Die Schritte

Zum 150. Geburtstag von Paul Valéry

Paul Valéry 

(* 30. Oktober 1871 in Sète, Département Hérault; † 20. Juli 1945 in Paris)

Les pas

Tes pas, enfants de mon silence,
Saintement, lentement placés,
Vers le lit de ma vigilance
Procèdent muets et glacés.

Personne pure, ombre divine,
Qu'ils sont doux, tes pas retenus !
Dieux !... tous les dons que je devine
Viennent à moi sur ces pieds nus !

Si, de tes lèvres avancées,
Tu prépares pour l'apaiser,
A l'habitant de mes pensées
La nourriture d'un baiser,

Ne hâte pas cet acte tendre,
Douceur d'être et de n'être pas,
Car j'ai vécu de vous attendre,
Et mon coeur n'était que vos pas.
Die Schritte

Deine Schritte, als meines Schweigens
Kinder, arglos und langsam gesetzt,
nahn sie dem Bette, wo ich mich eigens
wachsam halte, und frieren jetzt.

Göttlicher Schatten, du reine, du gute,
o deiner Schritte verhaltener Gruß!
Was ich, ihr Götter, an Gaben vermute,
kommt jetzt zu mir auf entkleidetem Fuß!

Wenn deine Lippen vielleicht schon vom Weiten
jenem, der in mir sich bergen muß,
seine unendliche Stillung bereiten
endlich in dem nährenden Kuß,

eile mir nicht zum Vollzüge, dem zarten,
Süße, drin Sein und Nichtsein stritt,
denn ich lebte vom Dich-Erwarten,
und mein Herz war nichts als dein Schritt.

Deutsch von Rainer Maria Rilke, aus: Französische Lyrik von Baudelaire bis zur Gegenwart, zweisprachig. Hrsg. Kurt Schnelle. Leipzig: Reclam, 1967, S. 147

Prosaübersetzung von Eva-Maria Schulz-Jander

Deine Schritte, Kinder meines Schweigens, heilig, langsam gesetzt, bewegen sich stumm und eisig auf das Bett meines Wachens zu.

Reines Wesen, göttlicher Schatten, wie wohltuend sind deine verhaltenen Schritte! Götter!... alle Geschenke, die ich erahne, kommen zu mir auf diesen nackten Füßen!

Wenn, mit deinen zugespitzten Lippen, du dem Bewohner meiner Gedanken, um ihn zu beruhigen, die Nahrung eines Kusses vorbereitest, 

Übereile nicht diesen zarten Akt, Süße zu sein und nicht zu sein, denn ich lebte davon euch zu erwarten, und mein Herz war nichts als eure Schritte.

Aus: Poesie der Welt. Frankreich. Berlin: Edition Stichnote im Propyläen verlag / Ullstein. 1985, S. 272f

Wie soll man Verse sprechen?

Das ist, weiß Gott, ein heikles Thema! Alles was auf Dichtung Bezug hat, ist schwierig. Alle, die sich damit befassen, sind von ausgesuchter Reizsamkeit. Das unentwirrbare Verschränktsein dessen, was jeder einzelne fühlt, mit dem, was die Allgemeinheit fordert, gibt Gelegenheit zu unendlichen Mißverständnissen. Nichts ist natürlicher, als nicht zueinander zu finden; das Gegenteil würde in jedem Falle überraschen. Ich glaube, daß es nichts gibt, über das man zu einer Verständigung anders denn aus Versehen kommen könnte, und daß aller Einklang unter Menschen die glückhafte Frucht eines Irrtumes ist.

Paul Valéry: Über Kunst. Essays. Deutsch von Carlo Schmid. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1973, S. 26

Verwandlung

29. Oktober 1937: Nacht der ermordeten weißrussischen und jiddischen Dichter *

160 Repräsentanten der weißrussischen literarischen und wissenschaftlichen Elite werden vom NKWD erschossen, die meisten in der Nacht vom 29. zum 30. Oktober. Vorangegangen waren Listenerstellungen durch Stalin und die sowjetische Führung. Nach Stalins Tod wurden sie rehabilitiert. Die Angaben variieren bei einzelnen Autoren – der russische Wikipdiaartikel über einen dieser Erschossenen, Sjama Piwawarau, sagt, in der Nacht vom 28. zum 29.Oktober seien in Minsk 22 weißrussische und jüdische Schriftsteller Weißrußlands erschossen worden. Anscheinend war es tatsächlich die folgende Nacht. Unter den in dieser Nacht Erschossenen waren  der Literaturkritiker Jakau Branstein, der Schriftsteller Platon Halawatsch, die weißrussischen Dichter Ales Dudar, Todar Kljaschtorny, Jurka Ljawonny, Waleri Marakau (Маракоў), Sjargej Murso, Michas Tscharot und Sjama Piwawarau, der jiddische Schriftsteller Mosche Kulbak (Gedicht, Roman, Drama – anscheinend der einzige, der in Deutschland bekannt wurde) und die jiddischen Dichter Juli Taubin (יודל „יולי“ טאַוובין), Isi Charik, איזי כאַריק‏‎ und Aron Judelson; hinzu kommen zahlreiche Politiker, Wissenschaftler, Künstler usw. – offensichtlich der Versuch, die weißrussische Kultur und Identität auszurotten. Wann nehmen wir das zur Kenntnis? (Aus: Lyrikwiki) – Moische Kulbak sei „gestorben 1937“, sagt die deutsche Wikipedia immer noch, bitte mal ändern: Erschossen in der Nacht vom 29. zum 30. Oktober 1937 (Vergleiche dort die Fassungen in anderen Sprachen). **

*) Als Nacht der ermordeten Dichter wird die Nacht vom 12. zum 13. August 1952 bezeichnet (Wikipedia)

**) Bella Szwarcman-Czarnota: Z Wilna do Ziemi Izraela. Midrasz (Warsaw), October 2007. p. 48. The article makes clear that Moyshe Kulbak was arrested in September 1937 and executed one month later. Even so, in many encyclopedia articles (similarly to the case of Isaac Babel) 1940 is given as the date of his death. (Wikipedia engl.)

Mosche Kulbak

(Moische, Moyshe, jiddisch משה קולבאַק‎, belarussisch Майсей (Мойша) Кульбак)

Geboren 20. März 1896 Smarhon / Smorgon, Belarus (Russisches Reich), erschossen 29. Oktober 1937 in oder bei Minsk

Verwandlung

Was ist Sterben, wenn wir sterben, 
s ist ein Spiel mit bunten Scherben, 
tauschbereit:
Freud für Grämen 
im Leben –
s ist ein Nehmen 
und Geben 
in der Zeit.

  

Deutsch von Hubert Witt, aus: Der Fiedler vom Getto. Jiddische Gedichte aus Polen. Leipzig. Reclam, 1993, S. 98 (5. veränd. Aufl. – im Bild daneben die 2. Aufl. von 1968)

Aus: Lider. Berlin: Klal-Verlag, 1922, S. 29 (neu hrsg. vom National Yiddish Book Center, Amherst, Mass.)

Aus einem Vortrag von Jürgen Rennert bei den Tagen der jiddischen Literatur 1990

(…) eine talmudische Sentenz: „Das Vergessen verzögert das Kommen des Messias, allein das Erinnern beschleunigt es.“ Bevor dieser letzte Abend der letzten von mir bislang mitgetragenen Tage der jiddischen Kultur seinen Fortgang nimmt, erlaube ich mir, vor ihren Ohren die unvollständige Namensliste jener Autoren und Publizisten auszubreiten, die von Stalin und seinen unzähligen Mitbürgern ermordet wurden. Wenn der Phönix moderner sowjetjiddischer Literatur je wieder auffliegt, wird er sich aus ihrer Asche erhoben haben:

Awrom Abtschuk (1887-1937), Schmuel Agursski (1884-1937), Lejb Abram (1896-unbekannt), Scho Alek (1888-1937), Selik Aksselrod (1904-1941), Elje Oscherowitsch (1879-1937), Dowid Bergelsson (1874-12. August 1952), Alexander Brachman (1897-1942), Jasche Bronschtejn (1906-1937), Hirsch Brill (1901-1937), Chajim Gildin (1884-1944), Sorech Grinberg (1887-unbekannt), Awrom Damessek (1893-1937), Mojsche Dubrowitzki (genaues Geburts- und Todesjahr unbekannt), Leon Duschman (1886-unbekannt), Chazkel Dunjetz (1896-1937), Schimen Diamantschejn (1888-1937), Chajim Halmschtok (1882-1942), Fajwl Halmschtok (1880-unbekannt), Dowid Hofschtejn (1882-12. August 1952), Am Wolobrinsski (1900-1937), Am Wajnschtejn (1877-1938), Binjomin Susskin (1899-12. August 1952), Herschl Shitz (1896-1953), Alexander Tschemerinsski (1880-1936), Jud Jachinsson (1887-1937), Arn Judelsson (1907-1937), Jankl Jankelewitsch (1904-1938), Isi Charik (1898-1937), Alexander Chaschin – das ist Zwi Awerbach – (1886-1939), Joissef Liberberg (1889-1937), Mojsche Litwakow (1879-1937), Sisskind Lew (1896-1937), Jankl Lewin (1882-1937), Michl Lewitan (1882-1937), Nochem Lewin (1907-1947), Dowid Matz (1902-unbekannt), Peretz Markisch (1895-12.August 1952), Daniel Marschak (1872-1937), Awrom Mereshin (1880-1937), Wolf Nadel (1897-1939), Jizchok Nussinow (1889-1950), Der Nisster – das ist Pinchas Kahanowitsch – (1884-1950), Henech Solowejtschik (Geburtsjahr unbekannt, ermordet 1936), Dowid-Ber Slutzki (1877-1955), Oskar Strelitz (1892-1937). Wolf-Hirsch Segalowitsch (1890-1937), Elje Spiwak (1890-12.August 1952), Ester Frumkina – das ist Malke Lifschitz – (1880-1938), Erik Makss – das ist Salmen Merkin – (1898-1937), Schmuel Perssow (1889-12. August 1952), Itzik Fefer (1900-12. August 1952), Zwi Fridland (1897-1936), Lejb Zart (Geburts- und Todesdatum unbekannt), Mojsche Kulbak (1896-1940). Lejb Kwitko (1890-12. August 1952), Motl Kiper (1869-1938), Schmuel Klitenik (1904-1940), Borech Koblenz (Geburtsjahr unbekannt, ermordet 1937). Benje Kapeljewitsch (1891-1941), Jojssef Rawin (1890-1937), Schlojme-Itsche Rawin (1892-1937), Salmen Ratner (1884-1938), Michail Rafalski (1889-1937), Herz Riwkin (1901-1951), Nochem Rubinschtejn (1902-1938), Chajim Schajewitsch (Geburtsjahr unbekannt, ermordet 1937), Salmen Schnejer-Okun (Geburtsjahr unbekannt, ermordet am 12. August 1952), Efroim Schprach (1890-1937). Sie seien zum Segen erinnert! Ich danke Ihnen.

Jürgen Rennert, 25. Januar 1990

Aus: „Doss lid is geblibn…“ 5. Tage der jiddischen Kultur 1991. Hrsg. Deutsche UNESCO-Kommission Bonn + Theater unterm Dach, Berlin.

Hoffen

Mara Genschel

Aus: 
NEUE METAPHERN NEUNFACH IN 
DEN RACHEN DER LIEBE, WIEDER

[I : HOFFEN]

Offenen Mantels, Schlampe.
Offenen Munds, um dich geschäftig sich Regendes einatmend. 
Offenen Morgens, Hannover.

Klebrigen Daumens, Schlampe. Die Packung getrockneter Datteln halb leer. Und süß, der Attrappen-Zweig, oder? Diverse, so offen liegende Gleise. Die Luft. Der Bahnhof. Deine Arme, deine Venen.
Wehend, die klebrige Folie der Dattel-Packung. Die Hingabe der Folie der Dattel-Packung an den Wind. Die Wege der geweht werdenden Dattel-Packungs-Folie BioBio zwischen die Schienen.
Die Züge, dein Atem, Schlampe.

Offenen Munds, das gegessene Trockenobst, alle. Die um dich geschäftig sich regenden Affären. Die Bahn. Der Lufthof. Die Wehen. Die sich hochgeschraubt habende Öffnung, Süße. Die nach oben ewig offene Attrappe, die Gleis-Zweige: brechen. Das zweigleisige Müssen, die Hingabe: glasiges Sich-Übergeben. Müssen: brechen. Permanenz: brechen.

Aus: denkzettelareale. junge lyrik. hrsg. aron koban u. annett groh. mit einem nachwort von kurt drawert. Leipzig: Reinecke & Voß, 2019, S. 305

(In der Anthologie mit einem Kommentar von Anja Utler)

Ganz und gar Herbstliche

František Halas 

(* 3. Oktober 1901 in Brno / Brünn; † 27. Oktober 1949 in Prag)

Ein berühmtes Gedicht des tschechischen Dichters in 3 Fassungen

Die ganz und gar Herbstliche

Ihre Kleider waren ganz herbstliche
ihre Haare waren ganz herbstliche
ihre Augen waren ganz herbstliche

Ihr Mund war ein ganz herbstlicher
ihr Busen war ein ganz herbstlicher
ihr Schoß war ein ganz herbstlicher

Ihr Lächeln war ein ganz herbstliches
ihr Zärtlichsein war ein ganz herbstliches
ihr Träumen war ein ganz herbstliches

Ihr Duft war ganz herbstlich
und ihr Bangen ganz herbstlich
und ihr Fürchten ganz herbstlich

wie wenn im herbsten Herbst man spricht
ein Allerseelengedicht

1947

Deutsch von Franz Fühmann, aus: František Halas : Der Hahn verscheucht die Finsternis. Gedichte. . Berlin: Volk und Welt, 1970, S. 131

Ganz herbstlich

Ihr Kleid war herbstlich
und ihr Haar war herbstlich
und ihr Auge war herbstlich

Ihr Mund war herbstlich
und ihre Brust war herbstlich
und ihr Träumen war herbstlich

Ihr Nabel war herbstlich
und ihr Schoß war herbstlich
und ihr Lächeln war herbstlich

Herbst war wie sie schmeckte
und Herbst war ihre Zärtlichkeit
und Herbst war ihre Furcht

Ganz herbstlich war sie
wie ein Allerseelengedicht

Deutsch von Peter Demetz aus: František Halas: Poesie. Texte in zwei Sprachen. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1965, S. 89

Celá podzimková

Šaty měla podzimkové 
a vlasy měla podzimkové 
a oči měla podzimkové

Ústa měla podzimková
a ňadra měla podzimková 
a snění měla podzimková

Život měla podzimkový 
a klín měla podzimkový 
a úsměv měla podzimkový

Chuť měla podzimkovou 
a něhu měla podzimkovou 
a úzkost měla podzimkovou

Byla celá podzimková 
jako báseň dušičková

1947

Amara, bittre

Friedrich Rückert

(* 16. Mai 1788 in Schweinfurt; † 31. Januar 1866 in Neuses)

Amara, bittre, was du thust, ist bitter,
   Wie du die Füße rührst, die Arme lenkest,
   Wie du die Augen hebst, wie du sie senkest,
   Die Lippen aufthust oder zu, ist's bitter.

Ein jeder Gruß ist, den du schenkest, bitter,
   Bitter ein jeder Kuß, den du nicht schenkest,
   Bitter ist, was du sprichst und was du denkest,
   Und was du hast und was du bist, ist bitter.

Voraus kommt eine Bitterkeit gegangen,
   Zwo Bitterkeiten gehn dir zu den Seiten,
   Und eine folgt den Spuren deiner Füße.

O du mit Bitterkeiten rings umfangen,
   Wer dächte, daß mit all den Bitterkeiten
   Du doch mir bist im innern Kern so süße.

Aus: Deutsche Lyrik. Gedichte 1800-1830. Nach den Erstdrucken in zeitlicher Folge hrsg. v. Jost Schillemeit. München: dtv, 2001, S. 290 – Erstdruck in: Vesta. Weihnachtsgabe für 1825 in Erzählungen und Gedeichten von A.J. Büssel, M. von Freiberg, Friedrich Rückert [ … ]. Frankfurt/Main, 1825

N-Wort

Vor einiger Zeit las ich einen Tweet, ein offenbar nichtweißer Deutscher sprach seine weißen Freunde an: Niemals sollt ihr das N-Wort aussprechen. Auch nicht im Zitat.

Freunde, die ich schätze, beeilten sich zu laiken. Als müssten sie dringend versichern, dass sie zu den Guten gehören, dachte ich zuerst nur halb belustigt. Dann wurden meine Gedanken düsterer. – Ich muss vorausschicken, ich weiß, dass sich Sprache ständig verändert, sonst würden wir alle so reden:

upi sia auar kihalont die         die dar fona himile quemant,

enti si dero engilo         eigan uuirdit

(Bert Papenfuß versteht mich)

Oder gleich so:


בראשית ברא אלהים את השמים ואת הארץ
Bereschit bara elohim et haschamajim we et ha’aretz
(Gott versteht mich)

Als ich Kind war, sprach man unverheiratete Frauen mit „Fräulein“ an. Auch die ältere Lehrerin, Fräulein M. Es machte Spaß zu witzeln: Fräulein und Herrlein. Das Wort wird kaum noch verwendet, aber wir können es in Büchern lesen, in Filmen hören.

Sprache verändert sich auch heute. Veränderung ist immer umstritten. Ich sage (schon lange) nicht mehr Fräulein, es sei denn ironisch (zu meiner Katze). Ich sage nicht mehr Zigeunerschnitzel und Neger. Bei Mohrenstraße habe ich meine Zweifel. Natürlich würde ich keinen Menschen „Mohr“ nennen (außer Karl Marx, Mohr war sein Spitzname).

Aber ich habe viele Bücher, in denen solche Wörter stehen: Zigeunerdichtung. Lyrik amerikanischer Neger. Soll ich die nicht mehr lesen, nicht mehr zitieren? 1990 war ich in einem kleinen revolutionären Akt an der Neuschreibung des Statuts der Philosophischen Fakultät beteiligt, es war im zeitigen Frühjahr 1990. Wir schrieben eine Drittelparität hinein: Professoren, Mitarbeiter, Studenten. (Da fingen manche Professoren an, das Hochschulrahmengesetz der Bundesrepublik zu studieren. Da gab es so etwas nicht. Vielleicht ein nicht immer berücksichtigter Grund für die schnelle Wiedervereinigung.) Im Statut benutzten wir das taz-Binnen-I: ProfessorInnen. Ein Professor fragte mich, ob man das heute so schreibe. Ein halbes Jahr später redete ein Herr Möllemann in der Aula der Universität Greifswald, er sagte: „Ab morgen bin ich Ihr Minister.“ Mit den Experimenten war Schluss.

Zurück zu jenem Tweet. Wenn ihr die Wörter nicht mehr zitiert, dachte ich traurig, was macht ihr dann mit den alten Büchern? Klar kann man ein Wort in einem Kinderbuch ändern, das hat man schon immer gemacht. Aber die Bücher der alten Schriftsteller, der „weißen“, der „nichtweißen“? Der große US-amerikanische Dichter Langston Hughes, dessen Gedichte ich in einem Reclambuch las, als ich noch zur Schule ging. „Auch ich singe Amerika“, heißt ein Gedicht, es endet so:

Übrigens
Werden sie sehen, wie schön ich bin,
Und sie werden sich schämen –

Auch ich bin Amerika.

Deutsch von Stephan Hermlin

An ein anderes Gedicht von Hughes dachte ich, als ein Clown in Amerika diesen „MAGA“ abgekürzten Spruch einführte, Make Ummerica Great Again. Bei Hughes heißt es: „Let America be America again“, darin diese Zeilen:

Ich bin der arme Weiße, betrogen und verstoßen,
Ich bin der Neger, der die Sklavennarbe trägt.
Ich bin der rote Mann, den man vom Land vertrieben
(…)
Holen wir uns das Land zurück einmal,
Amerika!

Deutsch von Stephan Hermlin

Bitte nicht an dieser Stelle „N-Wort“ einsetzen. Lest die alten Dichter, nehmt sie ernst, zitiert sie, tragt sie vor, im Wortlaut. An Grammatik, Rechtschreibung und Wortschatz mag man erkennen, dass es ein alter Text ist, Schrift gewordene Geschichte. – (Hughes hatte übrigens sehr gemischte Vorfahren, ein englischer Dichter war darunter, ein jüdischer Sklavenhändler, ein französischer Kaufmann neben schwarzen Sklaven, die Irokesen oder Irokesinnen geheiratet hatten. Er war Amerika.)

Heute ein Gedicht von Langston Hughes

 (* 1. Februar 1902 in Joplin, Missouri; † 22. Mai 1967 in New York) 

The Negro Speaks of Rivers
(To W. E. B. DuBois)

I’ve known rivers:
I've known rivers ancient as the world and older than the
   flow of human blood in human veins.

My soul has grown deep like the rivers.

I bathed in the Euphrates when dawns were young.
I built my hut near the Congo and it lulled me to sleep.
I looked upon the Nile and raised the pyramids above it
I heard the singing of the Mississippi when Abe Lincoln
   went down to’ New Orleans, and I’ve seen its muddy
   bosom turn all golden in the sunset

I’ve known rivers:
Ancient, dusky rivers.

My soul has grown deep like the rivers.
Der Neger spricht von Strömen
(Für W. E. B. DuBois)

Ich habe Ströme gekannt:
Ich habe Ströme gekannt, alt wie die Welt und älter als
   der Fluß menschlichen Blutes in menschlichen Adern.

Meine Seele ist tief geworden wie die Ströme.

Ich badete im Euphrat, als die Dämmerungen jung waren.
Ich baute meine Hütte am Kongo, und er sang mich in
   Schlaf.
Ich blickte auf den Nil hinab und türmte Pyramiden über
   ihn.
Ich lauschte dem Gesang des Mississippi, als Abe Lincoln
   nach New Orleans herunterkam, und ich sah, wie die
   schlammige Brust des Stromes im Sonnenuntergang sich
   golden färbte.

Ich habe Ströme gekannt,
Uralte verdunkelte Ströme.

Wie die Ströme tief ist meine Seele geworden.

Deutsch von Stephan Hermlin, aus: Schwarzer Bruder. Lyrik amerikanischer Neger. Gedichte, Spirituals, Work Songs, Protestlieder, englisch und deutsch. Leipzig: Reclam, 1968, S. 37

Ursprung der Welt

Das Rig-Veda ist das älteste Literaturdenkmal Indiens. Es wurde zusammengestellt in der Mitte des ersten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung. Diese Gedichte sind nicht „freie lyrische Ergüsse“, sagen die Gelehrten, sondern Zweckdichtung, Gebrauchskunst.

… der rigvedische Dichter ist ein geistiger „Handwerker“. Sein Dichten wurzelt in praktisch notwendigen Bedürfnissen, gleichsam ohne seine bewußte Absicht wächst seine Kunst über sich hinaus und gipfelt schließlich in der reinen, scheinbar zwecklosen Schönheit gedanklicher und sprachlicher Form. Und der Zweck, dem sie dient, ist ein religiöser.

Paul Thieme in: Gedichte aus dem Rig-Veda. Stuttgart: Reclam 1999, S. 5
Der Ursprung der Welt

1 Nicht existierte Nichtseiendes, noch auch existierte Seiendes damals - nicht existierte der Raum, noch auch der Himmel jenseits davon. Was umschloß? Wo? Im Schutz wovor? Existierte das [Süß-]Wasser? - [Nein, nur] ein tiefer Abgrund!

2 Nicht existierte der Tod, also auch nicht das Leben. Nicht existierte das Kennzeichen der Nacht (Mond und Sterne), des Tages (die Sonne). - Es atmete (begann zu atmen) windlos, durch eigene Kraft da ein Einziges. Nicht irgend etwas anderes hat jenseits von diesem (= früher als dieses) existiert.

3 Finsternis war verborgen durch Finsternis im Anfang. Kennzeichenlose Salzflut war dieses All. Der Keim, der von Leere bedeckt war, wurde geboren (kam zum Leben) als Einziges durch die Macht einer [Brut-] Hitze.

4 Ein Begehren [nach Entstehung] bildete sich da im Anfang, das als Same des Denkens als erstes existierte. Die Nabelschnur (den Ursprung) des Seienden im Nichtseienden fanden die Dichter heraus, in ihrem Herzen forschend, durch Nachdenken.

5 Quer aufgespannt war ein Seil [auf] ihrem [Wege]. Existierte denn ein Unten? Existierte denn ein Oben? Existierten Besamer? Existierten Schwangerschaften? Waren Eigenkräfte (männliche Prinzipien) später, Hingabe (das weibliche Prinzip) früher [oder umgekehrt]?

6 Wer weiß es gewiß, wer wird es hier verkünden, woher geboren (zum Leben gekommen), woher diese Emanation [der Welt] ist? Diesseits sind die Himmlischen von der Emanation dieser [Welt]. Also wer weiß es, woher sie geworden ("gekeimt") ist?

7 Woher diese Emanation geworden ("gekeimt") ist, ob sie getätigt worden ist [von einem Agens] oder ob nicht - wenn ein Wächter dieser [Welt] ist im höchsten Himmel, der weiß es wohl: oder ob er es nicht weiß?

Aus: Gedichte aus dem Rig-Veda. Aus dem Sanskrit übertragen und erläutert von Paul Thieme. Stuttgart: Reclam, 1999, S. 66f

Für wie gewaltig man die Wirkung in Gedichten formulierter Wahrheiten hielt, zeigt sich schon darin, daß man gerade im Zusammenhang mit weltschaffender Tätigkeit von der Gottheit als einem „Dichter“ (kavi) spricht. Auf der sprachlichen Formung – dies ist die ursprüngliche Bedeutung von brahman (n.) – beruht im Rahmen dieser Weltanschauung alles gute Geschehen, dies ist die Wirkung menschlichen wie göttlichen Gedichtes.

Ebd. S. 11

Antike Landschaft auf pommerschem Sand

2200 Jahre nach Sappho schrieb Sibylla Schwarz, auch genannt die pommersche Sappho. Landschaftsdichtung kann sie auch. In der kurzen Lebensspanne von 17 Jahren, 5 Monaten, 2 Wochen und 2 Tagen probierte sie sich in allen Gattungen, die ihr erreichbar waren. Faunus ist eine Schäfererzählung in Prosa mit eingestreuten Gedichten (Sonette, Lieder und Sprüche) und einem Vorspiel in Alexandrinern (jambische Sechsheber mit Mittelzäsur). Dieses baut eine veritable Schäferlandschaft auf, die der Gegend von Fretow ähnelt, wo Sibyllas Vater, der Bürgermeister der Hansestadt Greifswald, ein Landhaus hatte, in Wahrheit ehrlich der Stadt, deren Bürgermeister er war, in einer kriegsbedingten finanziellen Notlage abgekauft. Für die junge Dichterin ein Glücksfall, denn dort konnte sie die Sommer verbringen, fern (10 km) der Stadt mit ihren scheelen Blicken und erst kaiserlichen, dann schwedischen Besatzungssoldaten. (Es half nur eine Zeit. Ein halbes Jahr vor ihrem Tod kamen die Soldaten und brannten ihren Musenhof auf pommerschem Sand nieder.) Jetzt aber lebt sie noch, eine junge Frau mit dichterischen Gaben und Kenntnissen der neusten deutschen, niederländischen und englischen Literatur und mit ihrem Freundeskreis, Liebe nicht ausgeschlossen. Ein paar Kilometer übers Wasser einer kleinen Bucht gibt es das Dorf Gristow mit eiszeitlichen Hügeln, das ist ihr Helicon, wo Apollo mit den Musen Haus hält. In Fretow soll sich Venus, die griechische Sappho sagte Aphrodite, zum ersten Mal verliebt haben. Also bauen die örtlichen Schäfer der Göttin der Liebe zu Ehren einen Tempel, so schön, ach was, schöner noch als der Tempel der Göttin Artemis / Diana in Ephesos, der eins der Sieben Weltwunder der Griechen war. Lesen Sie selbst.

Sibylla Schwarz

( * 24. Februar [14. Februar jul.] 1621 in Greifswald, † 10. August [31. Juli jul.] 1638 ebd.)

Aus: Faunus.

DEr Früling hatte schon den Feldern abgenommen 
Jhr weisses Winterkleid / an dessen stat war kommen 
Jhr grün gemahlter Rock / eß ließ die Nachtigal / 
Die schöne Singerin / sich hören über all ; 
Der warmen Sonnen Liecht hett auch schon aufgeschlossen 
Den Frost / des Wassers Bandt / und kam mit seinen Rossen 
Gleich iezund auß der See / der diken Bäume Schaar / 
Die vor gantz abgelaubt / bekam jhr grünes Haar.
Die Blumen hetten sich schon hin und her gesetzet / 
Der Mensch die kleine Welt / war gleichsam mit ergetzet / 
Der Bauren Coridon erhub sich auch ins Feldt / 
Mit seiner Kühe Heer / als wers ein Krieges=Heldt.
Mirtillo folget jhm mit grosser Herde Schaffen / 
Menalcas und sein Volck die wolten auch nicht schlaffen ; 
Hier sah man wie die Kuh den Stier verjagen kan / 
Dort kam mit brüllen her jhr dickköpfichter Mann ; 
Hier sah man zwene Böck sich stossen gantz verwegen 
Einander auff die Haut / dort dan sich nieder legen 
Ein mutigs geiles Pferd / und wältzen sich herum ; 
Die Ziegen tantzten auch all in die qver und krüm ; 
Der Ackerman hub an das Feld mit Lust zu bauen / 
Der Schiffer kühnes Volck den Wellen sich zu trauen; 
Der kluge Vogeler ging leis und gahr geheim / 
Das leichte Feder=Vieh zu fangen mit dem Leim ; 
Der Jäger bließ sein Horn / und jagte mit den Winden 
Den schnellen Haasen nach / den Hirschen und den Hinden ; 
Die Wälder lachten selbst ; Jn Summa alle Welt 
Hätt jhren gantzen Muht auff Fröligkeit gestellt : ¶

ALs ein mahl die Schäffer / der Göttin Venus zu Ehren / einen Tempel erbaueten / welcher nicht unbillig der DianenKirche zu Epheso konte verglichen / wo nicht gahr vorgezogen werden / und für das achte Wunder der Welt zu halten seyn ; Zu dem war derselbe an einem überauß lustigen Orte / der die Art an sich hatte / daß der / welcher nuhr denselben anschauete / dadurch alles seines Leydes vergessen muste ; Der Musen Eigenthum / der Helicon / war / nebst einer kleinen Jnsul / gleich dabey. Disen Tempel nun seiner Würde nach zu beschreiben / würde zu vihl werden / sintemahl auch meine Feder viel / viel zu schwach dazu ist / die Musen selbst / ob sie zwar Tag und Nacht daran arbeiten / können diesen Ort nicht gnugsam entwerffen ...

Aus:

Sibyllen Schwarzin /
Vohn
Greiffswald aus Pommern /
Deutsche Poëtische
Gedichte /
Nuhn
Zum ersten mahl / auß jhren eignen
Handschrifften / herauß gegeben
und verleget
Durch
M. SAMUEL GERLACH /
auß dem Hertzogtuhm Würtemberg.
und in
DANTZIG
Gedrukt / bey seel. Georg Rheten Witwen /
im M.D.C.L. Jahr. [Danzig 1650]


Zweiter Teil, Bogen A j / A j b.

Der erste Teil meiner Werkausgabe erschien im Januar 2021 bei Reinecke & Voß in Leipzig unter dem Titel: Sibylla Schwarz (1621-1638). Werke, Briefe, Dokumente. Kritische Ausgabe. Faunus wird im zweiten Band enthalten sein, der 2022 auch bei Reinecke & Voß erscheint

Sapphische Landschaft

Sappho  

(Σαπφώ, * zwischen 630 und 612 v. Chr.; † um 570 v. Chr.)

Vor 2600 Jahren erfindet Sappho die Landschaftsdichtung*. Sie lädt die Göttin Aphrodite zu sich ein und skizziert eine von Göttlichem und Menschlichem durchtränkte Landschaft. Mag das Gedicht kultischen Zwecken gedient haben, ein erotisches, ein Landschaftsgedicht ist es auch. – Das Gedicht ist überliefert auf einer Tonscherbe eines Bechers aus dem 3. oder 2. Jh. v.u.Z., vielleicht von einem Schüler eingeritzt. Es waren wohl ursprünglich 5 Strophen.

* Wenn ihr nicht jemand aus Asien oder Afrika zuvorgekommen ist.

2

(Aus dem Himmel herabkommend) 
hierher zu mir aus Kreta, (komm zu diesem) Tempel
dem heiligen, wo ein anmutiger Hain steht
von Apfelbäumen, zudem Altäre sind da, die schwelend qualmen
         vom Weihrauch;

drinnen kühles Wasser rauscht zwischen Zweigen 
der Apfelbäume, und von Rosen ist der ganze Ort
beschattet: Beim Säuseln der Blätter
ergreift einen der Schlummerzustand der totalen
         Verzauberung,

Drinnen ferner eine Wiese, Pferde weidend, steht in Blüte
mit Frühlingsblumen, und Lüftchen 
wehen honigsüß. 
         ...

Hier nun nimm du ... , Kypris,
in goldenen Bechern elegant
mit Festfreuden vermischten Nektar 
         einschenkend

Aus: Sappho, Lieder. Hrsg., u. übersetzt von Anton Bierl. Stuttgart: Reclam, 2021, S. 8

2

]
here to me from Krete to this holy temple 
where is your graceful grove 
of apple trees and altars smoking 
         with frankincense.

And in it cold water makes a clear sound through 
apple branches and with roses the whole place 
is shadowed and down from radiant-shaking leaves 
         sleep comes dropping.

And in it a horse meadow has come into bloom 
with spring flowers and breezes 
like honey are blowing 
         [                               ]

In this place you Kypris taking up 
in gold cups delicately 
nectar mingled with festivities:
         pour.

Aus: Anne Carson (Transl.): If not, winter. Fragments of Sappho. New York: Vintage Books, 2002, S. 7

He, Dichterlesungspublikum

Jack Kerouac

(* 12. März 1922 in Lowell, Massachusetts; † 21. Oktober 1969 in Saint Petersburg, Florida)

He, hör mal her, du Dichterlesungspublikum
Wenn du nicht das Maul hältst
Und der Posie zuhörst,
Verstehste... werden wir einen Kerl am Eingang postieren,
Der alle Posiehasser aussperrt
Für alle Zeiten

Und außerdem, falls du das Thema nicht magst
Von dem Gedicht, das der Poiet
Gerade liest, Jessas, warum
Versuchst du’s nicht mit Marlon Brando,
Der dir die Augen öffnen wird
Mit seinem Schrei

James Dean ist tot? -– –
   Sind wir’s nicht alle?
   Wer is denn nicht tot – –

John Barrymore ist tot

Nee San Francisco ist tot
– San Francisco ist lammblök
   Vom Nebel
(Und die Zäune sind kalt)

1956?

Deutsch von Horst Spandler, aus: Jack Kerouac: Verstreute Gedichte. (Heartbeat No. 9). Berlin: Stadtlichter Presse, 2004, S. 125

Hey listen you poetry audiences
If you dont shut up
And listen to the potry,
See... we’ll set a guy at the gate
To bar all potry haters
Forevermore

Then, if you dont like the subject
Of the poem that the poit
Is readin, geen, why dont
You try Marlon Brando
Who’ll open your eyes
With his cry

James Dean is dead? -– –
   Aint we all?
   Who aint dead – –

John Barrymore is dead

Naw San Francisco is dead
– San Francisco is bleat
   With the fog
(And the fences are cold)

Die neue amerikanische Dichtung, wie sie durch die SF Renaissance verkörpert wird (das heißt wohl durch Ginsberg, mich, Rexroth, Ferlinghetti, McClure, Corso, Gary Snyder, Philip Lamantia, Philip Whalen), ist eine Art neue alte Zen-Verrücktheitsdichtung, bei der du einfach alles, was dir gerade in den Kopf kommt, so wie es kommt, niederschreibst, Dichtung, die zu ihren Ursprüngen zurückgekehrt ist, zum bardischen Kind, die wirklich ORAL ist, wie Ferling sagte, im Gegensatz zur Wortklauberei von Akademikern mit grauen Gesichtern. Poesie & Prosa waren über lange Zeit in die falschen Hände der falschen Leute geraten. Die neuen, reinen Dichter bekennen aus purer Freude am Bekennen. Sie sind KINDER. Sie sind auch kindhafte graubärtige Homere, die auf der Straße singen. Sie SINGEN, sie SWINGEN.

Ebd. S. 7

Jugend. Sonett

Arthur Rimbaud 

(* 20. Oktober 1854 in Charleville; † 10. November1891 in Marseille) 

Jeunesse
II
Sonnet

Homme de constitution ordinaire, la chair n’était-elle pas un fruit pendu dans le verger, — ô journées enfantes ! — le corps un trésor à prodiguer ; — ô aimer, le péril ou la force de Psyché ? La terre avait des versants fertiles en princes et en artistes, et la descendance et la race vous poussaient aux crimes et aux deuils : le monde votre fortune et votre péril. Mais à présent, ce labeur comblé, toi, tes calculs, — toi, tes impatiences — ne sont plus que votre danse et votre voix, non fixées et point forcées, quoique d’un double événement d’invention et de succès une raison, — en l’humanité fraternelle et discrète par l’univers sans images ; — la force et le droit réfléchissent la danse et la voix à présent seulement appréciées.
JUGEND
Sonett

War mir als Mann von besonderer Körperbeschaffenheit das Fleisch nicht wie eine im Obstgarten hängende Frucht; — o kindliche Tage! — der Leib ein Schatz, um ihn zu verschwenden; — o lieben, die Gefahr oder die Stärke der Psyche? Die Erde barg Hänge, fruchtbar an Fürsten und Künstlern, und Herkunft und Rasse trieben dich zu Verbrechen und tiefer Trauer: Die Welt, dein Glück und deine Gefahr. Aber nun, wo diese Arbeit vollendet, sind du, deine Berechnungen, du, deine Sehnsüchte, nichts weiter als dein Tanz und deine Stimme, nicht gefestigt und nicht gesteigert, obwohl Ursprung eines zwiefachen Ereignisses von Erfindung und von Erfolg — innerhalb der brüderlichen und bescheidenen Menschheit in der bilderlosen Welt; – Gewalt und Recht strahlen den Tanz und die Stimme zurück; sie allein werden heute geschätzt.
 Aus: Arthur Rimbaud: Illuminationen. Übertragen von Gerhart Haug. Mit einem Vorwort von Paul Verlaine. Hamburg: Ellermann, 1947 (Das Gedicht. Blätter für die Dichtung 12-1947), S. 20
Jugend
II
Sonett

War für mich, einen Mann von ganz gewöhnlicher Beschaffenheit, das Fleisch nicht eine im Obstgarten hängende Frucht; o Tage der Kindheit! – der Leib ein Schatz, verschwendet zu werden; – o Lieben, die Gefahr oder die Kraft der Psyche? Die Erde besaß Abhänge, fruchtbar an Fürsten und Künstlern, und Abstammung und Rasse trieben dich zu den Verbrechen und Traurigkeiten. Aber jetzt, da diese Aufgabe vollbracht ist, sind du, deine Pläne – du, deine ungeduldigen Wünsche – nichts weiter als dein Tanz und deine Stimme, nicht festgenagelt und nicht vergewaltigt, obwohl Ursache eines Doppelereignisses von Erfindung und Erfolg – in der brüderlichen und verschwiegenen Menschheit überall in der Welt ohne Bilder; – die Macht und das Recht spiegeln den Tanz und die Stimme wider, die jetzt erst gewürdigt werden.
 Aus: Flammende Morgenröte / Arthur Rimbaud. Gabrielle Ménardeau u. Justus Franz Wittkop schrieben d. Einl. u. besorgten d. Ausw. aus d. Werk d. Dichters nach d. Übers. aus d. Franz. von Walther Küchler.	Genehmigte, ungekürzte Taschenbuchausg. München : Heyne, 1979, S. 108
Jugend
II 
SONETT

O einfacher Mensch, war nicht das Fleisch eine Frucht im Garten der Welt – o kindliche Tage, der Leib ein Schatz zu verschenken – o lieben, das Wagnis oder die Kraft einer Göttin? Dichter und Prinzen bedeckten die Erde, doch Herkunft und Rasse stießen uns in Verbrechen und tödliche Trauer: Welt wurde Schatz und Gefahr. Nun aber, da dieses Werk getan und vollendet, sind deine sehnlichste Erwartung, du, dein Kalkül, nicht weniger und mehr als dein Tanz und deine Stimme, nicht starr, nicht gehetzt, obgleich zwiefach gezeugt aus Erfolg und Erfindung: eine Vernunft in verbrüderter Menschheit, in deren bescheidenem, bildlosem All. Die Kraft und die Gerechtigkeit spiegeln den Tanz und die Stimme, heute von uns nur geträumt und geahnt.
 Deutsch von Dieter Tauchmann. Aus: Arthur Rimbaud, Sämtliche Werke. Frz. u. dt. Leipzig: Insel, 1976, S. 297. 

Ich sage, dass man sehend sein muss, sich sehend machen. – Der Dichter macht sich sehend durch eine lange, immense und überlegte Zügellosigkeit aller Sinne. Alle Formen der Liebe, des Leidens, des Wahns; er forscht selbst, er schöpft in sich alle Gifte aus, um nur die Quintessenzen zu bewahren. Unsägliche Qual, wo er alles an Glauben braucht, alles an Menschen übersteigender Kraft, wo er unter allen der große Kranke, der große Verbrecher, der große Verfemte wird — und der allwissende Gelehrte! – Denn er gelangt zum Unbekannten!

Deutsch von Tim Trzaskalik, aus: Arthur Rimbaud: Prosa über die Zukunft der Dichtung. Berlin: Matthes und Seitz, 2010, S. 27

Läusecheck

Sandra Klose

Aus: Sandra Klose: Hotel Rhizom. Gedichte. Köln: parasitenpresse, 2021, S. 17

Martin Luther

Giambattista Marino 

(Giovan Battista Marino, Marini;  * 18. Oktober 1569 in Neapel; † 25. März 1625 ebenda) 

Germanistikstudenten könnten seinen Namen gehört haben, Texte gelesen aber vielleicht nicht. Vor allem in älteren Lexika und Literaturgeschichten gilt er als Verantwortlicher für Schwulst-Exzesse zum Beispiel in der deutschen (Marinismus), spanischen (Góngorismus) oder englischen Literatur (Euphuismus). Sein Geburtstag wird in verschiedenen Wikiartikeln als 14. Oktober angegeben, in gedruckten Quellen als 18. Heute also zu einem möglichen Geburtstag ein Gedicht über einen deutschen Mönch. Er wird darin wenig freundlich als Hyäne, Spinne, Frosch oder Python apostrophiert. (Die englischen Königin Elizabeth nennt er gar Gottesschänderin.) Er war also katholisch.

Vor einigen Jahren erschien im Leipziger Verlag Reinecke & Voß: Episteln und Pistolen : eine barocke Dichterfehde / Giambattista Marino & Gaspare Mùrtola. Ausgew. und erstmals aus dem Ital. übertr. von Jürgen Buchmann. Leipzig : Reinecke & Voß, 2013, 1. Aufl.

Martin Luther

Fuchs bösen Willens, der die Blumenerde
Von Christi Weinberg laut zerwühlt und leise.
Gemeiner Wolf, der trügerischerweise
Verriet und biß die treue Lämmerherde,

Entflohn der Arche, Rabe von Gebärde,
Dem Dreck und Abfall Nahrung, Lust und Speise;
Hyäne, niederträchtig Stimm' und Weise
Menschlich nachahmend, daß sie Lüge werde,

Als Spinne stellst du auf zum Fliegenfangen
Das Netz der Ketzerei; du Frosch geschwätzig
Willst aus dem Sumpfe Seligkeit erlangen.

Du Python ! Weltersticker, Hydra, kretzig
Mit tausend Köpfen: wagst du sonder Bangen
Harmlos zu scheinen, doch im Fraß entsetzlich?


Deutsch von Edward Jaime, aus: Beispiele manieristischer Lyrik. Hrsg. Gerd Henniger. München: dtv, 1970, S. 53f

MARTINO LUTERO

     Volpe malvagia, che ’l terren fiorito
de la vigna di Cristo incavi e rodi;
lupo fellon, che con furtive frodi
il fido ovile hai lacero e tradito;
     immondo corvo, che, de l’arca uscito,
di putrid’ésca ti nutrisci e godi;
perfida iena, che ’n sagaci modi
formi d’umana voce un suon mentito;
     iniqua aragna, che a le mosche ordisci
reti vane d’error; rana loquace,
che, sommersa nel fango, al ciel garrisci;
     Piton, che ’l mondo ammorbi; idra ferace
di mille avide teste, ahi! come ardisci
sotto aspetto vezzoso esser vorace?

Die Kassiopeia kennst du

Toni Schwabe

(* 31. März 1877 Blankenburg / Thüringen; † 17. Oktober 1951 Bad Blankenburg)

Die Kassiopeia kennst du
Und den Himmelswagen.
Mehr Bilder weißt du nicht?
Ich soll dir sagen,
Was all die anderen Sterne bedeuten – – – –
Und einen Augenblick
Schließ ich die Augen und denke der Zeiten –
Seltsam ferner Zeiten denk ich zurück.
Dein weißes Gesicht ist zum Himmel erhoben –
Die Kassiopeia kennst du –
Und den Himmelswagen ––
Die andern Bilder sind – Sterne da droben.
Ich werde dir nie ihre Namen sagen.

Aus: Toni Schwabe. Versensporn 25. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2016, S. 8 (zuerst in: Verse. Berlin: A.R. Meyer, 1907)

Ich werde dir nie ihre Namen sagen. Foto © 2020 Gratz

Glanz und Elend der teutschen Dicht-Kunst

Die Weltliteratur und so auch die deutsche sind voll von Schmähgedichten – auf Rivalen, Feinde, Schulen oder gleich ganze Epochen. Man muss es nicht immer aussprechen, man LOBT damit zugleich die eigene Schule, Richtung oder peer group. Johann Ulrich König – Hand aufs Herz, wer hat den Namen parat? Er galt als deutscher Horaz, ach nein, nur als sächsischer. Honorige Zeitgenossen lobten ihn: loben und gelobt werden. Wie auch immer, im heutigen Gedicht tadelt er die Dichtung der vorigen Generation und lobt die eigene.

Johann Ulrich König

(* 8. Oktober 1688 in Esslingen; † 14. März 1744 in Dresden)

Uber das Kupffer-Bild vor dem Ersten Theile der Besserischen Schrifften. [siehe unten]

   Die teutsche Dicht-Kunst war veracht, 
Sie suchte sich zu bunt zu kleiden;
   Bey Hofe sah sie sich verlacht, 
Denn der kan keinen Schulschmuck leiden.

   Sie war nur auf den Schein bedacht, 
   Und was den Opitz groß gemacht, 
Begunt’ ihr falscher Witz zu meiden.

   Doch der Geschmack nebst der Natur 
Fieng an, sie edler auszuzieren, 
   Und sicher auf der Alten Spur 
Nach Hofe wieder hinzuführen; 
   Wo sie, befreyt von Schminck und Tand, 
   Durch Bessers Schreib-Art Beyfall fand.

Aus: Deutsche Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart in 10 Bänden. Hrsg. Walther Killy. Bd. 5: 1700-1770. München: dtv, 2001, S. 120

Johann von Besser war sein Gönner und Chef. Im 18. / 19. Jahrhundert wurden dann mit den von König geschmähten Barockpoeten auch die höfischen Dichter wie Besser und König in den Orkus geworfen. Heute können wir gelassener sein und regen uns nur auf, wenn unsere eigene peer group angegriffen wird.

Original von der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, http://diglib.hab.de/drucke/xb-4827/start.htm?image=00005