Aus den Pyrenäen

Joan Maragall

(10.10.1860 – 20.12.1911)

Pirenenca

Dins la cambra xica, xica,
en la nit dormo tot sol;
part de fora negra, negra,
la muntanya em vetlla el son.
La muntanya alta, alta,
que se’m menja tot el cel,
se m’arrima dreta, immòbil,
sentinella mut i ferm.
Els meus somnis volen, volen
cap als plans i vora el mar,
on els meus amors m’esperen
sota el cel assoleiat.
Jo somric an els meus somnis
adormit en la nit, sol…
Part de fora negra, negra,
la muntanya em vetlla el son.


Aus den Pyrenäen

In dem kleinen, kleinen Zimmer
schlaf ich nächtens ganz allein;
und die schwarze, schwarze Bergwand
bewacht draußen meinen Schlaf.
Diese hohe, hohe Bergwand,
die den Himmel ganz verdeckt,
aufrecht, regungslos und nahe
steht als Wächter stumm und fest.
Meine Träume fliegen, fliegen
hin ins Flachland und ans Meer,
wo die Liebsten mich erwarten
unterm Himmel sonnenhell.
Und ich lächle meinen Träumen,
schlafend in der Nacht, allein …
Und die schwarze, schwarze Bergwand
bewacht draußen meinen Schlaf.

Mit freundlicher Genehmigung des Lyrik Kabinetts aus dem im Januar erscheinenden Band: Joan Maragall: Der Pinien Grün, des Meeres Blau. Gedichte. Katalanisch/deutsch. Ausgewählt, übertragen und mit einer Einführung von Àxel Sanjosé. München: Stiftung Lyrik Kabinett, 2022

Goebbels seine Sorgen

Wem ist bewusst, dass in der berühmten Anthologie „Menschheitsdämmerung“ neben Benn, Stramm und Trakl auch Gedichte auf Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht stehen? Letzteres von Rudolf Leonhard. Er war Kriegsfreiwilliger, Pazifist, Expressionist, Kommunist, er lebte zuletzt in der DDR, wo er 1953 starb. In einer neueren Biographie schreibt jemand, seine Gedichte seien mehr von zeitgeschichtlichem als literarischem Interesse, na und? Wer sucht, findet Gedichte als Gedichte, sone und solche. Ich habe ein satirisches herausgesucht, das 1944 illegal in Marseille gedruckt wurde, 1947 zusammen mit neueren unter dem Titel „Deutsche Gedichte“, was sie auch sind, Gedichte in deutscher Sprache, die um Deutschland bangen, über Deutschland und zu den Deutschen reden. „Deutschland ist nur noch 100 Kilometer breit“ beginnt eins von Anfang 1945, ein anderes etwas später aus dem selben Jahr endet so: „Alle Völker haben sich selbst befreit, nur Deutschland nicht.“ Jetzt aber Doktor Goebbels.

Rudolf Leonhard

(* 27. Oktober 1889 in Lissa; † 19. Dezember 1953 in Ost-Berlin)

SEINE SORGEN

Mit der düsteren Tragik Hebbels 
und auch wie mit Bauchbeschwerden 
sitzt im Reiche Doktor Goebbels 
schief gewickelt, blinzt und sinnt: 
was soll nur aus England werden, 
wenn es diesen Krieg gewinnt???

Aus: Rudolf Leonhard: Deutsche Gedichte. Berlin: Dietz Verlag, 1947, S. 18

Verbot zu ankern

Margot Scharpenberg

(* 18. Dezember 1924 in Köln; † 25. August 2020 in New York)

Statt eines Traums

Verbot zu ankern. Laß ihn weiterziehen, 
den schwarzen Kahn, gemähter Nächte voll. 
Die toten Sterne kennen keinen Hafen.
Wer einmal zielte, bleibt als Schütze stehn, 
für immer kreisend auf der Mondlichtscheibe, 
auf flachem Graben um ein Wasserschloß. 
Verbot zu fangen. Goldnen Widerhaken 
im Mund, so zieht der Panzerfisch vorbei, 
der mordgeschuppte, mit zerbrochnen Augen, 
die Beute, stumm, gewendeten Gesichts.
Wir raffen hohle Wellen nur im Schlafen, 
und keins der Schiffe legt die Brücke an 
zum Frachtvertäuen, Wechseln, Gästeladen, 
zur Inselflucht. Wir bleiben Mann im Mond 
und ziehn gebunden, armberaubte Wächter, 
am Tag vorbei, vertröstet, Traum statt Tod.

Aus: Panorama moderner Lyrik deutschsprechender Länder. Von der Jahrhundertwende bis zur jüngsten Gegenwart. Hrsg. Wolfgang Hädecke u. Ulf Miehe. Gütersloh: S. Mohn, o.J. (1965), S. 423

Ich war’s

Kein Gedicht zum Wohlfühlen heute. Es stammt von dem indischen Dichter Sarod Sudip, geboren 1943, er schreibt in Punjabi. Es ist ein schlimmes Gedicht, eins zum Davonlaufen und Lieberwegsehen. Aber es ist immer noch da.

Sarod Sudip

Ich war's

Es war meine Tochter
die auf ihrem Weg geliebt zu werden
zur Hure wurde
Ich war‘s
der gelegentlich die Stufen hinaufstieg
und die Treppe herunterkam


Aus: Gelobt sei der Pfau. Indische Lyrik der Gegenwart. Hrsg. Alokeranjan Dasgupta. München: Schneekluth, 1986, S. 144 – Die Punjabigedichte der Anthologie sind übersetzt von Inder Singh, Alokeranjan Dasgupta und Trudberta Dasgupta.

Dezember

Kurt Bartsch 

(* 10. Juli 1937 in Berlin; † 17. Januar 2010 ebenda) 

der dezember

im schnee der vater die mutter mein
das holzhaus der frieden hölzernes bein
hinkt wie die vergleiche die bäume stehn
im himmel unten das leben ist schön

Aus: Saison für Lyrik. Neue Gedichte von siebzehn Autoren. Auswahl Joachim Schreck. Berlin und Weimar: Aufbau, 1968, S. 12

Adolf Endler schrieb über die Anthologie, die heftige Auseinandersetzungen hervorrief und zur Entlassung des Herausgebers beim Verlag führte oder beitrug, mit der Anthologie sei eine ganze Generation der DDR-Lyrik untergegangen. Die Anthologie gehörte zu meinen ersten Leseübungen in neuer Lyrik, in ihr las ich Bartsch Braun Czechowski Erb Endler Jentzsch Kirsch Kirsch Kirsten Kunert Kunze Rennert Ulrich.

Jahrhundert der Weltkriege

Muriel Rukeyser 

(* 15. Dezember 1913 in New York; † 12. Februar 1980 ebenda) 

Gedicht

Ich lebte im ersten Jahrhundert der Weltkriege.
Morgens war ich meistens mehr oder weniger verstört.
Die Zeitungen kamen mit ihren unbekümmerten Geschichten, 
Die Nachrichten ergossen sich aus allerhand Geräten, 
Unterbrochen vom Bemühn, Waren an Unsichtbare zu verkaufen. 
Ich rief meine Freunde mittels anderer Apparate an; 
Aus ähnlichen Gründen waren sie mehr oder weniger verrückt. 
Langsam griff ich mir Papier und Bleistift, 
Schrieb Gedichte für andere Unsichtbare und Ungeborene.
Am Tage erinnerte ich mich jener tapferen Männer und Frauen, 
Die Signale über weite Strecken übermittelten, 
Dachte an ein namenloses Leben mit beinah ungeahnten Werten. 
Wenn die Lichter erloschen, Nachtlichter heller leuchteten, 
Versuchten wir, sie uns vorzustellen, versuchten, uns zu finden, 
Frieden zu konstruieren, uns zu lieben, Wachen und Schlafen 
Miteinander auszusöhnen, uns selbst mit den anderen, 
Uns mit uns selbst. Mit allen Mitteln versuchten wir, 
Unsere Grenzen zu erreichen, hinter die Grenzen zu gelangen, 
Die Mittel und Wege loszulassen, zu erwachen.

Ich lebte im ersten Jahrhundert solcher Kriege.

Aus: Sehen heißt ändern. Dreißig amerikanische Dichterinnen des 20. Jahrhunderts. Eine zweisprachige Anthologie. Hrsg., übertragen u.m.e. Nachwort versehen von Jürgen Brôcan. München: Lyrik Kabinett, 2006

Poem

I lived in the first century of world wars.
Most mornings I would be more or less insane, 
The newspapers would arrive with their careless stories, 
The news would pour out of various devices
Interrupted by attempts to sell products to the unseen.
I would call my friends on other devices; 
They would be more or less mad for similar reasons.
Slowly I would get to pen and paper, 
Make my poems for others unseen and unborn.
In the day I would be reminded of those men and women 
Brave, setting up signals across vast distances.
Considering a nameless way of living, of almost unimagined values. 
As the lights darkened, as the lights of night brightened.
We would try to imagine them, try to find each other.
To construct peace, to make love, to reconcile 
Waking with sleeping, ourselves with each other, 
Ourselves with ourselves. We would try by any means 
To reach the limits of ourselves, to reach beyond ourselves.
To let go the means, to wake.

I lived in the first century of these wars.

Kritik der Dichtung

Paul Éluard 

(* 14. Dezember 1895 in Saint-Denis bei Paris; † 18. November 1952 in Charenton-le-Pont bei Paris) 

Kritik der Dichtung

Das Feuer erweckt den Wald 
Die Stämme die Herzen die Hände die Blätter 
Das Glück in einen Strauß gebunden 
Verwirrt sehr leicht schmelzend gesüßt 
Ein ganzer Wald von Freunden 
Der sich versammelt bei den grünen Fontänen 
Der guten Sonne des flammenden Waldes

Garcia Lorca wurde hingerichtet

Haus eines einzigen Wortes 
Und Lippen zu leben vereint 
Ein ganz kleines Kind ohne Tränen 
In seinen Augäpfeln aus verlorenem Wasser 
Das Licht des Künftigen 
Tropfen für Tropfen erfüllt es den Menschen 
Bis an die durchsichtigen Lider

Saint-Pol-Roux wurde hingerichtet 
Seine Tochter hat man gepeinigt

Eisige Stadt aus ähnlichen Ecken 
Wo ich träume von blühenden Früchten 
Vom ganzen Himmel und von der Erde 
Wie von Jungfrauen die sich entblößten 
In einem Spiel das niemals endet 
Welke Steine echolos Mauern 
Ich vermeide euch um ein Lächeln

Decour wurde hingerichtet

Deutsch von Stephan Hermlin, aus: Paul Éluard: Trauer schönes Antlitz. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1974, S. 125

Critique de la poésie

Le feu réveille la forêt 
Les troncs les cœurs les mains les feuilles 
Le bonheur en un seul bouquet 
Confus léger fondant sucré 
C’est toute une forêt d’amis 
Qui s’assemble aux fontaines vertes 
Du bon soleil du bois flambant

Garcia Lorca a été mis à mort

Maison d’une seule parole 
Et des lèvres unies pour vivre 
Un tout petit enfant sans larmes 
Dans ses prunelles d’eau perdue 
La lumière de l’avenir 
Goutte à goutte elle comble l’homme 
Jusqu’aux paupières transparentes

Saint-Pol-Roux a été mis à mort 
Sa fille a été suppliciée

Ville glacée d’angles semblables 
Où je rêve de fruits en fleur 
Du ciel entier et de la terre 
Comme à de vierges découvertes 
Dans un jeu qui n’en finit pas 
Pierres fanées murs sans écho 
Je vous évite d’un sourire

Decour a été mis à mort

Federico García Lorca, der größte spanische Dichter der Neuzeit, wurde von Franco nach der Eroberung von Sevilla erschossen. Saint-Pol-Roux, der fast achtzigjährige Volksdichter der Bretagne, wurde nach furchtbaren Foltern von Angehörigen der SS in seinem Hause ermordet, nachdem man ihn gezwungen hatte, der Vergewaltigung seiner Tochter beizuwohnen. Jacques Decour, einer der glänzendsten jungen Germanisten Frankreichs, veröffentlichte Arbeiten über Goethe, Hölderlin und Kleist und übersetzte Hans Carossa ins Französische. Er wurde im Jahre 1942 erschossen. (Anm. d. Übers.)

Fortschrittswelt

Heinrich Heine 

(* 13. Dezember 1797 in Düsseldorf; † 17. Februar 1856 in Paris)

Mittelalterliche Rohheit
Weicht dem Aufschwung schöner Künste: 
Instrument moderner Bildung
Ist vorzüglich das Klavier.

Auch die Eisenbahnen wirken 
Heilsam aufs Familienleben 
Sintemal sie uns erleichtern
Die Entfernung von der Sippschaft.

Wie bedaur' ich daß die Darre
Meines Rückgratmarks mich hindert,
Lange Zeit noch zu verweilen 
In dergleichen Fortschrittswelt !

Dieses Gedicht ist nur in einer Abschrift von fremder Hand überliefert und wurde zuerst 1869 gedruckt. Entstanden ist es vielleicht nach August 1851. Es steht in der Säkulärausgabe in Band 3 (2008), S. 231. Im Kommentarband dazu finden sich noch zwei gestrichene Strophen:

Die Veredlung wird gesteigert 
Seit die Schreibkunst sich verbreitet, 
Selten schimpfen wir uns mündlich 
Und die [a] Bosheit [b] Liebe greift zur Feder.

Und man schreibt uns jetzt die Schwindsucht 
In den Leib, ins Rückgrat-Mark 
Und wir legen uns zu Bette 
Und wir stehen nicht mehr auf.

Raffaels Sonette

Robert Browning 

(* 7. Mai 1812 im Londoner Stadtteil Camberwell; † 12. Dezember 1889 in Venedig)

RAFFAELS SONETTE 
aus „Noch ein Wort“

Raffael schuf ein Hundert von Sonetten, 
Schuf und schrieb sie ein in ein bestimmtes 
Buch mit seinem silberzarten Bleistift.
Sonst hat er Madonnen nur gezeichnet:
Für das Aug der Welt — jedoch das Eine 
Buch, für wen? du fragst? Dein Herz belehrt dich. 
Hat sie’s all ihr Leben lang geliebt, 
Schlief sie, diese Frau von den Sonetten, 
Starb sie, und es lag bei ihrem Kissen, 
Lag da an dem Platz von Raffaels Ruhm, 
Raffaels Wange, liebevoll und folgsam –
Er, den alle Welt als Maler rühmte, 
Er, den ihre Liebe zum Dichter machte?

Du und ich, wir läsen wohl noch lieber 
Dieses Buch (und fühlten seinen Herzschlag) 
Meinst du nicht? den Herzschlag Raffaels, 
Als zu staunen über die Madonnen 
Die von Sisto und die von Foligno, 
Und die als Vision Florenz besuchte,
Und die mit den Lilien, aus dem Louvre, 
Die die ganze Welt mit uns bewundert.

Doch wir werden dieses Buch nie lesen. 
Wie den Apfel seines Augs hat Guido Reni 
diesen Schatz geliebt, gehütet.
Guido Reni starb, da schrie Bologna 
Und die Welt: „Jetzt soll er uns gehören!" 
Da war’s fort. So gehts mit seltnen Dingen.

Deutsch von Bernt von Heiseler, aus: Die Lyra des Orpheus. Lyrik der Völker in deutscher Nachdichtung. Hrsg. Felix Braun. München: Heyne, 1978, S. 669f

Raffael soll 100 Sonette für seine Frau geschrieben haben, von denen nur 3 erhalten sind. Das Manuskript der Sonette soll in die Hände des Malers Guido Reni gekommen sein, und nach seinem Tod verschollen.

One Word More

II 
Rafael made a century of sonnets,
Made and wrote them in a certain volume 
Dinted with the silver-pointed pencil 
Else he only used to draw Madonnas:
These, the world might view—-but one, the volume. 
Who that one, you ask? Your heart instructs you. 
Did she live and love it all her life-time?
Did she drop, his lady of the sonnets, 
Die, and let it drop beside her pillow 
Where it lay in place of Rafael’s glory, 
Rafael’s cheek so duteous and so loving
Cheek, the world was wont to hail a painter’s, 
Rafael’s cheek, her love had turned a poet’s?
III 
You and I would rather read that volume, 
(Taken to his beating bosom by it) 
Lean and list the bosom-beats of Rafael, 
Would we not? than wonder at Madonnas
Her, San Sisto names, and Her, Foligno, 
Her, that visits Florence in a vision, 
Her, that’s left with lilies in the Louvre3
Seen by us and all the world in circle.
IV 
You and I will never read that volume.
Guido Reni, like his own eye's apple 
Guarded long the treasure-book and loved it.
Guido Reni dying, all Bologna 
Cried, and the world cried too, “Ours, the treasure!" 
Suddenly, as rare things will, it vanished.

Schauergeschichte

Moritz von Strachwitz

(Graf Moritz Karl Wilhelm Anton von Strachwitz, * 13. März 1822 in Peterwitz bei Frankenstein, Schlesien; † 11. Dezember 1847 in Wien)

Aus: Venedig

Ich bin so krank und sterben möcht' ich gerne
Hier in Venedig, und begraben liegen
In dieser Flut, dem Ruheplatz der Sterne!

In jeder Nacht pfleg' ich mich drauf zu wiegen,
Und ihrer Tiefe schwärzeste Geschichten
Behorch' ich dann mit schaurigem Vergnügen. –

Beschloß der Rat der Drei, geheim zu richten
Ein Opfer, des Geschrei's im Volke wegen,
Und galt's ein schnell und spurenlos Vernichten:

Da glitt um Mitternacht, dem Mond entgegen,
Die Gondel aus der Seufzerbrücke Schatten,
So schwarz und still, wie alle Gondeln pflegen.

Und lautlos durch Galeeren und Fregatten
Kroch sie hindurch, bis wo des Meeres Enge
Sich dehnt zu breiteren, smaragdnen Matten.

Dort hielt sie still. Dann aber war's, als sprenge
Ein dumpfer Fall die kaum bewegte Fläche,
Und leise Kreise zitterten in Menge.

Auch war's den Schiffern, die im Nachtgespräche
An Lido's Ufern stellten ihre Stricke,
Als ob ein Schrei im Wellenschlag zerbräche.

Die stille Gondel aber schwamm zurücke,
Wie sie gekommen, spurlos und verborgen,
Und schwand im Schattenstreif der Seufzerbrücke:

Doch der Verbrecher starb am andern Morgen.

Quelle:
Moritz von Strachwitz: Sämtliche Lieder und Balladen, Berlin 1912, S. 269.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20005728894

Anno Domini 1933

Gertrud Kolmar 

(* 10. Dezember 1894 in Berlin; † vermutlich Anfang März 1943 in Auschwitz) 

Anno Domini 1933

Er hielt an einer Straßenecke.
Bald wuchs um ihn die Menschenhecke.

Sein Bart war schwarz, sein Haar war schlicht. 
Ein großes östliches Gesicht,

Doch schwer und wie erschöpft von Leid. 
Ein härenes verschollnes Kleid.

Er sprach und rührte mit der Hand 
Ein Kind, das arm und frostig stand:

»Ihr macht es krank, ihr schafft es blaß; 
Wie Aussatz schmückt es euer Haß,

Ihr lehrt es stammeln euren Fluch, 
Ihr schnürt sein Haupt ins Fahnentuch,

Zerfreßt sein Herz mit eurer Pest, 
Daß es den kleinen Himmel läßt —«

Da griff ins Wort die nackte Faust: 
»Schluck' selbst den Unflat, den du braust!

Du putzt dich auf als Jesus Christ 
Und bist ein Jud und Kommunist.

Die krumme Nase, Levi, Saul, 
Hier, nimm den Blutzins und halt's Maul!«

Ihn warf der Stoß, ihn brach der Hieb. 
Die Leute zogen mit. Er blieb. 

Gen Abend trat im Krankenhaus 
Der Arzt ans Bett. Es war schon aus. –

Ein Galgenkreuz, ein Dornenkranz 
Im fernen Staub des Morgenlands.

Ein Stiefeltritt, ein Knüppelstreich 
Im dritten, christlich-deutschen Reich.
Aus: Gertrud Kolmar, Das lyrische Werk. Gedichte 1927-1937. Hrsg. Regina Nörtemann. Göttingen: Wallstein, 2003, S. 369f

Aus dem Lieder- und Lästerbuch

Fritz Graßhoff 

(* 9. Dezember 1913 in Quedlinburg; † 9. Februar 1997 in Hudson, Kanada)

 Commeci-commeça

Grand filou Commeci-commeça, 
Meisterdieb aus Pontois,
schlau wie Ratte in der Wand, 
treu wie bares Geld in Hand, 
gibt dem armen Luder ab, 
Bruder Fedja Zapzerap.

Armes Luder denkt: Da, da, 
dieser Pan Commeci-commeça, 
auch kein großes Kirchenlicht. 
Nimm dir man, er merkt es nicht. 
Säbelt flott vom Brote ab,
lucki, lucki – zapzerap.

Attention! Commeci-commeça 
merkt es aber gleich: aha!
daß bemusselt in der Nacht 
Luder ihn voll Niedertracht. 
Spricht: Ich bringe dich auf Trab, 
du verdammtes Zapzerap!

Armes Luder lacht: Haha! 
Nitschewo, Commeci-commeça! 
Deine Weste auch nicht blank, 
weiß von dir was, Gott sei Dank! 
Klaut sich feste was aus Schapp, 
lucki, lucki – zapzerap.

Grand Malheur! Commeci-commeça 
zischt bloß leise: Ohlàlà!
Duckt sich heimlich hinter Strauch, 
knallt ihm kleines Loch in Bauch. 
Liegt im Grase still und schlapp 
Bruder Fedja Zapzerap.

 Vite, vite, vite! Commeci-commeça 
ist schon weiter, aber ja!
weil durch Steckbrief, ei verflucht, 
überall im Land gesucht.
Schnappt ihn wer, verdient nicht knapp 
Pinke-Pinke – zapzerap.


Aus: Fritz Graßhoff: Die große Halunkenpostille. Songs Balladen Moritaten. München: dtv, 1967 (81.-95. Tsd. 1.: 1963), S. 13f

Selbsteinschätzung des Sängers

Rudolf Prietze sammelte um 1904 in Nordafrika Lieder der Haussa (Hausa) und ließ sie sich später in Tunis und Kairo von zugewanderten Hausa und Zöglingen der Azhar-Moschee Wort für Wort erklären. Es sind Erzeugnisse fahrender Dichter-Sänger, zábia (Plural) genannt ein stets weibliches Wort, obwohl diese zábibioï meist Männer sind. Dieser „selbstdichtende Sänger“, in unserer Sprache Liedermacher, zieht mit einem Gefolge von Musikern und „Jüngern“, er wird auf Lebenszeit gewählt. In diesen Ländern, Prietze nennt sie zeittypisch Länder niederer Kultur, ist der Sänger unentbehrlich und bringt nicht nur Lust, sondern trägt und erschafft zugleich die öffentliche Meinung wie in Europa die Presse.

Das heutige Lied stammt von dem Sänger Danuma, er nannte seinen Liederstrauß „Lieder des Papageien“. Die Fahrenden reiten zur nächsten Stadt, trommeln die Menschen zusammen und tragen sie vor, während Leute aus dem Gefolge Spenden einsammeln. Die Lieder sind nicht improvisiert, sondern gut vorbereitet und aufgezeichnet, werden aber durch Einschiebsel und Umformungen aktualisiert. Der Dialekt stammt aus der Provinz Kano in Nigeria. Prietze gibt die Lieder in seiner Transkription mit Wort-für-Wort-Übersetzung, hier in der Grafik, und seiner Nachdichtung, hier darunter.

I.

Dies ist das Lied eines Vogels, der sich Papagei nennt.

1.

Selbsteinschätzung des Sängers: Während anderes dem Bedarf leicht zur Verfügung steht, ist er, der Papagei, nur langsam und schwer zu gewinnen, ja bleibt für manchen wegen seiner bösen Zunge ein Schrecknis.


1 Das Stroh ist Futter für die Kuh, 
Heufutter kommt der Stute zu, 

2 Mehlschleim mit Natron der Wöchnerin; 
wenn nicht dem Säugling zum Gewinn, 
trinkt sie dem schwachen Leib zu lieb.

3 Ich, Vogel der Reichen, ich Papagei, 
bin Krugbrei, den man nur löffelnd erlangt.

4 Kwaras Bruder ist Brei auf des Köchers Grund:
ihn wird nur essen der Pfeilspitze Mund.

5 Kwaras Bruder ist Leichenwaschwasser:
kein Mensch trinkt auch nur einen Schluck davon. 

6 Ich, Kwaras Bruder, bin Kraut vom Tabak,
davon kein Pferd etwas fressen mag.

Der Herausgeber erläutert zur 3. Strophe: „Das Bild will sagen: Meine Gunst ist nur durch fortgesetztes Werben, durch unablässige Freigiebigkeit zu erlangen.“

Aus: Rudolf Prietze: Haussa-Sänger I.Nachrichten von der K. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. Philologisch-historische Klasse. 1916, S. 182ff

e sg ibt i mm erm ehrd a vo n

Aus: Ein Molotow-Cocktail auf fremder Bettkante. Lyrik der siebziger/achtziger Jahre von Dichtern aus der DDR. Hrsg. Peter Geist. Leipzig: Reclam, 1991, S. 226

Schon primär Volkskunst

Raja Lubinetzki

(* 6. Dezember 1962 in Kropstädt)

ICH MACH schon primär Volkskunst 
weil du so in mir steckst
die klassiken verjessen sich drübber

ich bin doch jar ne deudtsch 
und hoch sitz ich hier in 
diesem kolten berlin und 
muß immer träumen von dir

un du sitzt dort im kaffee 
und soofst und ich versteh 
das alles nich was da mit 
mir los is

Aus: Mikado oder Der Kaiser ist nackt. Selbstverlegte Literatur in der DDR. Hrsg. Uwe Kolbe, Lothar Trolle u. Bernd Wagner. Darmstadt: Luchterhand, 1988, S. 85 (Zuerst 1984 in der Untergrundzeitschrift Mikado)

Lubinetzki ist die Tochter einer deutschen Mutter und eines Studenten aus Kamerun. Nach einer Schriftsetzerlehre lebte sie in der Künstler- und Literatenszene am Prenzlauer Berg. 1987 stellte sie einen Ausreiseantrag und übersiedelte nach West-Berlin. Sie lebt in Berlin-Kreuzberg.

https://de.wikipedia.org/wiki/Raja_Lubinetzki