Jeghische Tscharenz, der heute als bedeutendster armenischer Dichter des 20. Jahrhunderts gilt, wurde im Juni (laut deutschem Wiki) oder September 1937 (laut russischer Version) im Zuge der Stalinschen „Großen Säuberung“ verhaftet. Am 27. (Wiki deutsch) oder 29. (Wiki englisch) November 1937 kam er in NKWD-Haft in Jerewan unter bis heute unbekannten Umständen ums Leben. Unbekannt sind auch Ort und Umstände seines Begräbnisses. Die französische Wiki nennt aber einen Ort: „auf der linken Seite der Autobahn Jerewan-Etschmiadsin, neben der Schlucht des Flusses Hrazdan.“ Nach Stalins Tod wurde er rehabilitiert. Seine Manuskripte überlebten im Garten einer Freundin vergraben.
Jeghische Tscharenz
(armenisch Եղիշե Չարենց; traditionelle Schreibung Եղիշէ Չարենց‘; * 13. März 1897 in Kars, Russisches Reich, heute Türkei; † 27. November 1937 in Jerewan, UdSSR, heute Armenien)
DICHTER Für mich wird das Schlechte gut, Der farblose Alltag – ein zauberischer Traum; Ich liebe alle Farben der Welt; Die irdische Weite wie die unfaßbaren Sterne. Und die geistlosen Lieder der Fußgänger, Das Sausen der Fahrzeuge, den Weg der Straße – Sie wandeln sich plötzlich in eine Erscheinung, Die in der Seele des Dichters erträumt wurde. Wenn ich die Lippen einer Frau küsse, Lippen, die tausend Männer geküßt haben – Glaube ich, daß es die Lippen der Schwester sind, Einer Jungfrau – und daß sie noch rein sind. Wer wird den Weg des Dichters verstehen ... Wenn er auf den Straßen wandelt – In seiner beflügelten, bestirnten Seele Schwebt er weit auf zu den Sternen. Wer wird verstehen, warum er Die feuchten Lippen einer Frau küßt. Und im selben Augenblick betet er Vor dem Schatten der fernen Schwester. Wer wird das Lied in seinem Herzen hören. Das Lied eines wirren, gar irren Mannes. Doch er wird lächeln im Sterben und sagen; – Segen dir, Leben. Ein Wunder warst du ... 1916
Deutsch von Matthias Fritz, aus: Jeghische Tscharenz, Die Reisenden auf der Milchstraße. Berlin: SuKuLTuR, 2009, S. 5
Manuel Bandeira
(* 19. April 1886, Recife PE; † 13. Oktober 1968, Rio de Janeiro)
Poetik Ich habe genug von maßvoller Lyrik Von wohlerzogener Lyrik Von Staatsbeamtenlyrik mit Anwesenheitsliste Dienstzeit Protokoll und Einschmeichelei beim Herrn Direktor Ich habe genug von Lyrik die innehält und im Wörterbuch die Bedeutung einer Vokabel nachprüft Nieder mit den Puristen Ich will alle Wörter vor allem die weltweiten Barbarismen Alle Konstruktionen vor allem die syntaktischen Ausnahmen Alle Rhythmen vor allem die unzählbaren Ich habe genug von liebestrunkener Lyrik Von politischer Rachitischer Syphilitischer Von jeder Lyrik die vor allem kapituliert was nicht sie selbst ist Denn das ist keine Lyrik Sondern Buchhaltung Kosinustabelle Handbuch des vorbildlichen Liebhabers mit hundert Briefmodellen und verschiedenen Arten Frauen zu gefallen usw Ich will lieber die Lyrik der Verrückten Die Lyrik der Betrunkenen Die schwierige treibende Lyrik der Betrunkenen Die Lyrik der Shakespeareschen Clowns – Ich will nichts mehr wissen von Lyrik die nicht Befreiung ist 1925
Aus: Brasilianische Poesie des 20. Jahrhunderts. Hrsg. u. übers. von Curt Meyer-Clason. München: dtv, 1975, S. 10f
Poética Estou farto do lirismo comedido Do lirismo bem comportado Do lirismo funcionário público com livro de ponto expediente protocolo e manifestações de apreço ao Sr. Diretor. Estou farto do lirismo que pára e vai averiguar no dicionário o cunho vernáculo de um vocábulo. Abaixo os puristas Todas as palavras sobretudo os barbarismos universais Todas as construções sobretudo as sintaxes de excepção Todos os ritmos sobretudo os inumeráveis Estou farto do lirismo namorador Político Raquítico Sifilítico De todo lirismo que capitula ao que quer que seja fora de si mesmo De resto não é lirismo Será contabilidade tabela de co-senos secretário do amante exemplar com cem modelos de cartas e as diferentes maneiras de agradar às mulheres, etc. Quero antes o lirismo dos loucos O lirismo dos bêbados O lirismo difícil e pungente dos bêbedos O lirismo dos clowns de Shakespeare – Não quero mais saber do lirismo que não é libertação.
Heute vor 80 Jahren, am 27. November 1941 werden mit dem „7. Osttransport“ vom Bahnhof Berlin-Grunewald mehr als tausend Juden nach Riga deportiert, darunter auch die Dichterin Ite Liebenthal. Sie werden drei Tage später im Wald von Rumbula bei Riga ermordet.
Ite Liebenthal
(eigentlich Ida Liebenthal; geboren am 15. Januar 1886 in Berlin; ermordet am 30. November 1941 im Wald von Rumbula bei Riga)
Bald wird mein junges Herz ein alt Gesicht im Spiegel sehn und wird es nicht begreifen, daß wenig schnelle Jahre schon die Schicht des weichen Schmelzes von den Zügen streifen. Noch blühte nicht die Eine Liebe ab, die ihre Äste weit in mir verzweigte. Die unbemerkte Zeit entwich. Ich gab nicht acht darauf, daß sich die Sonne neigte. Und also ist nun sanfter Niedergang, was Aufgang schien, und alles liegt dazwischen? 0 junges Herz! ein Blütenüberschwang, um Morgenduft in Abendtraum zu mischen.
Aus: Ite Liebenthal. Versensporn 10. Jena: Edition Poesie tut gut, 2013, S. 12. Das Gedicht erschien in dem Band Gedichte, Jena: Lichtenstein, 1921.

František Listopad (eigtl. Jiří Synek), tschechischer Schriftsteller, Kritiker, Fernseh-, Theater- und Opernregisseur, geboren heute vor 100 Jahren in Prag. Ab 1941 im besetzten Böhmen untergetaucht. Vater, Großvater und Onkel werden Opfer der Deutschen. Gründet im Mai 1945 mit Freunden die Zeitung Mladá Fronta und gehörte dem gleichnamigen Dichterzirkel an. Studium in Prag. Bis 1947 vier Gedicht- und zwei Prosabände. Korrespondent in Paris, ab 1948 dort im Exil. Seit 1959 in Portugal. Professor für slawische Kultur und Anthropologie an der Technischen Universität Lissabon, Direktor der Theater- und Filmhochschule in Lissabon, inszeniert an europäischen Opern- und Theaterbühnen. Erst ab Dezember 1989 wird er wieder in seinem Heimatland gedruckt.
František Listopad
(* 26. November 1921 in Prag; † 1. Oktober 2017 in Lissabon)
Ungesang mit Blumen
Der dritte Gesang wird nicht singen er wird sich nur erinnern wie er die Siebenbürger Zwetschken im großväterlichen evangelischen Garten vergißt Am Sonntag die weiße Kirche das Bethaus wohin wir in einer geborgten schwarzen Kutsche fuhren mit Rappen vom Herrn Bauer Wer jauchzte beim gemeinsamen Gebet Großvater František Großmutter Gabriela die kleine Růže Růžena und dann die Mutter (Mutter?) Marta geborene Poláková später Erbenová jetzt Synková zweite Frau meines Vaters Emil
In der Realschule auf dem Strossmayer-Platz schrieen die Mitschüler ihm nach
Emilfratz du Dreckspatz
aber er glaubte nicht an Gott tolerierte ihn
Fanny war die Schwester eines Pfarrers der böhmischen Brüderkirche ich hatte Angst sie anzufassen aber der südfranzösische Aufenthalt zwischen Provence und Cote d’Azur war stärker als unsere Scham und Sünde
Billigeren Joghurt mit verfallenem Datum kaufen Die Kinder wuchsen zur Schönheit heran Der Sozialismus so nah und auch so fern Und schon ganz lädiert Die Alchimisten der Revolutionen sind gestorben Schweig Gast Schreiben verdirbt die Stille Absolute Worte sind ungeschriebene ungesagte Die Stille stören nur zu Mystikern gewendete Gärtner
Golfspieler ohne Löcher
Man fragte das Kind: wie sprechen die Fische?
Das Kind fing an Bartók zu singen
ein Jahrhundert lang ist die hundertblättrige Rose Rose
Ich gewann ein Pingpongturnier
gewann den Wettbewerb um das schönste Gedicht
über die Rose Dann begann ich alles zu verlieren
Wir erdichten die Leben ich und du
Wo sind die Schneeglöckchen
Deutsch von Eduard Schreiber, aus: Die Erde ist Kohle und Zitronen. Aus dem Tschechischen von Eduard Schreiber. Grafik Ludwig Kunderá. Berlin: Hochroth, 2014, S. 20-23


Jorge Luis Borges
(* 24. August 1899 in Buenos Aires; † 14. Juni 1986 in Genf)
Der Regen Jäh ist der Abend hell geworden, denn schon fällt der Regen in genauen Tropfen. Fällt oder fiel. Zweifellos ist der Regen etwas, was in Vergangenheit geschieht. Der, der ihn fallen hört, gewinnt die Zeit zurück, da ihm ein günstiges Geschick die Blume namens Rose offenbarte und diese sonderbare Farbe Rot. Der Regen, der die Scheiben blendet, wird in verlorenen Vorstädten die schwarzen Trauben der Laube eines Patio erquicken, der nicht mehr ist. Dieser benetzte Abend bringt mir die Stimme, die ersehnte Stimme meines Vaters, der heimkehrt und nicht tot ist. Aus dem Spanischen von Gisbert Haefs - 138 -
Deutsch von Gisbert Haefs, aus: Natur! 100 Gedichte. Ausgewählt und mit einem Essay von John Burnside. München: Penguin, 2018, S. 138.
La lluvia Bruscamente la tarde se ha aclarado Porque ya cae la lluvia minuciosa. Cae o cayó. La lluvia es una cosa Que sin duda sucede en el pasado. Quien la oye caer ha recobrado El tiempo en que la suerte venturosa Le reveló una flor llamada rosa Y el curioso color del colorado. Esta lluvia que ciega los cristales Alegrará en perdidos arrabales Las negras uvas de una parra en cierto Patio que ya no existe. La mojada Tarde me trae la voz, la voz deseada, De mi padre que vuelve y que no ha muerto.
Lautréamont
(Eigentlich Isidore Lucien Ducasse, * 4. April 1846 in Montevideo, Uruguay; † 24. November 1870 in Paris)
Erster Gesang, fünfte Strophe
Mein ganzes Leben lang sah ich die Menschen mit engen Schultern, ohne eine einzige Ausnahme, stupide und zahlreiche Taten vollbringen, sah sie ihresgleichen verdummen und die Seelen mit allen Mitteln verderben. Das Motiv ihrer Handlungen nennen sie: Ruhm. Bei solchem Anblick wollte ich lachen wie die anderen; aber das, seltsame Nachahmung, war unmöglich. Ich nahm ein Federmesser mit scharf geschliffener Klinge, und dort, wo die Lippen sich vereinigen, durchschnitt ich das Fleisch. Einen Augenblick lang glaubte ich mein Ziel erreicht In einem Spiegel betrachtete ich diesen durch eigenen Willen verletzten Mund! Es war ein Irrtum! Das Blut, das reichlich aus beiden Wunden floß, hinderte mich übrigens zu erkennen, ob dies wirklich das Lachen der anderen sei. Aber nach kurzen Vergleichen sah ich genau, daß mein Lachen dem der Menschen nicht glich, das heißt, ich lachte nicht. Ich sah die Menschen mit häßlichem Haupt und mit schrecklichen, tief in finsterer Höhle liegenden Augen, die Härte des Felsens, die Starre gegossenen Stahls, die Grausamkeit des Haifisches, die Arroganz der Jugend, die Raserei der Verbrecher, den Verrat der Heuchler, die ungewöhnlichsten Komödianten, die Charakterstärke der Priester und die höchste Verstellungskunst, die kältesten Wesen der Welten und des Himmels übertreffen; sah die Moralisten erlahmen, ihr Herz zu entdecken und unversöhnlichen Zorn von oben herabbeschwören. Ich habe sie alle auf einmal gesehen, bald die derbe Faust wider den Himmel erhoben wie die eines schon perversen Kindes wider die Mutter, wahrscheinlich von einem Dämon der Hölle getrieben, die Augen schwer von nagender Reue und Haß zugleich, in eisigem Schweigen verharren, nicht wagend, die ungeheuerlichen und undankbaren Gedanken, voller Ungerechtigkeit und Grauen, die ihr Herz verbarg, zu äußern, um bei dem Gott der Barmherzigkeit trauerndes Mitleid zu wecken; bald, zu jeder Stunde des Tages, von Kindheit auf bis zum höchsten Greisenalter, unglaubliche Flüche verbreitend, ohne Sinn für Gemeinschaft, wider alles, was atmet, wider sich selbst und die Vorsehung, Frauen und Kinder prostituieren und so die Leibesteile entehren, die der Scham geweiht sind. Da erheben die Meere ihre Fluten, reißen die Planken in ihre Schlünde hinab: Orkane und Erdbeben zerschmettern die Häuser; die Pest und vielerlei Krankheit lichten die betenden Familien. Aber die Menschen achten dessen nicht. Ich sah sie auch vor Scham erröten und erbleichen wegen ihres Wandels auf dieser Erde; selten jedoch. Stürme, Brüder der Orkane, bläuliches Firmament, dessen Schönheit ich nicht anerkenne, heuchlerisches Meer, Ebenbild meines Herzens, Erde, geheimnisvoller Schoß, Bewohner der Sphären, gesamtes Universum, Gott, der du es so herrlich geschaffen hast, dich rufe ich an: zeige mir einen Menschen, der gut ist!... Aber möge deine Gnade meine natürlichen Kräfte verzehnfachen; denn beim Anblick dieses Scheusals könnte ich vor Staunen sterben: man stirbt an weniger.
Aus dem Französischen von Ré Soupault. Aus: Lautréamont, Die Gesänge des Maldoror. Überarbeitete Neuausgabe. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1992 (6.-7. Tsd.), S. 12f
J'ai vu, pendant toute ma vie, sans en excepter un seul, les hommes, aux épaules étroites, faire des actes stupides et nombreux, abrutir leurs semblables, et pervertir les âmes par tous les moyens. Ils appellent les motifs de leurs actions: la gloire. En voyant ces spectacles, j'ai voulu rire comme les autres; mais cela, étrange imitation, était impossible. J'ai pris un canif dont la lame avait un tranchant acéré, et me suis fendu les chairs aux endroits où se réunissent les lèvres. Un instant je crus mon but atteint. Je regardai dans un miroir cette bouche meurtrie par ma propre volonté! C'était une erreur! Le sang qui coulait avec abondance des deux blessures empêchait d'ailleurs de distinguer si c'était là vraiment le rire des autres. Mais, après quelques instants de comparaison, je vis bien que mon rire ne ressemblait pas à celui des humains, c'est-à-dire que je ne riais pas. J'ai vu des hommes, à la tête laide et aux yeux terribles enfoncés dans l'orbite obscur, surpasser la dureté du roc, la rigidité de l'acier fondu, la cruauté du requin, l'insolence de la jeunesse, la fureur insensée des criminels, les trahisons de l'hypocrite, les comédiens les plus extraordinaires, la puissance de caractère des prêtres, et les êtres les plus cachés au-dehors, les plus froids des mondes et du ciel; lasser les moralistes à découvrir leur coeur, et faire retomber sur eux la colère implacable d'en haut. Je les ai vus tous à la fois, tantôt, le poing le plus robuste dirigé vers le ciel, comme celui d'un enfant déjà pervers contre sa mère, probablement excités par quelque esprit de l'enfer, les yeux chargés d'un remords cuisant en même temps que haineux, dans un silence glacial, n'oser émettre les méditations vastes et ingrates que recelait leur sein, tant elles étaient pleines d'injustice et d'horreur, et attrister de compassion le Dieu de miséricorde; tantôt, à chaque moment du jour, depuis le commencement de l'enfance jusqu'à la fin de la vieillesse, en répandant des anathèmes incroyables, qui n'avaient pas le sens commun, contre tout ce qui respire, contre eux-mêmes et contre la providence, prostituer les femmes et les enfants, et déshonorer ainsi les parties du corps consacrées à la pudeur. Alors, les mers soulèvent leurs eaux, engloutissent dans leurs abîmes les planches; les ouragans, les tremblements de terre renversent les maisons, la perte, les maladies diverses déciment les familles priantes. Mais, les hommes ne s'en aperçoivent pas. Je les ai vus aussi rougissant, pâlissant de honte pour leur conduite sur cette terre; rarement. Tempêtes, soeurs des ouragans; firmament bleuâtre, dont je n'admets pas la beauté; mer hypocrite, image de mon coeur; terre, au sein mystérieux; habitants des sphères; univers entier; Dieu, qui l'as créé avec magnificence, c'est toi que j'invoque: montre-moi un homme qui soit bon!... Mais, que ta grâce décuple mes forces naturelles; car, au spectacle de ce monstre, je puis mourir d'étonnement; on meurt à moins.
Richard Dove
Lockdown III Nicht mehr erotisch Rainer Maria Rilke: Eros (1924) Masken! Masken! Daß man Eros blende. Wer erträgt sein strahlendes Gesicht, wenn er wie die Sommersonnenwende frühlingliches Vorspiel unterbricht. Wie es unversehens im Geplauder anders wird und ernsthaft... Etwas schrie... Und er wirft den namenlosen Schauder wie ein Tempelinnres über sie. O verloren, plötzlich, o verloren! Göttliche umarmen schnell. Leben wand sich, Schicksal ward geboren. Und im Innern weint ein Quell. Covid Masken! Masken! Dass uns Covid schone. Wer erträgt sein krasses Nicht-Gesicht, wenn er, präapokalyptisch, so’ne Asche speit, den Frühling unterbricht. Statt der Wesensschau sehn wir Klorollen, die der Vordermann uns grad wegschnappt .. Groß und namenlos ist das Wegwollen, das in dieser Falle uns ertappt. Horch, Pestglocke – hörst du das Gebimmel? Liebste, komm, umarm mich gleich. Kratzen wir Atlantis in den Himmel, mit dir fall ich zeitlos weich.
Aus: Richard Dove: Unterwegs nach San Borondón. Gedichte. Aachen: Rimbaud, 2020, S. 19

Bleiben wir bei den Slawen. Heute ein wenig südlicher. Aus der Sammlung „Slavische Anthologie“. Mit einer Einleitung von Gregor Krek“ (Stuttgart: Cotta, o.J.: vermutlich Ende des 19. Jahrhunderts, vor der Rechtschreibreform Konrad Dudens) ein Gedicht des slowenischen Dichters Simon Jenko, über den Wikipedia schreibt:
Simon Jenko (* 27. Oktober 1835 in Podreča, Kaisertum Österreich; † 18. Oktober 1869 in Kranj, Österreich-Ungarn) war ein slowenischer Dichter.
Er gilt als der bedeutendste Lyriker der slowenischen Literatur während der Romantik und des Realismus. Simon Jenko schrieb unter anderem den Text der alten slowenischen Nationalhymne Naprej zastava slave.
Jenkos Gedicht bietet eine bestechende Idee zu mehr Generationengerechtigkeit.
Summo Jovi Jupiter! Hör, was ich raten die kann, Was ich zum Heile der Menschheit ersann: Stähle dem Greise die Knochen wie Erz, Unser Blut, heiß wie Glut, fließ' ihm durchs Herz. Uns aber spende, woran es uns fehlt, Was wieder alte Leut' haben: das Geld.
Deutsch von Gojmit Krek. Aus: Slavische Anthologie, a.a.O., S. 212

Treny heißt ein Gedichtzyklus des polnischen Dichters Jan Kochanowski (1530-1584). Laut Wörterbuch heißt das Klagelieder, aber der Anklang an das deutsche Wort Tränen ist sicher nicht zufällig – Tränen war eine in der deutschen Dichtung gebräuchliche Gattungsbezeichnung. Eine im heutigen Polen erschienene zweisprachige Ausgabe hat den Doppeltitel Treny / Thraenen sicher in Anspielung auf die alte Gattung. Die Tränen beklagen des Tod der Tochter des Dichters, Orszula (Ursula).
Kochanowski gilt als der größte Dichter der polnischen Renaissance. Er studierte in Krakau, Königsberg und Padua. Wie alle Humanisten dichtete er auf Latein. Aber als er nach Paris kam, lernte er die französischsprachige Dichtung Pierre Ronsards und seiner Kollegen kennen und begann in seiner Muttersprache zu dichten, Jahrzehnte bevor Martin Opitz das Dichten in der deutschen Volkssprache propagierte. Hier das Original und zwei deutsche Fassungen der sechsten Träne (von 19). In diesem Gedicht nennt er seine Tochter die in seiner Erwartung künftige „slawische Sappho“.
Klagelieder 6 0 meine fröhliche Sängerin! Sappho der Slawen! Welcher doch nicht nur ein kleines Stückchen vom Rasen, Sondern die Laute auch werden sollte zum Erbe! Denn wir erblickten schon dieser Hoffnung Gebärde, Da du dir Liedchen ersannst, niemals je schließend Den Mund, ja, all die Stunden des Tages uns grüßend. So wie die Nachtigall winzig zur Freude der Seele Nachtüber singt im Gesträuch mit bebender Kehle. Ach, du verstummtest zu schnell! Denn jählings verschreckte Grausamer Tod die morgens mich plaudernd sonst weckte! Süß war dein Lied mir, keinem andern vergleichlich. Aber dies Wenige zahl ich mit Tränen nun reichlich. Und, schon im Sterben, hörtest du nicht auf zu singen, Sagtest der Mutter, sie küssend, seltsame Dinge: „Mutter, ich werde von Stund an nicht mehr dir dienen, Noch kann es mir an eurem Tische geziemen, Fort muß ich gehn, zurück euch die Schlüssel geben, Meine geliebten Eltern verlassen auf ewig.“ Was längres Erinnern dem Vater, der endlich verzagte, Verbietet: die Worte, die stockenden Atems sie sagte. Und als die Mutter die Entfliehende sprechen hörte, War es, als ob ihr Herz sich von selber zerstörte.
Deutsch von Roland Erb, aus: Jan Kochanowski, Ausgewählte Dichtungen. Hrsg. Willi Hoepp. Leipzig: Reclam, 1980, S. 291
Sechste Klage Meine heitere Sängerin! Sappho der Slawen! Du solltest doch alles, all meine Gaben, Von mir bekommen, das Land wie die Laute! Dieser heiteren Hoffnung vertraute Ich, denn du sangst neue Lieder, dein kleiner Mund stand niemals still, zu keiner Stund Am Tage, wie die zarte Stimme der Nachtigall Des nachts füllt singend Busch und Tal. Viel zu früh bist du verstummt! Verrucht Schlug der Tod meine Plauderin in die Flucht! Während meine Ohren nach deinen Liedern darben. Wollen mir die Augen nicht mehr vernarben. Dein Lied blieb dir auch in der letzten Qual. Du küßtest die Mutter ein letztes Mal: „Ich kann, teure Mutter, dich nicht mehr stützen, Nicht mehr bei dir zu Tische sitzen; Hier sind die Schlüssel, es wird Zeit zu gehen. Das liebe Elternhaus nimmer zu sehen.” Das und was sonst des Vaters Seelennot vergessen will, sang und sprach sie vor ihrem Tod. Und die Mutter, der sie ihr wehes Lebewohl sang. Hat ein gutes Herz, wenn’s nicht vor Kummer sprang.
Deutsch von Ursula Kiermeier, aus: Jan Kochanowski, Treny. Thraenen. Kraków: Wydawnictwo Krakowskie, o.J., S. 19
Tren VI Ucieszna moja śpiewaczko! Safo słowieńska! Na którą nie tylko moja cząstka ziemieńska, Ale i lutnia dziedzicznym prawem spaść miała! Tęś nadzieję już po sobie okazowała. Nowe piosnki sobie tworząc, nie zamykając Ustek nigdy, ale cały dzień prześpiewając. Jako więc lichy słowiczek w krzaku zielonym Całą noc prześpiewa gardłkiem swym ucieszonym. Prędkoś mi nazbyt umilkła! Nagle cię sroga Śmierć spłoszyła, moja wdzięczna szczebiotko droga! Nie nasyciłaś mych uszu swymi piosnkami, I tę trochę teraz płacę sowicie łzami A tyś ani umierając śpiewać przestała. Lecz matkę, ucałowawszy, takeś żegnała: „Już ja tobie, moja matko, służyć nie będę Ani za twym wdzięcznym stołem miejsca zasiędę; Przyjdzie mi klucze położyć, samej precz jechać. Domu rodziców swych miłych wiecznie zaniechać.” To i czego żal ojcowski nie da serdeczny Przypominać więcej, był jej głos ostateczny. A matce, słysząc żegnanie tak żałościwe. Dobre serce, że od żalu zostało żywe.
Abu l-Faradsch (der vollständige Name nach Wikipedia Abū l-Faradsch ʿAlī ibn al-Husain al-Quraschī al-Isfahānī (arabisch أبو الفرج علي بن الحسين القرشي الإصفهاني, DMG Abū l-Faraǧ ʿAlī bin al-Ḥusain al-Qurašī al-Iṣfahānī; geboren 897 in Isfahan; gestorben 20. November 967 in Bagdad) war ein arabischer Historiker und Dichter. Seine Gedichte kenne ich nicht. Für die Lyrik bedeutsam ist er aber für ein wunderliches Buch, in dem er als Geschichtsschreiber zusammentrug, was ihm von arabischer Dichtung erreichbar war. Erzählungen um vier Ecken herum, die immer in zitierten Versen enden. Es erscheint, ich schrieb es schon, wunderlich und unglaubwürdig – aber die Personen existieren und die Verse existieren. Vielleicht wäre das meiste verloren, wenn es nicht jemand akribisch gesammelt hätte. (Was könnten wir alles wissen über germanische Dichtung, hätte ein Gelehrter meinetwegen auf Latein solche Erzählungen gesammelt? So sind wir auf Tacitus angewiesen, dessen Zeugnis auch nicht viel zuverlässiger ist.)
Das heutige Gedicht stammt von al-Abbâs, der ein Sohn des Kalifen al-Walîd I. (705-715) war. Er war ein bedeutender Feldherr, der sich in den Kämpfen gegen Byzanz hervortat. Aber er dichtete auch. Über sein Leben verrät meine Quelle nur, dass er loyal zu al-Walîd II. war, seinem Neffen, welcher schließlich gestürzt und ermordet wurde, und dass er, al-Abbâs, später ins Gefängnis geworfen wurde, wo er starb. Von all diesen Umständen und den damit verbundenen Gedichten erzählt al-Farradsch detailliert. Die Gedichte waren in die Geschichte eingebettet (jetzt nicht die erzählte story, sondern die history). Vielleicht musste man gar kein „Dichter“ sein, um Gedichte zu schreiben, vielleicht taten sie das alle gelegentlich? Der Kalif-Bösewicht auch, in einem Vierzeiler, in dem er den Koran schmäht. Al-Abbâs´ Gedicht, mit dem er die Verschwörer ermahnen will, von ihren Putschplänen abzustehen:
Da aber sagte al-Abbäs: »O ihr Nachkommen Marwâns. Ich glaube, Gott hat euren Untergang beschlossen.« Und er fuhr fort: Gott möge euch schützen vor des Krieges Versuchung, vor dem Sturze vom Berge hinab in den Grund! Eure Führung hat Gottes Geschöpfe verdrossen. So haftet euch fest an dem Glauben, den Gott euch tat kund! Gebt euch den Wölfen der Menschen nicht selber zum Fraß! Ihr reizt mit dem Füttern der Wölfe erst recht ihren Schlund. Zerreißt euch mit eueren Händen die Leiber nicht selbst! Nicht einer wird Blutgeld bezahlen, nicht klagen ein Mund.
Aus: Abu l-Faradsch: Und der Kalif beschenkte ihn reichlich. Auszüge aus dem „Buch der Lieder“. Aus dem Arabischen übertragen und bearbeitet von Gernot Rotter. Lenningen: Ed. Erdmann, 2004, S. 126.

Der 19. November ist in der anglikanischen Kirche Gedenktag für Mechthild von Magdeburg, die deutsche Mystikerin, * um 1207 im Erzstift Magdeburg; † 1282 im Kloster Helfta.. (Die Katholiken feiern sie am 15. August, die Evangelischen am 26. Februar). Zu dem Anlass heute ein „abseitiger“ Text. Im 28. und 33. Gesang von Dantes „Fegefeuer“ kommt eine Frau mit dem Namen Matelda vor. Manche ältere Forscher vermuteten, Dante habe dabei an Mechthild gedacht und ihre Offenbarungen für seinen Text benutzt. Georg Peter Landmann (in seiner kommentierten Prosaübersetzung der Comedia von 1997) sagt: „Vermutlich sind alle historischen und allegorischen deutungen abwegig.“ (S. 217) Ich werde mich nicht in Deutungen einmischen – reizvoll ist die Vorstellung allemal. Diese Matelda erscheint im Kreise mehrerer Frauen, darunter Beatrices, und die Frauen (im folgenden Ausschnitt Beatrice) lesen Dante die Leviten in schwer oder nicht verständlichen Sätzen wie diesen, hier zitiert nach Landmann (dessen Kommentare stehen kursiv zwischen den Dantesätzen):
Du merke dir’s, und zeichne diese worte, wie ich sie bot, genau so auf für die lebenden jenes lebens, das ein lauf zum tode ist. Und achte darauf, wenn du sie schreibst, dass du nicht verbirgst, wie du die pflanze sahst, die jetzt hier zum zweitenmal beraubt ist (erst durch Adam, jetzt durch den riesen). Wer immer sie beraubt oder behackt, beleidigt mit tätlichen flüchen Gott, der sie nur zu eignem gebrauch heilig schuf. Wegen ihres hineinbeissens sehnte sich die erste seele in pein und begehr fünftausend Jahre und mehr nach dem, der diesen biss in sich sühnte. Christus, der durch sein opfer die ursünde überwand, holte bei seiner höllenfahrt auch Adams seele in den himmel; da Adam 930 jahre alt wurde und nach seiner rechnung (Paradies XXVI) 4302 jahre in der vorhölle litt, waren seit dem Sündenfall über fünftausend jahre vergangen. So schwer also wiegt die Sünde des königs von Frankreich, der sich an der herrschaft des göttlichen geistes auf erden verging. Dein geist ist schläfrig, wenn er nicht darauf kommt, dass diese pflanze aus besonderem grund so hoch und im wipfel so verdreht ist. Oben breiter als unten, damit kein mensch zur Weisheit Gottes hinaufsteigen kann. Und wären die nichtigen gedanken in deinem sinn nicht Elsa-wasser und ihr vergnügen ein Pyramus unterm maulbeerbaum, so hättest du allein aus so bedeutenden umständen in sittlicher deutung an dem baum in Gottes verbot seine gerechtigkeit erkannt. Wieder die rätselrede: Das wasser der Elsa, die bei Empoli in den Arno mündet, ist so kalkhaltig, dass ein darin liegender gegenstand sich mit einer kruste überzieht; und das hochspritzende blut des Pyramus, wie schon im 27. gesang erwähnt, färbte die erst helle maulbeere dunkel. Aber weil ich sehe, dass du im geiste aus stein bist, versteinert und verdunkelt, so dass das licht meines Wortes dich blendet, so möchte ich noch, dass du es, wenn nicht geschrieben, doch wenigstens gemalt in dir trägst, aus dem grund, warum man den wanderstab bekränzt mit palme heimbringt.“ Zur erinnerung an die vollbrachte pilgerschaft. All die geschauten allegorieen mögen als bilder haften, wenn auch ihre deutung unverstanden ist.
Nun der Abschnitt in der Übersetzung von Karl Witte, aus der schönen Prachtausgabe von Reclam Leipzig 1965.
Auch sollst, wenn du sie schreibst, du nicht verschweigen, in welchem Zustand du den Baum gesehn hast, der nun zum zweiten Male hier beraubt ward. Wer immer ihn beraubt, wer ihn zersplittert, der kränkt durch tatgewordne Lästrung Gott, der nur zu seinem Dienst ihn heilig schuf. Fünftausend Jahr und mehr verlangt’ in Sehnsucht die erste Seele, weil von ihm sie aß, nach dem, der an sich selbst den Biß bestrafte. Es schläft dein Geist, wenn er nicht wohl erkennt, daß aus besondrem Grund der Baum so hoch und fremdgestaltet ist in seinem Gipfel. Und wären nicht die eitelen Gedanken für deinen Geist gleich Elsas Flut gewesen, und ihre Lust wie Pyramus dem Maulbeer, so würdest du schon aus so vielen Gründen sittlich die göttliche Gerechtigkeit in dem Verbot des Baums erwiesen finden. Doch, weil in deinem Geiste ich versteinert und in dem Steine noch verfärbt dich finde, so daß dich blendet meiner Rede Licht, sollst du, wenn auch als Schrift nicht, doch als Bild sie innen mit dir nehmen aus dem Grunde, warum den Stab mit Palmen Pilger schmücken.“
Richard Dehmel
(* 18. November 1863 in Hermsdorf bei Wendisch Buchholz, Provinz Brandenburg; † 8. Februar 1920 in Blankenese)
Radlers Seligkeit Wer niemals fühlte per Pedal, dem ist die Welt ein Jammertal! Ich radle, radle, radle. Wie herrlich lang war die Chaussee! Gleich kommt das achte Feld voll Klee. Ich radle, radle, radle. Herrgott, wie groß ist die Natur! Noch siebzehn Kilometer nur. Ich radle, radle, radle. Einst suchte man im Pilgerkleid den Weg zur ewigen Seligkeit. Ich radle, radle, radle. So kann man einfach an den Zehn den Fortschritt des Jahrhunderts sehn. Ich radle, radle, radle. Noch Joethe machte das zu Fuß, und Schiller ritt den Pegasus. Ick radle!
Brettl-Lieder, hg.v. Otto Julius Bierbaum, Leipzig 1900 – Auch in: Richard Dehmel, Gedichte. Hrsg. Jürgen Viering. Stuttgart: Reclam, 1990, S. 17
Joachim Ringelnatz
(* 7. August 1883 in Wurzen als Hans Gustav Bötticher; † 17. November 1934 in Berlin)
Schneiderhüpfel vor dem Ochsen am Spieß Ein Maß Bier und zwei Maß Bier Und hundert Maß Bier und tausend Maß Bier. So leben wir, so leben wir An der Isar. Und Kalbshaxn und Kalbshaxn. Wie sind keine Preußen, wir sind keine Sachsen. Wir sind keine Spießer. Wir sind Genießer. Oktoberfest im Mai, im August, Oktober zu jeder Zeit. Wir sind uns unserer selbst bewußt Und jodeln aus herziger Brust: „Immer kampfbereit!“ Wir sind urwüchsig und frei. Wir sind international gesinnt. Un, zwo, trois, gsuffa! Es lebe unsere Polizei! Wer unsere Behörden nicht liebt, Der spinnt. Wir sind tolerant. Die preußischen Sauereien Sind uns bekannt. Kommt zum Oktoberfest! Unterstützt unsere Brauereien! Himmel Herrgott Sakrament!
Aus: Museum der modernen Poesie. Eingerichtet von Hans Magnus Enzensberger. 2. Band. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1989, S. 459f
Gestern vor 85 Jahren wurde Wolf Biermann in Hamburg geboren. Heute vor 45 Jahren fasste das Politbüro der SED in Ostberlin den Beschluss, den unbequemen Liedermacher und unerschrockenen Regimekritiker aus der DDR „auszubürgern“ bzw., wie es in der Pressemeldung der ostdeutschen Nachrichtenagentur ADN hieß, „das Recht auf weiteren Aufenthalt in der Deutschen Demokratischen Republik“ zu entziehen. Er hatte sich nicht bewährt. Der Beschluss hatte Folgen. 12 Schriftsteller unterzeichneten eine milde formulierte Petition an die DDR-Machthaber, in der sie darum baten, die Maßnahme zu überdenken. Viele schlossen sich an, fast alle mir wichtigen DDR-Lyriker waren unter den Erstunterzeichnern. Für einen kurzen Moment hatte ich die wahnwitzige Hoffnung, sie würden nachgeben müssen. Es kam anders. In der nächsten Zeit verließen hunderte Künstler das Land, Ende der 80er taten es tausende Normalbürger ihnen nach und 1990 das ganze Land. „Mein Land geht in den Westen“, schrieb der Lyriker Volker Braun.
Heute ein Gedicht Biermanns aus dem Jahr 1967. Es interpretiert eine damals viel diskutierte Plastik des Bildhauers Fritz Cremer, der ein treuer Genosse und einer der angesehensten DDR-Künstler war und der die Petition mit unterzeichnet hatte.
Wolf Biermann FRITZ CREMER, BRONZE: DER AUFSTEIGENDE Mühsam Aufsteigender Stetig Aufsteigender Unaufhaltsam aufsteigender Mann Mann, das iss ja ein schöner Aufstieg: Der stürzt ja! Der stürzt ja fast! Der sieht ja aus, als stürze er Fast sieht der ja aus, als könnte der stürzen Steigt aber auf Der steigt auf Der steigt eben auf! Der steigt aber mächtig auf! Der hat Newtons berühmten Apfel gegessen: Der steigt einfach auf Noch nicht die kralligen Zehen, aber Die Hacke riß er schon vom Boden Über das Knie zerren die Sehnen das Bein Auf Biegen und Brechen zur Geraden Das wieder stemmt hoch ins Becken Die Hüften wuchten nach oben Aufwärts auch quält sich der massige Bauch Die den Brustkorb umgürten: Die Muskelstränge, sie münden Vorbei am mächtig gebeugten Kopf In jener Schulter. Ergießen sich dann In jenen Arm. Und stürzen weiter Bis in die Hand. Schnellen hoch In die Fingerspitzen. Ja! Dieser Fleischklotz strebt auf Dieser Koloß steigt und steigt – das ist eben ein Aufsteigender! Der steigt unaufhaltsam auf – mühsam auch, ich sagte es schon – Diesen Mann da nennen wir zu Recht: DEN AUFSTEIGENDEN Nun sag uns nur noch das: Wohin steigt dieser da? Da oben, wohin er steigt was ist da? Ist da überhaupt oben? Du, steigt der auf zu uns? Oder steigt er von uns auf? Geht uns der voran? Oder verläßt er uns? Verfolgt er wen? Oder flieht er wen? Macht er Fortschritte? Oder macht er Karriere? Oder soll er etwa, was wir schon ahnten: Ein Symbol sein der Gattung Mensch? Steigt das da auf Zur Freiheit, oder, was wir schon ahnten: Zu den Fleischtöpfen? Oder steigt da die Menschheit auf Im Atompilz zu Gott und, was wir schon ahnten: Ins Nichts? So viele Fragen um einen, der aufsteigt
Aus: Wolf Biermann, Alle Gedichte. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1995, S. 26

Meret Oppenheim
( * 6. Oktober 1913 in Charlottenburg, heute Berlin; † 15. November 1985 in Basel)
Ich muß die schwarzen Worte der Schwäne aufschreiben. Die goldene Karosse am Ende der Allee teilt sich, fällt um und schmilzt auf der regenfeuchten Straße. Eine Wolke bunter Schmetterlinge fliegt auf und erfüllt den Himmel mit ihrem Getön. Ach, das rote Fleisch und die blauen Kleeblätter, sie gehen Hand in Hand. (1957)
Aus: Meret Oppenheim, Husch, husch, der schönste Vokal entleert sich. Gedichte, Prosa. Hrsg. Christiane Meyer-Thoss. Mit Abbildungen und CD. Berlin: Suhrkamp, 2013, S. 79
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