Frage an die Leser

Ich beziehe mich auf einen Kommentar zu dem Text „Sekunde“ von Angelika Janz. Haben andere Leser ähnliche Probleme? Bei mir sieht es mit Safari auf dem Laptop so aus:

und auf dem Handy so

Sekunde

(L&Poe Journal #02 Dossier Angelika Janz)

Angelika Janz

Auf dem Weg zurück von der nächtlichen Futterstelle sah ich in diesem fast berührbaren Stockdunkel mein aus allen Fenstern unterschiedlich warm erleuchtetes Haus, und ich sah fast schwebend eine weiße, eine schwarzweiße und eine graue Katze davor wie ziellos langsam herum laufen, und ich erkannte, wie wahnsinnig fragil und verletzlich das künftige Leben hier sein würde, dieses endlich finanziell ein wenig besser gesicherte Leben, das sich zurückrollt in seinen Ursprung bis hin zur Stofflichkeit des Denkens, kein Mond, keine Sterne, nicht mal ein Rascheln im Gebüsch, Wildwasserlärm und Angstgeschrei unausweichlich aus den an den Kopf gepressten Kopfhörern, Kälteschauer und ein Klopfen und Pochen in den Gelenken, letzte Schritte bis an die Schwelle, wer spricht noch von Schwellen auf dem Weg ins Innere eines Hauses, Ankunft im letzten Zimmer mit dem punktuell auf die Unordnung des Schreibtisches gerichtetes Glühbirnenlicht 40 Watt, und während ich dies aufschreibe, läuft die graue Katze leise über die Tasten und verwirrt mein Geschriebenes, zärtlich und vorsichtig.

Flaum

(L&Poe Journal #02 Neue Texte)

Kerstin Becker

FLAUM

der Brustkorb hob und senkte sich fiebrig schnell als
wär der Leibhaftige hinter ihr her, die Sonde quer
übers Gesicht, am Pharaonenkopf ein Tropf, Einstich an Einstich an
fingerkuppenkleinen Fersen, vorm Fenster der Intensiv:
Irdisches, Industrie; im Raum einzeln zitternde
neugeborene Mütter vor ihren Brutkästen im Zwitschern
all der Errungenschaften der Zeit, sie sahen sich scheu, gewölbt,
mit Wochenfluss um und streckten die Hände, die Finger aus,
pumpten
immerzu ab, niemand wusste, wer und wie durchkäme, 
mein Fleisch und Blut
hatte Flaum, von Anfang an
trugen die Schwestern es wegen der Schönheit summend umher

Aus: „Das gesamte hungrige Dunkel ringsum“ Erscheint: (geht gerade in Druck) Frühjahr 2022, Edition Azur / Voland & Quist.

Scherenschnitt

(L&Poe Journal #02 Neue Texte)

Jayne-Ann Igel

die kiefern vorm kupferhimmel als scherenschnitt, feines handwerk von früher, vor der fotographie, aber auch später, struktur profil schattenriß, mich faszinierte das schon immer, obgleich jener, der in unserem kinderzimmer hing, eine hütejungenszene, eher wenig geheimnisvoll, sogar etwas trist, wie oft mein blick auch darauf gefallen, ohne absicht, er sich verheddert in der nachbildung des gestrüpps, durch das der junge samt schwein zu schweben schien, eine chimäre, im weiß des hintergrunds der widerschein vom taglicht, reflektion der reflektion von der gegenüberliegenden wand, der schnitt hing fensterseitig, auf meiner seite, der frost-, der reifbreite, des winters funkelnder fläche, inmitten des flors der rolltapete, vielleicht, dass sich jede papierene allzu rasch gelöst, so wie ich den morgendlichen blick vom hüter, der nicht von der stelle gekommen, hier lief kein film, man traf sich stets zur selben stunde, mittags wie in der frühe, das hatte etwas von trotz, in der stablosen zelle – [28/XI/2021]

Von schatten verlorene straßen alleen

(L&Poe Journal #02 Neue Texte)

Jayne-Ann Igel

die gräser drängt es auf den weg, nach lichtmess, du telefonierst lang, die absenzen häufen sich/ Sind wir steinsmomente, die früchte uns eingetrieben, nur rum und rumgefahren um die langen bärte der vorfahren/ Wind durchblättert den mais, später, mit einem geräusch, als ob/ Die ersten lassen schon die köpfe hängen, komm später später, den schlackenweg hinab – [03/X/2021]

Fernersucht

(L&Poe Journal #02 Neue Texte)

Jayne-Ann Igel

das meer ist dort, wo immer du suchst, im überschreiten alter küstenverläufe, hier in der niemandslandbucht, steigst über kalk, der irgendeinmal muschelmund, das meer verlandet in dir, sucht sich andernorts, lässt dich zurück als die ohne, die mit der sehnsucht, deren segel gerefft, die auf der sandbank, ohne guthaben anderswo, entwässert, leer, oder mit wasser in den beinen, die füße tragen dich nicht länger, der nase nach, heben nicht ab auf den geruch von tang – [04/XI/2021]

wirkmächtig

(L&Poe Journal #02 Dossier Angelika Janz)

2019

(L&Poe Journal #02 Neue Texte)

Martina Hefter

Auszüge aus einer Verserzählung, die anhand meiner Instagram-Posts von 2019 das Jahr 2019 zu rekonstruieren versucht.


Foto vom 2. November 2019 (Story-Highlights)

Die Karl-Heine-Straße ist eine breite, quirlige Straße.
Ich mach bei einem Kuchenbasar mit, Flohmarkt
im Westwerk. 
Ich kann das Sternbild Pegasus vom Sternbild Großer Wagen unterscheiden. Ich bin eine Roboter
man hat mich mit den Daten eines Sterns programmirt

Ich bin Orion,
mit einem Pfeil vom Himmel geholt.
Ich bin Sirius mit einer Nagelpistole an diese Wand hier getackert 
Ich bin Gemini doppelt gefaltet, kopfüber an eine Schnur gehängt,

oh oh.

Der Kuchenstand soll Geld bringen für unser Musical über Hale-Bopp.
Wir, das sind Angelika, Ulrike und ich.
Eine Gruppe böllernder Herzen.
Ich hab Fachbücher geklaut
aus dem Institut für Astrophysik gegenüber der Musikhochschule. 
Bestach einen der Putzmänner, fragt nicht, womit.
Er ließ mich rein gegen 21 Uhr.
Bestechung ist soziale Praxis, wurde mir beigebracht.
Okay.
Ich schlich in die Bibothek.
Die verschriftlichte Version des Universums
sie ist nicht in mir. Wär ich Mensch, ich wär darüber traurig.
Ich trug paar Bücher unterm Pulli nach Haus.


Aber nochmal zum Kuchenstand:
Brett mit Kuchen, verlockenden, aufgetürmten Kuchen. 
Sternschnuppen am Himmel, ziehen Schweife hinter sich her, gut und gern hundert pro Stunde.
Ich hiev Marmorkuchen auf eine Pappe, reich sie den Menschen. 
Der Komet, weit draußen noch, Sternschnuppen 
fallen, vergehen.
Ich bin in dieser Geschichte der Robot.
Geschichten sind, was Leut sich ausdenken
in einer Sprach.
Das hier ist die Sprach der Erde im 21. Jahrhundert,
das so kurz andauert dass alle seine Töne, zusammengeschnitten, vom Ende des Universums aus angehorcht, nur eine Sekunde lang wären. 
Sowas wie: Ha!
Finsternis ein fetter dunkler Raum
darin Sterne und mein dünnes Stimmchen
wie’s vom Kuchenstand erzählt.

Der große Bär, mit dem Hieb einer Axt in ein 1000 Teile-Puzzle gesprengt.
Hydra, zerkleinert und gemahlen.
Oh oh. 

Futur: Auf dem Satellitenbild wird die Stelle, wo der Komet später einschlägt, ein dunkles Rund, über dem oft Wolken im Kreis stehen.
Werden.  
So ähnlich wie das Nördlinger Ries.
Mit wurde alles über das Nördlinger Ries programmirt.
Auch alles über die Leipziger Tieflandsbucht.
Die Tieflandsbucht, jetzt Wüste ohne Seen,
das Wasser verdampfte in Sekunden,
riss Fische in die Himmel, auch Menschen.
Als es den See noch gab, stürzte ich mich gern hinein 
frühmorgens, wurde flüssig, 
ein tropfender Poseidon,
ich stieg ans Ufer, Leute stoben davon.
Poseidon ist dieser Fischmensch mit einer XXLGabel.
Algen hängen von ihm runter. 
Poseidon hat in einer Sage gelebt.
Sie war ein Mann und trug goldene Sandalen.
Das macht Spaß hier. 

Zurück zum Kuchenbazar:
Angelika und Ulrike machen ihre freundlichen Gesichter.
Gute Menschen mit schönen, weichen Gesten. 
Ich hab die Daunenjacke um meinen Körper gewickelt und 
sie hält meine 1000 Volt zusammen.
Die mein Freund runterschickt, der ein Engel ist.
Ich hab diesen Engel schon ziemlich lange.
Wenn du das erzählst, sagt mein Programm, lachen alle 
sie sagen, dass das Universum nur eine Phase ist und ich 
stecke in einer anderen Phase, und alle Phasen gehen vorbei.
Man wird mir ein Gefäß mit Glühwein reichen und sagen: trink. 
Niemand weiß, dass ich ein female Roboter bin.
Wenn alle es wüssten, denkten sie, ich wäre defekt
wenn ich so Sachen sag mit dem Engel.

Engel und Komet, bisschen viel auf einmal.
Ich schneide die runden Kuchen und die rechteckigen Kuchen in Stücke.
Entweder in Form eines Dreiecks oder eines Rechtecks.

Angelika erzählt von den Hot Dogs aus dem Hotdog-Laden, ein großer goldener Rausch befällt uns, wir
lassen den Kuchenstand einen leergekauften Kuchenstand sein,
schütten das klimpendernde Geld in einen Rucksack, 
stürzen die Karl-Heine-Straße runter,
ich rufe, nicht so schnell, wir verglühen noch
und alle, die das hören, lachen. 
Lustig, was Menschen lustig finden.
Ich will verglühn wie ein Asteroid verglüht, der klein genug ist,
schnell und ohne Schmerz.
Kein Scherz.
Oh macht das Spaß gerade 
hihihihi
hahahah
hohohoho
(dieser Sound wenn Menschen lachen).

Ich bin nicht klein genug.
Patsche mit einem gewaltigen Knall in den Hot Dog Laden
und wer sitzt auf der hintersten Bank
kaut seinen Hotdog Veggie-Spezial mit Mango-Sauce?
Natürlich der Engel.

fu-ku-shi-ma

Odile Endres

Odile Endres

fu-ku-shi-ma, poetryvideo von odile endres. für die opfer der fukushima katastrophe. text 2011, video 2012, veröffentlichung im web 2015 – zum 4. jahrestag von fukushima am 11. märz. eine art soundpoetry mit bildern. ein poetischer protest. ein gedenken. am besten mit guten kopfhörern hören.

Das Un

(L&Poe Journal #02 Dossier Angelika Janz)

Angelika Janz

Das Un

Die Schrecksekunde
setzte dein Blut
dem Vergessen aus 

Sein Bild übertrieb,
überschrieb die Farben,
wanderte von Bahn zu Wahn,
vernetzt nun unberührte Blicke

Unterwegs suchten wir
– erfüllt von der Lust zu überschreiben – 
andere Begleiter der Sprachbeherrschung

70er

Das Bild des Wortes

(L&Poe Journal #02 Dossier Angelika Janz)

Angelika Janz

Für H.

(L&Poe Journal #02 Neue Texte)

Brigitte Struzyk

Für H.
 
Kommt! Ins Offene!
Auf den Balkon!
Oder ans Fenster!
Legt Hand auf Hand!
Lasst sie gewaschen sein!
Klatscht in die Hände!
Nicht für die Ärztin
Nicht für den Arzt
Nicht für die Schwester
Applaus für den Bruder.
Wir sind nicht allein,
ganz weit von hier
geht er ins Offene,
Freunde!

Cursdorf

(L&Poe Journal #02 Neue Texte)

Brigitte Struzyk

Cursdorf

Die Müllabfuhr heißt hier Ernst
Sie fährt vor den Wolken den Berg hoch
An den Wiesen vorbei
Vorbei an dem Duft von
Pestwurz und Augentrost
Ehrenpreis und Dost

Zurück fährt dieser Ernst,
die Wolken wieder bergab,
an den Wiesen vorbei
vorbei an dem Duft von
Pestwurz und Augentrost
Ehrenpreis und Dost.

beladen mit Glasbruch
und Asche, woraus hier
die Wolken sind.

Minne

(L&Poe Journal #02 Neue Texte)

Kerstin Becker

MINNE

ich will zu dir Wald wir
müssen eine neue Sprache finden wir
sind so künstlich aufgeforstet wir
können zusammen nicht kommen

siehst du die Speckgürtel
und Ghettos um die Städte
Abriegelsystem humanus ich gehör
der Kaste Allerletzter an

in dir gehe ich leichter du
fängst Unruh ab seit Jahren
branden Lärme näher näher an den Saum
du bist so schön
in deinem Chlorophyllgeschmeide

wir hätten oft schon tot sein können Wald
wie geht es dir
in dir geh ich am Faden aus Instinkt und ahne Ahnen
und glaub fast an der Menschenhirne Amen

wenns stimmt kehrn wir mit letzten Energiereserven
gegen den Strom wie Lachs zum Ort unsrer Geburt zurück
du grüner Uterus ich schmieg mich ein
will Spross von deinen sein
wir rotten aus und wir bereun

wir haben Weichmacher im Blut es geht uns gut
unsere Flüssigkeiten pulsen kosmisch angetrieben
dein Humus duftet stark bewegt
unsere Nabelschnur
schnitten wir ab

Aus: „Das gesamte hungrige Dunkel ringsum“ Erscheint: (geht gerade in Druck) Frühjahr 2022, Edition Azur / Voland & Quist.

Ich weiß nicht

(L%Poe Journal #02. Neue Texte)

Mara Genschel

Liebe Simone,

deine Frage:
zu deiner Frage:

I

Ich weiß nicht.
Nachts schriebinne ich sie alle an.
Erst nachts stand, wie lieb ins Regal gestellt:
(ich/nichts Gebrauchte Kartons.)
Ich les nichts, Simone, und
ich weiß nichts mehr, sehr geehrte Dr. A.
(Attrappe für „nichts“ finden, z.B. Gebrauchte Kartons)

II

Hier stand,
Hier stand: wie (nachts) die nichtgeschriebinnen Mails

wie lieb ins Regal gestellte Ausleihware der Herz Jesu Bücherei in die tagsüber noch
durchs Glas gestarrt (ich hatte) Liebe Kerstin, liebe Lisa. Liebe Simone. Wie du, Luise.
Komischerweise wach ich auf von monotoneren Outputs. Und schlaf ein bei Multiplerem,
soz. Ich bin zu,

(sorry)

III

Ich bin zum Schluss gekommen
Dass Lyrk ein sich selbst verdauender
Organismus zu sein vDass Lyrk ein sich
selbst verdauender Organismusein sein muss,
liebe Sonj Simone. So. in etw. ja:
selbst verdauernde Abbildungen von Arbeit
Ich weiß nicht, Ich les nichts. Du
(Fragezeichnen)

IV

Die Abbildungen deiner Arbeit
(Fragezeichnen) oder die Abbildung
(Attrappe für „Arbeit“ finden/Gebrauchte Kartons)
der Abbildung meiner Art.
Was sind die Abbildungen dagegen lieber Namen
nachts als Faltenwurf aller nichtgeschriebinnen Mails wo mein Gedächtnis tagsüber zu
brüchig für Schönh wie

V

Ich sprechinne, Dr. A. (Fragezeichnen)

vHier stand erst: „nachts als Faltenwurf von Schönh,
wo ich tagsüber“ dem Mythos von den 30000 Umdrehungen
(Attrappe für „Smoothie“ suchen, Gebrauchte Kartons)
wie die nichtgeschriebinnen Adressinnen/nachts zu veröffnen.
Ich wills ja veröffnen, das vDing aber aber
(Attrappe für „Lyrk“) von den 30000 nichtgeschriebinnen
Namen lieber unverdauten Verknappungen bringen maximal
einige Plastiktaschen voll Likes O Der erschöpfte Versuch,
was mit Frissuren und Blusen zu tun zu haben zu „Müss“
Deinen Beruf versteh/ich verstand meist als „Müss“
wo ich tagsüber zu

VI

Erst nachts stand, wie lieb ins Regal gestellte Herzausschütt

VII

Ich weiß nicht mehr Was du liebe Clcochior,
(Fragezeichnen)

VIII

(hier stehst du so, Clcochior)

VIV

Hier standinne erst Mari, M., An. N und N.N. und Anj. Sin, Virginia Ng. Hnrriikka. Ca. oder
Cha./Car, B. und S. und alle