher Nachdichtung. Hrsg. Felix Braun. München: Heyne, 1978, S. 669f
Raffael soll 100 Sonette für seine Frau geschrieben haben, von denen nur 3 erhalten sind. Das Manuskript der Sonette soll in die Hände des Malers Guido Reni gekommen sein, und nach seinem Tod verschollen.
One Word More II Rafael made a century of sonnets, Made and wrote them in a certain volume Dinted with the silver-pointed pencil Else he only used to draw Madonnas: These, the world might view—-but one, the volume. Who that one, you ask? Your heart instructs you. Did she live and love it all her life-time? Did she drop, his lady of the sonnets, Die, and let it drop beside her pillow Where it lay in place of Rafael’s glory, Rafael’s cheek so duteous and so loving Cheek, the world was wont to hail a painter’s, Rafael’s cheek, her love had turned a poet’s?
III You and I would rather read that volume, (Taken to his beating bosom by it) Lean and list the bosom-beats of Rafael, Would we not? than wonder at Madonnas Her, San Sisto names, and Her, Foligno, Her, that visits Florence in a vision, Her, that’s left with lilies in the Louvre3 Seen by us and all the world in circle.
IV You and I will never read that volume. Guido Reni, like his own eye's apple Guarded long the treasure-book and loved it. Guido Reni dying, all Bologna Cried, and the world cried too, “Ours, the treasure!" Suddenly, as rare things will, it vanished.
Moritz von Strachwitz
(Graf Moritz Karl Wilhelm Anton von Strachwitz, * 13. März 1822 in Peterwitz bei Frankenstein, Schlesien; † 11. Dezember 1847 in Wien)
Aus: Venedig Ich bin so krank und sterben möcht' ich gerne Hier in Venedig, und begraben liegen In dieser Flut, dem Ruheplatz der Sterne! In jeder Nacht pfleg' ich mich drauf zu wiegen, Und ihrer Tiefe schwärzeste Geschichten Behorch' ich dann mit schaurigem Vergnügen. – Beschloß der Rat der Drei, geheim zu richten Ein Opfer, des Geschrei's im Volke wegen, Und galt's ein schnell und spurenlos Vernichten: Da glitt um Mitternacht, dem Mond entgegen, Die Gondel aus der Seufzerbrücke Schatten, So schwarz und still, wie alle Gondeln pflegen. Und lautlos durch Galeeren und Fregatten Kroch sie hindurch, bis wo des Meeres Enge Sich dehnt zu breiteren, smaragdnen Matten. Dort hielt sie still. Dann aber war's, als sprenge Ein dumpfer Fall die kaum bewegte Fläche, Und leise Kreise zitterten in Menge. Auch war's den Schiffern, die im Nachtgespräche An Lido's Ufern stellten ihre Stricke, Als ob ein Schrei im Wellenschlag zerbräche. Die stille Gondel aber schwamm zurücke, Wie sie gekommen, spurlos und verborgen, Und schwand im Schattenstreif der Seufzerbrücke: Doch der Verbrecher starb am andern Morgen.
Quelle:
Moritz von Strachwitz: Sämtliche Lieder und Balladen, Berlin 1912, S. 269.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20005728894
Gertrud Kolmar
(* 10. Dezember 1894 in Berlin; † vermutlich Anfang März 1943 in Auschwitz)
Anno Domini 1933 Er hielt an einer Straßenecke. Bald wuchs um ihn die Menschenhecke. Sein Bart war schwarz, sein Haar war schlicht. Ein großes östliches Gesicht, Doch schwer und wie erschöpft von Leid. Ein härenes verschollnes Kleid. Er sprach und rührte mit der Hand Ein Kind, das arm und frostig stand: »Ihr macht es krank, ihr schafft es blaß; Wie Aussatz schmückt es euer Haß, Ihr lehrt es stammeln euren Fluch, Ihr schnürt sein Haupt ins Fahnentuch, Zerfreßt sein Herz mit eurer Pest, Daß es den kleinen Himmel läßt —« Da griff ins Wort die nackte Faust: »Schluck' selbst den Unflat, den du braust! Du putzt dich auf als Jesus Christ Und bist ein Jud und Kommunist. Die krumme Nase, Levi, Saul, Hier, nimm den Blutzins und halt's Maul!« Ihn warf der Stoß, ihn brach der Hieb. Die Leute zogen mit. Er blieb. Gen Abend trat im Krankenhaus Der Arzt ans Bett. Es war schon aus. – Ein Galgenkreuz, ein Dornenkranz Im fernen Staub des Morgenlands. Ein Stiefeltritt, ein Knüppelstreich Im dritten, christlich-deutschen Reich.
Aus: Gertrud Kolmar, Das lyrische Werk. Gedichte 1927-1937. Hrsg. Regina Nörtemann. Göttingen: Wallstein, 2003, S. 369f
Fritz Graßhoff
(* 9. Dezember 1913 in Quedlinburg; † 9. Februar 1997 in Hudson, Kanada)
Commeci-commeça Grand filou Commeci-commeça, Meisterdieb aus Pontois, schlau wie Ratte in der Wand, treu wie bares Geld in Hand, gibt dem armen Luder ab, Bruder Fedja Zapzerap. Armes Luder denkt: Da, da, dieser Pan Commeci-commeça, auch kein großes Kirchenlicht. Nimm dir man, er merkt es nicht. Säbelt flott vom Brote ab, lucki, lucki – zapzerap. Attention! Commeci-commeça merkt es aber gleich: aha! daß bemusselt in der Nacht Luder ihn voll Niedertracht. Spricht: Ich bringe dich auf Trab, du verdammtes Zapzerap! Armes Luder lacht: Haha! Nitschewo, Commeci-commeça! Deine Weste auch nicht blank, weiß von dir was, Gott sei Dank! Klaut sich feste was aus Schapp, lucki, lucki – zapzerap. Grand Malheur! Commeci-commeça zischt bloß leise: Ohlàlà! Duckt sich heimlich hinter Strauch, knallt ihm kleines Loch in Bauch. Liegt im Grase still und schlapp Bruder Fedja Zapzerap. Vite, vite, vite! Commeci-commeça ist schon weiter, aber ja! weil durch Steckbrief, ei verflucht, überall im Land gesucht. Schnappt ihn wer, verdient nicht knapp Pinke-Pinke – zapzerap.![]()
Aus: Fritz Graßhoff: Die große Halunkenpostille. Songs Balladen Moritaten. München: dtv, 1967 (81.-95. Tsd. 1.: 1963), S. 13f
Rudolf Prietze sammelte um 1904 in Nordafrika Lieder der Haussa (Hausa) und ließ sie sich später in Tunis und Kairo von zugewanderten Hausa und Zöglingen der Azhar-Moschee Wort für Wort erklären. Es sind Erzeugnisse fahrender Dichter-Sänger, zábia (Plural) genannt ein stets weibliches Wort, obwohl diese zábibioï meist Männer sind. Dieser „selbstdichtende Sänger“, in unserer Sprache Liedermacher, zieht mit einem Gefolge von Musikern und „Jüngern“, er wird auf Lebenszeit gewählt. In diesen Ländern, Prietze nennt sie zeittypisch Länder niederer Kultur, ist der Sänger unentbehrlich und bringt nicht nur Lust, sondern trägt und erschafft zugleich die öffentliche Meinung wie in Europa die Presse.
Das heutige Lied stammt von dem Sänger Danuma, er nannte seinen Liederstrauß „Lieder des Papageien“. Die Fahrenden reiten zur nächsten Stadt, trommeln die Menschen zusammen und tragen sie vor, während Leute aus dem Gefolge Spenden einsammeln. Die Lieder sind nicht improvisiert, sondern gut vorbereitet und aufgezeichnet, werden aber durch Einschiebsel und Umformungen aktualisiert. Der Dialekt stammt aus der Provinz Kano in Nigeria. Prietze gibt die Lieder in seiner Transkription mit Wort-für-Wort-Übersetzung, hier in der Grafik, und seiner Nachdichtung, hier darunter.


I. Dies ist das Lied eines Vogels, der sich Papagei nennt. 1. Selbsteinschätzung des Sängers: Während anderes dem Bedarf leicht zur Verfügung steht, ist er, der Papagei, nur langsam und schwer zu gewinnen, ja bleibt für manchen wegen seiner bösen Zunge ein Schrecknis. 1 Das Stroh ist Futter für die Kuh, Heufutter kommt der Stute zu, 2 Mehlschleim mit Natron der Wöchnerin; wenn nicht dem Säugling zum Gewinn, trinkt sie dem schwachen Leib zu lieb. 3 Ich, Vogel der Reichen, ich Papagei, bin Krugbrei, den man nur löffelnd erlangt. 4 Kwaras Bruder ist Brei auf des Köchers Grund: ihn wird nur essen der Pfeilspitze Mund. 5 Kwaras Bruder ist Leichenwaschwasser: kein Mensch trinkt auch nur einen Schluck davon. 6 Ich, Kwaras Bruder, bin Kraut vom Tabak, davon kein Pferd etwas fressen mag.
Der Herausgeber erläutert zur 3. Strophe: „Das Bild will sagen: Meine Gunst ist nur durch fortgesetztes Werben, durch unablässige Freigiebigkeit zu erlangen.“
Aus: Rudolf Prietze: Haussa-Sänger I.Nachrichten von der K. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. Philologisch-historische Klasse. 1916, S. 182ff
Raja Lubinetzki
(* 6. Dezember 1962 in Kropstädt)
ICH MACH schon primär Volkskunst weil du so in mir steckst die klassiken verjessen sich drübber ich bin doch jar ne deudtsch und hoch sitz ich hier in diesem kolten berlin und muß immer träumen von dir un du sitzt dort im kaffee und soofst und ich versteh das alles nich was da mit mir los is
Aus: Mikado oder Der Kaiser ist nackt. Selbstverlegte Literatur in der DDR. Hrsg. Uwe Kolbe, Lothar Trolle u. Bernd Wagner. Darmstadt: Luchterhand, 1988, S. 85 (Zuerst 1984 in der Untergrundzeitschrift Mikado)
Lubinetzki ist die Tochter einer deutschen Mutter und eines Studenten aus Kamerun. Nach einer Schriftsetzerlehre lebte sie in der Künstler- und Literatenszene am Prenzlauer Berg. 1987 stellte sie einen Ausreiseantrag und übersiedelte nach West-Berlin. Sie lebt in Berlin-Kreuzberg.
https://de.wikipedia.org/wiki/Raja_Lubinetzki
VOM "P" ZUM "L", ODER: WIE MAN DIE PANDEMIE PRODUKTIV BEWÄLTIGT (ERSTVERÖFFENTLICHUNG) Tom de Toys "L"OCKDOWN-TO-EARTH (in Gedenken an Peter Rech)* nach nur einem monat abstinenz von der routine nur vage erinnerung an die vertrautheit und selbstverständlichkeit der umgebung was früher normal und gewollt war bewirkt heute noch nicht einmal nostalgie ICH vermisse das meer und den strand und die ausgangssperre die permanenten inzidenzwerte als unterhaltungsprogramm gegen die langeweile im homeoffice tag null nach der pandemie ohne quarantäne ohne die toten ohne das ewige warten geimpft und verschont orientierungslos aber leibhaftig vorhanden ein geistloser geist in einem mit insolvenzmarken bekleideten körper antiquarischer eleganz sogar die zu großen schuhe schon winterfest mitten im aufkeimenden frühsommer mit neuen und unbekannten insekten vögeln eichhörnchen autos und maskenpflicht als ob wir die eigene totenmaske benötigen um das gesicht als das unsere zu bemerken ich spüre die rückkehr in diese verlassene stadt mit gemischten gefühlen meine bürgerliche ID ist auf der berühmten strecke geblieben die wohnung gleicht einem feriendomizil meine handlungen sind die eines nachlassverwalters wo ist dieser mensch den man im spiegel erkannte die augen und haare sind ähnlich und doch stimmt etwas nicht unter der maske herrscht chaos verwirrung unendlichkeit das getöse der sterne und galaxien rückt näher als der geruch des grundlosen kaffees ich werde nun nicht mehr gebraucht bin ein mundtoter hoffnungslos sehnsüchtiger sitzengebliebener kandidat einer reality show die sich gesellschaft nennt dieses jahrtausende alte open-air livestream system mit religionen konsumgütern und täglichem wetterbericht ein sich selbst generierendes tröstungssystem das seine eigene zukunft vorwegnimmt bevor seine bewohner hinein wachsen können die babys schreien sich ihre unschuldige kehle aus dem kokonartigen miniaturleib ihre mütter stopfen die kleinen mäuler mit gummibärchen notdürftig geduldet bevor matheformeln und fremdsprachen das neuro- nale giganetz erweitern dessen mittelpunkt immer kurz dort aufglimmt wo diese mystische hintergrundstrahlung des uns allzu bekannten universums zu schwach wird um eine sinn- haftigkeit zu erkennen die letzte erleuchtung über das leben an sich hat den umfang einer bodenlosen schale voller roter rosen die niemals leer werden kann solange wir an offenen gräbern atmen und die regale mit spritzgebäck und plastikkitsch füllen
Tom de Toys, 31.5.2021 (14-16h) @ http://www.slampoesie.de Teil 2: als Poetryclip für 2022 geplant!
Zum Autor: De Toys (*1968) erarbeitete während des Coronalockdowns 2020 das multimediale Buchprojekt „RU[H]R RÄTSEL“ (www.nahzone.de) und für das Schulministerium das didaktische PDF „LERN:LYRIK“ (www.schulgedichte.de), das sich über die neue Bildungsmediathek NRW für den Deutschunterricht abrufen lässt. Neuerdings präsentiert De Toys ausgewählte Poetryclips auf TikTok: https://www.tiktok.com/@poplyrik
*) Das „L“ im Gedichttitel bezieht sich auf eine Zeile im Gedicht „P“ von Peter Rech, das De Toys vor 12 Jahren anlässlich der LYRIKMAIL-Publikation rezitierte:
NACHRUF AUF PETER RECH (21.5.1943 – 5.12.2019) @ https://poesiepreis.jimdofree.com/preistraeger/9-nahbellpreis-2008-peter-rech/
Ben Lerner
(Geboren 1979 in Topeka, Kansas)
»Pack deine Fußnoten ein, Dr. Akribisch. Das Ende ist nah. Deine Vorhut Fluchtpunkte verflüchtigte sich in der kritischen Nacht. Wir begegneten einer Theorie des Gefieders mit Gefieder. Wir dezentrierten unsere Krawatten. Gib diese Spenglersuiten auf, diesen geräumigen Raum, dies graue Warum. Nie wieder werden deine Elefanten in die Botschaft scheißen. Nie wieder wirst du in deinem zweitürigen Sportsarg durch Topeka kurven. In memoriam werden wir die Gesetze, die du gebrochen hast, gebrochen lassen.« Über Vision und Modernität im Zwanzigsten Jahrhundert schrieb meine Mutter »Hilfe.« Über die Geschichte des Strukturalismus schrieb mein Vater »Bau dir ein Haus.« Über den Mittleren Westen von 1979 bis heute schrieb ich »Pack deine Fußnoten ein, Dr. Akribisch. Das Ende ist nah.« Ich wünschte, alle schwierigen Gedichte wären tief. Hupen Sie, wenn Sie wünschten, alle schwierigen Gedichte wären tief.
Deutsch von Steffen Popp, aus: Ben Lerner, die lichtenbergfiguren. Gedichte, zweisprachig. Übersetzt von Steffen Popp. Wiesbaden: luxbooks, 2011, S. 23
‘‘Gather your marginals, Mr. Specific.The end is nigh. Your vanguard of vanishing points has vanished in the critical night.We have encountered a theory of plumage with plumage. We have decentered our ties. You must quit these Spenglerian Suites, this roomy room, this gloomy Why. Never again will your elephants shit in the embassy. Never again will you cruise through Topeka in your sporty two-door coffin. In memoriam, we will leave the laws you’ve broken broken.” On Vision and modernity in the twentieth Century, my mother wrote “Help me.” On the history of structuralism my father wrote “Settle down.” On the American Midwest from 1979 to the present, I wrote “Gather your marginals, Mr. Specific.The end is nigh.” I wish all difficult poems were profound. Honk if you wish all difficult poems were profound.

Mary Ruefle
(Geboren 1952 in McKeesport / Pennsylvania)
Der Zustand alleiniger Seligkeit In diesem Zimmer sahen wir nackt aus. Ohne eine Theorie, drei Eier in einer Schale. Stück für Stück gaben wir die Hoffnung auf, je verstanden zu werden. Wir gaben ein großes Leuchten von uns. Draußen vor dem Fenster langschwänzige Fasane, sie fegten den verlassenen Rasen. Stück für Stück wurde dem von der Dämmerung gemalten Haus der Schatten entzogen. Mönche schossen die weißen Hasen im Morgendämmer, ein paar von ihnen liefen davon und niemals. Auch ein paar Mönche.
Deutsch von Esther Kinsky. Aus: Schreibheft #97, August 2021, S. 19 (darin ein Dossier mit Beiträgen und Übersetzungen von Sonja vom Brocke, Esther Kinsky, Norbert Lange, Daniel Levin Becker, Mary Ruefle, Clemens J. Setz, Cecilia Tricker und Anja Utler. Außerdem Dossiers zu Lorine Niedecker und William Carlos Williams.

Christiane Grosz
(* 7. Januar 1944 in Berlin, † 10. November 2021)
zu AGNUS DEI für Herrn Nicanor Parra in Verehrung Sie fragten das Lamm Gottes nach der Anzahl der Äpfel im irdischen Paradies zu recht. Ich hoffe, Sie erhielten Antwort und haben die Zahl überprüft. Sie baten das Lamm Gottes um die Angabe der Uhrzeit zu recht. Ich hoffe. Sie erhielten Antwort und wissen inzwischen, wie spät es ist. Sie forderten vom Lamm Gottes die Wolle für einen Pullover zu recht. Auch ich wünsche, daß Sie nicht frieren! Sie forderten für den heiligen Augenblick des Beischlafs vom Lamm Gottes: Laß mich jetzt in Ruhe bumsen. Herr Parra verehrter ich glaube. Sie waren nicht ganz bei der Sache. 19.5.89
Aus: Christiane Grosz, Die asoziale Taube. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1991, S. 34
Ernst Toller
(geboren am 1. Dezember 1893 in Samotschin, Provinz Posen; gestorben am 22. Mai 1939 in New York City)
ALP Auf einer Stange morsch und faul Hockt das Völkergewissen, Um die Stange tanzen drei Kinderknochen, Aus dem Leib einer jungen Mutter gebrochen, Es blökt den Takt das Schaf bäh bäh.
Aus: Poesiealbum 132. Ernst Toller. Auswahl Richard Pietraß. Berlin: Neues Leben, 1978, S. 6
Otfried Krzyzanowski, um Soldat zu sein war er zu krank, für eine bürgerliche Existenz nicht tauglich oder nicht bereit, er lebte seine radikale Bohèmeexistenz in Wiener Kaffeehäusern, las Nietzsche, erbettelte ein karges Überleben. Über den Krieg schreiben kann vielleicht nur, wer nicht mit drin steckt. Kurz nach Kriegsende blieb er dem Kaffeehaus fern, er war in einem Wiener Krankenhaus gestorben, an oder mit Hunger, Grippe oder Tbc oder allem drein. Das Gedicht erschien 1919 in dem Band „Unser täglich Gift“.
Otfried Krzyzanowski
(25. Juni 1886 Starnberg – 30. November 1918 Wien)
Ästhetik des Kriegs Nur der erschaut die schönen Berge wirklich, Der keine Zeit hat, sie zu bewundern. Die Soldaten im Süden, nicht die Touristen sehn Die Dolomiten am besten. Denn die Natur, ob sie schön oder grausam sei: Für unsre leere Zeit ist sie nicht gemacht. Und wirklich sieht den Krieg nur einer, der irgendwie Keine Zeit für ihn hat. Der Soldat vielleicht, wenn er daheim Bei seinem Weibe ruht.
Aus: Versensporn 31. Otfried Krzyzanowski. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2018, S. 17
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