Die Anthologie „Stimmen aus Israel“ dokumentiert eine kurzlebige Literatur, entstanden im Wesentlichen in den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts von Deutschen (Deutschsprachigen), denen die Flucht aus Europa und die Einreise nach Palästina gelungen war, und inzwischen so gut wie verschwunden. Von den 26 Autoren in der Anthologie wurden 11 in Deutschland geboren, 8 in Böhmen und Mähren (vor oder nach der Entstehung der Tschechoslowakei), 2 in Rumänien (Bukowina), 4 innerhalb des heutigen Österreich und einer in Polen. Sie sind allesamt deutschsprachige und israelische Autoren.
Werner Shimon Bukofzer
(geboren 22. April 1903 in Berlin; gestorben 15. Oktober 1985 in Zichron Ja’akow), deutsch-israelischer Schauspieler und Schriftsteller. 1939 Palästina. Wien, Tel Aviv. Pseudonym: Werner Brücken.
Die Feindlichen Kämen wir ins Gespräch, vielleicht ergäbe sich dann doch ein Berührendes, daß wir die Wunden uns lecken.
Aus: Stimmen aus Israel. Eine Anthologie deutschsprachiger Literatur in Israel. Hrsg. Meir M. Faerber für den Verband deutschsprachiger Schriftsteller in israel. Stuttgart: Bleicher, 1979, S. 231
Hier an diesem Ort Hier an diesem Ort, einem Sammelbecken der Jahrtausendqual, könntest du unter der Last der Geschichte zusammenbrechen. Gewesenes lebt noch fort, nur mit veränderten Motiven, nur in veränderter Gestalt. Geblieben ist die Gewalt. Grab dich hinab zu den Steinen: du hörst die Geschichte sprechen, du hörst die Geschichte weinen zu einem Himmel, der schweigt.
Ebd. S. 232

Als Student in Rostock entdeckte ich in der Anglistik ganze zwei Bücher von e.e.cummings (so schrieb er sich), die mich in Bann schlugen. Ich verschlang den Romanbericht „The Enormous Room“, ich schrieb den einen Gedichtband, den sie hatten, mit der Schreibmaschine Marke Erika ab – nicht daran zu denken, ein Buch von ihm kaufen zu können* , der Staat DDR verkaufte keine Bücher von drüben – schrieb es ab und fing an zu übersetzen; hier ein Beispiel nicht aus der Abschrift, sondern aus einem Auswahlband, den mir eine amerikanische Studentin ein paar Jahre später schenkte.
*) Ein Band in der Weißen Lyrikreihe von Volk und Welt erschien dann 9 Jahre später doch noch. Dann noch mal 9 Jahre bis Ende Gelände, und in den 90ern verschaffte ich mir die 1100 Seiten starken Complete Poems.
Edward Estlin Cummings
(* 14. Oktober 1894 in Cambridge; Massachusetts; † 3. September 1962 in North Conway, New Hampshire)
meine liebe alte etcetera
tante lucy während des letzten
krieges konnte und was
mehr ist tats erzählte
dir wofür die leute
kämpften,
meine schwester
isabel schuf hundert
(aber
hundert)socken ganz zu
schweigen von hemden flohsicheren ohr-
schützern etcetera,meine
mutter hoffte dass ich
sterben würde etcetera
mannhaft natürlich mein vater pflegte
heiser zu werden wenn er davon sprach welche
ehre es sei und wenn er nur selber
könnte während mein
ich etcetera still im tiefen
schlamm lag et
cetera
(träumend,
et
cetera,von
Deinem lächeln
den augen knien und von deiner Etcetera)

my sweet old etcetera
aunt lucy during the recent
war could and what
is more did tell you just
what everybody was fighting
for,
my sister
Isabel created hundreds
(and
hundreds)of socks not to
mention fleaproof earwarmers
etcetera wristers etcetera, my
mother hoped that
i would die etcetera
bravely of course my father used
to become hoarse talking about how it was
a privilege and if only he
could meanwhile my
self etcetera lay quietly
in the deep mud et
cetera
(dreaming,
et
cetera,of
Your smile
eyes knees and of your Etcetera)

Aus: E.E. Cummings, Complete Poems 1904-1962. Revised, corrected, and expanded edition containing all the published poetry. Ed. by George J. Firmage. New York: Liveright, 1991, S. 275.
Das Gedicht erschien ursprünglich 1926 in dem Band „is 5“.
Ineluctable preoccupation with The Verb gives a poet one priceless advantage: whereas nonmakers must content themselves with the merely undeniable fact that two times two is four,he rejoices in a purele irresistable truth(to be found,in abbreviated costume,upon the title page of the present volume).
Aus dem – vom Verlag erbetenen – Vorwort des Autors zum Band „is 5“
Wilhelm Busch
(* 15. April 1832 in Wiedensahl; † 9. Januar 1908 in Mechtshausen)
Beschränkt Halt dein Rößlein nur im Zügel, Kommst ja doch nicht allzu weit. Hinter jedem neuen Hügel Dehnt sich die Unendlichkeit. Nenne niemand dumm und säumig, Der das Nächste recht bedenkt. Ach, die Welt ist so geräumig, Und der Kopf ist so beschränkt!
Aus: Wilhelm Busch, Was beliebt ist auch erlaubt. Hrsg. Rolf Hochhuth im Bertelsmann Lesering. (Mohn & Co., Gütersloh, o.J.) S. 561
Tadeusz Różewicz
(* 9. Oktober 1921 in Radomsko; † 24. April 2014 in Wrocław
Erzählung von alten frauen Ich liebe die alten frauen die häßlichen frauen die bösen frauen sie sind das salz dieser erde sie verabscheuen den menschlichen abfall nicht sie kennen die kehrseite der medaille der liebe des glaubens sie kommen und gehn die diktatoren verhalten sich närrisch haben schmutzige hände vom blut menschlicher wesen die alten frauen stehn morgens auf kaufen fleisch obst brot putzen kochen stehn auf der straße mit verschränkten händen schweigen die alten frauen sind unsterblich Hamlet tobt im netz Faust spielt eine schmähliche und lächerliche rolle Raskolnikow schlägt zu mit dem beil die alten frauen sind unzerstörbar sie lächeln nachsichtig gott stirbt die alten frauen stehn auf wie alle tage kaufen im morgengrauen brot wein fisch die zivilisation stirbt die alten frauen stehn morgens auf öffnen die fenster entfernen unrat ein mensch stirbt die alten frauen waschen den leichnam bergen die toten pflanzen blumen auf gräbern ich liebe die alten frauen die häßlichen frauen die bösen frauen sie glauben ans ewige leben sind salz der erde rinde des baumes demutsvolle augen der tiere die feigheit das heldentum größe und kleinmut sehen sie in der richtigen proportion nah den erfordernissen des alltags ihre söhne entdecken Amerika fallen bei Thermopylen sterben am kreuz erobern den kosmos die alten frauen gehn am morgen in die stadt kaufen milch brot fleisch kochen die suppe öffnen die fenster nur narren lachen über die alten frauen die häßlichen frauen die bösen frauen denn es sind schöne frauen gute frauen die alten frauen sind das ei geheimnis ohne geheimnis rollende kugel die alten frauen sind mumien heiliger katzen sind kleine runzlige vertrocknende quellende früchte oder fette ovalene buddhas wenn sie sterben fließt aus dem auge eine träne und vereint sich auf dem mund mit dem lächeln des jungen mädchens 1963
Aus: Tadeusz Różewicz: Niepokój. Formen der Unruhe. Übertragen von Karl Dedecius. Wrocław,: Wydawnictowo Dolnosłąskie, 1999, S. 187-191
Opowiadanie o starych kobietach Lubię stare kobiety brzydkie kobiety złe kobiety są solą ziemi nie brzydzą się ludzkimi odpadkami znają odwrotną stronę medalu miłości wiary przychodzą i odchodzą dyktatorzy błaznują mają ręce splamione krwią ludzkich istot stare kobiety wstają o świcie kupują mięso owoce chleb sprzątają gotują stoją na ulicy z założonymi rękami milczą stare kobiety są nieśmiertelne Hamlet miota się w sieci Faust gra rolę nikczemną i śmieszną Raskolnikow uderza siekierą stare kobiety są niezniszczalne uśmiechają się pobłażliwie umiera bóg stare kobiety wstają jak co dzień o świcie kupują chleb wino rybę umiera cywilizacja stare kobiety wstają o świcie otwierają okna usuwają nieczystości umiera człowiek stare kobiety myją zwłoki grzebią umarłych sadzą kwiaty na grobach lubię stare kobiety brzydkie kobiety złe kobiety wierzą w życie wieczne są solą ziemi korą drzewa są pokornymi oczami zwierząt tchórzostwo i bohaterstwo wielkość i małość widzą w wymiarach właściwych zbliżonych do wymagań dnia powszedniego ich synowie odkrywają Amerykę giną pod Termopilami umierają na krzyżach zdobywają kosmos stare kobiety wychodzą o świcie do miasta kupują mleko chleb mięso przyprawiają zupę otwierają okna tylko głupcy śmieją się ze starych kobiet brzydkich kobiet złych kobiet bo to są piękne kobiety dobre kobiety stare kobiety są jajem są tajemnicą bez tajemnicy są kulą która się toczy stare kobiety są mumiami świętych kotów są małymi pomarszczonymi wysychającymi źródłami owocami albo tłustymi owalnymi buddami kiedy umierają z oka wypływa łza i łączy się na ustach z uśmiechem młodej dziewczyny
Gestern hatte noch ein anderer Dichter 100. Geburtstag, der Italiener Andrea Zanzotto. Sein Werk erschien Sein Werk erschien auf Deutsch in einer mehrbändigen Ausgabe bei Urs Engeler und Folio (die Gedichte zweisprachig). Hier ein Gedicht und eine poetologische Notiz.
Andrea Zanzotto
(* 10. Oktober 1921 in Pieve di Soligo; † 18. Oktober 2011 in Conegliano)
MÖGLICHE BEGINNE
BESSERUNGEN ODER SCHLÜSSE
III
In einem einheitlichen Satz verwirrt
mein bester Baustein, meine Furcht,
sich mit dem Helden. Mit dem Himmel, Himalaya.
Wer weiß welche Schätze ich zu schleppen glaubte
und mir Angst und Bang um sie erlaubte,
ich weiß nicht was mir beisteht im Gedränge
Handgemenge um dann zu sausen ins Sagen;
lohnt mich dafür ihr Dinge und ihr Undinge
dass ich Beseelung in eurem Austauschen vermute,
für so viel Lauern Lauschen,
die euch gewährte Möglichkeit zu reimen und zu klingen;
man hat euch hoch hinauf gepusht
zu Bergen aufgestapelt Lebensmittel Zaubersprüche.
Grausig fratzenhaft und brückenjenseits
(fabeljenseits mythenjenseits).
So verschlossen allen Unterschieden
bin ich wehrlos vor dem letzten Unterschied wie nie zuvor
ich wende Salz in einer Schale: ratlos:
das Granulat das Glänzen
das ich aus allem schöpfte
— und dennoch trotzdem –
— vielleicht, aber, so —
diesen Saum der Stille fabriziere
IIl
In un’omogenea tesi l’elemento
mio migliore, la paura,
si confonde all’eroe. Al cielo, a lassù.
Chissà che tesori credetti portare
e lecita per essi la più fifante fifa,
non so che mi sostenga a tanta riffa
a tanta zuffa per poi sfuggire in dire;
premiatemi cose e non cose per l’animazione
sospettata nei vostri conversari,
per tanto appostamento auscultazione,
per avervi messe in agio di ritmari e rimari;
all’altezza là vi s’induceva
vi si faceva monte proteso vivanda vaticinio.
Canagliescamente accanitamente oltreponte
(oltrefavole oltremiti).
Ora che chiuso alle distinzioni
sono più inerme che mai alla distinzione finale
rivolgo il sale nella ciotola: perplesso:
il granularne il lucore
che dedussi da tutto
— malgrado tutto nonostante —
— forse, benché, così —
produco questa quiete marginale.
Aus: Andrea Zanzotto, La Beltà / Pracht. Gedichte Italienisch Deutsch mit einem Nachwort der Übersetzer. Hrsg./Übers. Donatella Capaldi, Maria Fehringer, Ludwig Paulmichl und Peter Waterhouse. Band I. S. 47 / 65.

Es geht darum, die Oberfläche der Sprache zu ritzen, Schnitte, Kratzer zu hinterlassen, sich darin zu versenken — nicht die Sprache zu benutzen. Diese Haltung konkretisiert sich oft in der Beziehung zum sprichwörtlichen «weißen Blatt», das wie allseits bekannt auch die Rückseite einer Straßenbahnfahrkarte, der Beipackzettel einer Arznei oder irgendein Stück Papier sein kann, das man in die Finger bekommt. Bei der Dichtung hat man es mit etwas jenseits und außerhalb des Schreibens zu tun. Der echte Nullpunkt, der «unbestimmte» Punkt des Schreibens ist vielleicht der, der in der Dichtung durchscheint, der uns in Form der Dichtung Angst macht, auch wenn sie auf den ersten Blick mehr mit der Freude, mit dem Glück des Schreibens zu tun hat (das auch immer, sobald es möglich ist, die Oberhand gewinnt). Und das alles schließt das Vorhandensein eines manchmal im Überschuss vorhandenen handwerklichen Könnens nicht aus.
Andrea Zanzotto, Die Welt ist einer andere. Poetik. Engeler e Folio (Planet Beltà Bd. IV) Übersetzt von Karin Fleischanderl. S. 85
Tadeusz Różewicz
(* 9. Oktober 1921 in Radomsko; † 24. April 2014 in Wrocław, deutsch Breslau, schlesisch Brassel)
In Polen hat man das Jahr seines 100. Geburtstages zum Tadeusz-Różewicz-Jahr erklärt. Lyrikzeitung beteiligt sich mit zwei Gedichten, heute das erste.
Ich las es zuerst in einem 1969 erschienenen Band der „Weißen Lyrikreihe“ des Verlages Volk und Welt. In dieser seit 1967 erscheinenden Reihe hatte ich begonnen, die moderne Weltlyrik zu lesen. Den Reiz der frühen Lektüre wird man nie los. Der schmale Band von Różewicz gehört zu den intensivsten Erlebnissen jener Jahre, Verse so oft gelesen, dass sie im Gedächtnis hängen blieben und bei vielen Gelegenheiten im Kopfkino aufploppen bis heute. Vielleicht daher meine Skepsis gegen Interpretationen – wofür braucht man die, wenn man die Gedichte haben kann?
Meine Lyrik übersetzt nichts erklärt nichts verzichtet auf nichts umfängt nicht das Ganze erfüllt keine Hoffnung schafft keine neuen Spielregeln nimmt an keinem Vergnügen teil sie hat einen bestimmten Platz den sie ausfüllen muß wenn sie kein Rätsel ist wenn sie keine Originalität hat wenn sie nicht Erstaunen erzeugt dann muß es so sein offenbar sie gehorcht eigner Notwendigkeit eigenen Möglichkeiten und Schranken sie unterliegt sich selbst braucht nicht den Platz einer andern und kann von keiner andern ersetzt werden offen für alle geheimnislos sie hat viele Aufgaben die sie nie erfüllt.
Deutsch von Günter Kunert
Aus: Tadeusz Różewicz, Gesichter und Masken. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1969, S. 104 – Von diesem Gedicht gibt es auch eine Version von Karl Dedecius, die zuerst bei Hanser und 1979 bei Heyne erschien.
Moja poezja niczego nie tłumaczy niczego nie wyjaśnia niczego się nie wyrzeka nie ogarnia sobą całości nie spełnia nadziei nie stwarza nowych reguł gry nie bierze udziału w zabawie ma miejsce zakreślone które musi wypełnić jeśli nie jest mową ezoteryczną jeśli nie mówi oryginalnie jeśli nie zadziwia widocznie tak trzeba jest posłuszna własnej konieczności własnym możliwościom i ograniczeniom przegrywa sama ze sobą nie wchodzi na miejsce innej i nie może być przez nią zastąpiona otwarta dla wszystkich pozbawiona tajemnicy ma wiele zadań którym nigdy nie podoła Laut Zähler der Website, von der ich den polnischen Text habe, 20985 mal geklickt.
Nach dem Kriege ist über Polen ein Komet der Poesie niedergegangen. Kopf des Kometen ist Różewicz, der Rest ist Schweif.
Stanisław Grochowiak
Johannes Theodor Baargeld
(nannte sich Zentrodada, geboren wurde er als Alfred Ferdinand Gruenwald am 9. Oktober 1892 in Stettin; verunglückte am 18. August 1927 am Mont Blanc)
(Noch so ein pommerscher Dadaist, der sich in der Welt herumtrieb, er in Köln, Oxford usw.).
Bimmelresonnanz II
Bergamotten faltern im Petroleumhimmel
Schwademasten asten Schwanenkerzen
Teleplastisch starrt das Cherimbien Gewimmel
In die überöffneten Portierenherzen
Inhastiert die Himmelbimmel
Feldpostbrief recochettiert aus Krisenhimmel
Blinder Schläger sternbepitzt sein Queerverlangen
Juste Berling rückt noch jrad die Mutterzangen
Fummelmond und ferngefimmel
Barchenthose flaggt die Kaktusstangen
Lämmergeiger zieht die Wäscheleine
Wäschelenden losen hupf und falten
Zigarrinden sudeln auf den Alten
Wettermännchen kratzt an ihrem Beine
Bis alle Bimmeln angehalten
(1920)
Aus: Richard Huelsenbeck (Hg.): Dada. Eine literarische Dokumentation. Reinbek: Rowohlt, 1984 (12.-14. Tsd. 1987). S. 215
Ich bleibe bei der Astronomie. Zum heutigen Geburtstag der russischen Dichterin Marina Zwetajewa das Gedicht „Der Komet“ in der Übersetzung von Richard Pietraß.
Marina Zwetajewa
(Мари́на Ива́новна Цвета́ева, * 26. Septemberjul. / 8. Oktober 1892greg. in Moskau,; † 31. August 1941 in Jelabuga)
Der Komet Stern, geschweift, gezottelt Aus des Nirgend Grotten In ein Nirgend trottend. Schaf unter Schafen verlaufen Bestürmend den Herdenhaufen Den goldgevliesten; wie Eifersucht ungehalten – Haariger Stern der Alten! 10. Mai 1921Aus: Marina Zwetajewa, Ausgewählte Werke. Band 1: Lyrik. Hrsg. Edel Mirowa-Florin. Berlin: Volk und Welt, 1989, S. 78
Комета Косматая звезда, Спешащая в никуда Из страшного ниоткуда. Между прочих овец приблуда, В златорунные те стада Налетающая, как Ревность - Волосатая звезда древних!
Wilhelm Müller ist sicher zu Recht vor allem bekannt als Dichter der beiden von Schubert vertonten Zyklen und ganz besonders der Winterreise. Würden wir ihn ohne Schubert kennen? Das Wandern ist des Müllers Lust wäre wohl auch so ein Volkslied; und die Winterreise wäre zumindest ein Geheimtipp auch ohne Noten. Zum Geburtstag hier eins der harmloseren, aber auch nicht ganz ohne; ein Lied über ein astronomisches Thema und heute mal nur Text!
Wilhelm Müller
(* 7. Oktober 1794 in Dessau; † 1. Oktober 1827 ebenda)
Die Nebensonnen Drei Sonnen seh' ich am Himmel stehn, Hab' lang' und fest sie angesehn; Und sie auch standen da so stier, Als könnten sie nicht weg von mir. Ach, meine Sonnen seyd ihr nicht! Schaut Andern doch in 's Angesicht! Ja, neulich hatt' ich auch wohl drei: Nun sind hinab die besten zwei. Ging‘ nur die dritt' erst hinterdrein! Im Finstern wird mir wohler seyn. 14.3.1823 Aus: Deutsche Blätter für Poesie, Literatur, Kunst und Theater. Breslau 1823, S. 165
Ágnes Nemes Nagy
(* 3. Januar 1922 in Budapest; † 23. August 1991 ebenda)
Dennoch schauen
Und dennoch schauen, schauen, sagte wer, sobald
der Rauchvorhang es zuläßt, in der spaltgroßen Pause
in diesem Augenblick zwischen dem Rauch, der Säure, dem
Ammoniak, den Angriffen,
schauen, weißt du, wie einen Tisch die Form auflösend
gleichzeitig schaun als Platte und Profil
Und tun, weißt du, tun, tun, ich tue unablässig
mein Körper macht Geschichte, macht Biologie
und reflektieren, weißt du, mir ist mein Kopf so merkwürdig,
so unvollendbar
die Kugelform, ich weiß gar nicht, warum ich sie so mag,
Augapfel, Schädel, Erdkugel, derlei begrenzt Unendliches
doch diese sind zerrissene Kugeln, Kokosnüsse,
mit dem zerschlagnen Faserhaar der Sterblichkeit
rings eingefaßt
Und schaun, von oben, unten, aus allerlei Winkeln
umtasten das Objekt mit etlichen Augen
mit ihnen die Kontur heraushaun, schlämmen, niederreißen
dieweil sie öffnen schließen öffnen sich in ungleichmäßigen
Wellenschlägen
und auch heraus aus den Objekten selbst die langsam vielen
Blicke
der Höhlungen gewaltige Blicke unwahrnehmbar
in reglosen Seen und Steinen
herauspfeilend als splittrige Lichtzeichen
Wiewohl nichts, sagte wer, helfen diese verstreuten hunderttausend
Augen
wiewohl nichts hilft der Biosphäre mich umrauschendes
Palmwimpern-Aug,
spröde Äste der Zedern, Fächer Laubs
einiger Jahreszeiten Kratzer
Himmel Sonne um mich
ab und auf
schauen obwohls nicht hilft und dennoch schauen
Schaun, weißt du, schaun
wie eine, sagte wer, Narbe am Baum schaut.

Ágnes Nemes Nagy: Dennoch schauen. Gedichte. Nachgedichtet von Franz Fühmann. Leipzig: Insel, 1986 (IB 1068), S. 62f
Kasimir Edschmid
(* 5. Oktober 1890 in Darmstadt; † 31. August 1966 in Vulpera, Engadin)
Aus: Zwei Gedichte des Mönchs von Montaudon Aus dem Altprovenzalischen I ENUEG Ein Mann, der sein Weib liebt, fuchst mich, Und sei sie die liebe Frau von Toulouse. Das verachte ich: Kaplane, einen Mund, der In Lügen sich abschleift und den bärtigen Mönch. Pest über Habichte, die schon das andere Ufer beschweben, Krüppel am Morgen weg Und den Filou, der unser Banner hochträgt. O du Sau, die meinem Pferd das Futter frißt! Wie kann man, Pfui! hartes Fleisch kauen und auf Würfel fluchen? Und schlimm wie Ein Hof ohne Violinen Ist winters am Feuer liegen, wenn Die Taverne gut riecht. Oh, über den stürmigen Port Und heut die unsaubere Hure! Die hasse ich. Mehr noch jedoch Den Jüngling, der seine Wade bespiegelt. Und ein fettes Weib, das dürre Lenden hat. Schlimm aber ist es, müde zu sein und nicht Schlafen zu können.
Aus: Die Aktion 1914, Nr. 14, Sp. 303
Enueg (Enuig): eine Gattung der altprovenzalischen Poesie, die aus einer Aufzählung ärgerlicher Dinge besteht. Das Original zu dieser freien Nachdichtung ist um einiges länger.
Der Originaltext des Mönchs von Montaudon
(Um 1143 – 1210)
Fort m'enoja, si l'auzes dire, Parliers quant es avols servire; Et hom qu vol trop autr'aucire M'enoja, e cavals que tire; Et enoja·m, si Dieus m'ajut, Ries hom quan trop porta escut Quan sol u colp no·i a agut, Capela e morgue barbut, E lausengier bec esmolut. Enoja me domn' envejosa Quant es paubra et orgoillosa, E marritz qu'ama trop sa sposa, Neus s'era domna de Tolosa; Et enoja·m de cavallier For de son pais ufanier, Quant en lo sieu non a mestîer Mais sol de pestar en mortier Pebre o de tastar sabrier. Enoja mi d'autra maneira Hom volpilz quan porta baneira, Et avols austors en riveira, E paucs manjars en gran caudeira, Et enoja·m, per saint Marti, Trop d'aiga en petit de vi; E quan trob escassier mati M'enoja, e d'orb atressi, Car no m' azaut de lor cami. Enoja·m longa tempradura, E carns quant es mal coita e dura, E prestre qui m en ni-s perjura, E puta veilla, quan trop dura. Et enoja·m, per saint Dalmatz, D'avol home en trop gran solatz; E corre quan per via a glatz E fugir ab caval armatz M'enoja, e·l maldirs de datz. Et enoja·m, per vita eterna, Manjar ses foc, quan fort iverna, E jaser cum veilla calerna (?), Quant ella flaira en la taverna. Et enoja·m, car es de fer, Avols hom qu'a bella moiller, E per gelosia la fer, E fai o be qui la enquer E no lo lai per marit fer. Enoja me per saint Salvaire, En bona cort avols violaire, Et en pauca terra trop fraire, E a bon joc paubres prestaire. Et enoja·m, per saint Marsel, Doas penas en un mantel, E trop parier en un castel, E rics hom ab pauc de revel, Et en tornei dard e quairel. Enoja me, si Deus mo vailla, Longa tabla ab bref toailla, Et hom ab mas roinos, quan tailla, Et ausbercs pesanz d'avol mailla; Et enoja·m estar a port Quan trop cor greu venz e plou fort; E entre amies dezacort Aquel enois m'es peiz de mort, Quan sai que tenson a lor tort. E dirai vos que fort me tira Veilla gazais quan trops atira E paubra soudadeir' aira, E donzels qui sas cambas mira. Et enoja·m, per saint Aon, Dompna grassa ab magre con, E seignoratz que trop mal ton; Qui no pot dormir quant a son Major enoi non a el mon. Ancar i a mais que m'enoja: Cavalcar ses capa ab ploja, E quan trob ab mon caval troja Oui sa manjadoira li voja. Et enoja·m e no·m sap bo De sella, quan crolon l'arço, E fivella ses ardaillo, E malvaitz hom dins sa maiso, Car no di ni fai s'enoi no.
Im September war der 700. Todestag Dantes, der 200. Geburtstag Norwids und der 100. Geburtstag des Berliner Surrealisten Johannes Hübner. Von dem hier ein Gedicht aus dem „surrealistischen Ziegelstein“.
Johannes Hübner
(* 27. September 1921 in Berlin; † 11. März 1977 ebenda)
Avantgarde
»Mut zum Wagnis und die Befähigung
zur Passion« (L. Klünner)
Die Feigen haben an jedem Finger
einen Brillanten Vergangenheit
sie haben die schweren Füße von Erben
und keine Flügel
ihre Schlösser prunken mit steinerner Sicherheit
ihre Türme wachsen im Schutz der Gebirge
unterhalb der Orkane und großen Gewitter
unterhalb der Sonne
wir aber haben die Hände von allen Geländern
losgerissen ohne des Schmerzes zu achten
ohne der Angst zu achten die hängen blieb
wir lehnen das Herz weit aus den Booten
und schicken die Augen dem Wind voraus
mitten ins Unsichtbare
Aus: Das surrealistische Gedicht. Hrsg. Heribert Becker, Édouard Jaguer u. Petr Král. 3., korr. u. erw. Aufl. Frankfurt/Main: Zweitausendeins, 2000, S. 1552.
Seit jeher offen für die Literatur Frankreichs, namentlich für die Poesie, Kunst und Denkweise des Surrealismus, bildete Hübner in Berlin zusammen mit Klünner, Uhlmann und Richard Anders lange Zeit eine prosurrealistische Interessengemeinschaft ohne Gruppencharakter im engeren Sinne, die außerordentlich viel zur Verbreitung des surrealistischen Gedankenguts im deutschsprachigen Raum beigetragen hat.
Vor 200 Jahren, am 24. September 1821, wurde Cyprian Norwid geboren.
Cyprian Kamil Norwid
(* 24. September 1821 in Laskowo-Głuchy, Masowien; † 23. Mai 1883 in Paris)
AUF DEN TOD DER POESIE (ELEGIE) Sie ist nun tot! ... gibt es schlimmere Tode? Und wie die hübsche Person begraben? Sie starb an den Folgen schwerer Krankheit, Die da heißt: Manuskripte und Honorar. Du erinnerst dich gut an die schreckliche Stunde, Als ich versonnen an ihrem Lager stand, Mit großer Träne im Aug', und suchte, ob das. Was im Sterben hier lag, Geist oder Leib war? Sie aber (die Poesie), hob ihren bleichen Arm zum Fenster, wies mich an, Das Licht zu dämpfen, das ihr ein Lächeln vorlügt, Ihr schien der Lenz in die Augen zu spotten. Ich weiß nicht, bemerkt’ ich die Wunde, das Zeichen Unterm Schatten der linken Brust, als sie zuckte? ... Oh, ich war traurig, wie seither nie mehr, Denn ich.hab meinen Friedhof hier, pflücke Blumen darauf. Tot ist sie also (die Poesie), die große Vermittlerin zweier konträrer Gebiete – Der Ozean Brunst, und das Tröpfchen Tau – Diese Monarchin und Handwerkerin – Sehr exklusiv und zugleich allerwelts, Großer Blitzstrahl und friedliche Täubin ... Und nun sind die, deren Handwerk begraben Heißt, da, die Erhabene mit Sand zuzuschütten! Seither geh’ ich in der großen Kirche des Schweigens Über den glatten Boden dahin, Berühr’ aber nie ihr Grab ... vielmehr tret’ ich Gerne denen aufs Werk, die den Friedhof mit Sand eingeebnet, Bis sich besinnen die Gedankenvernichter, Und beruf einen Blitz, daß er krachend einschlägt, Wissend, daß Feuer für Leute ohne Feuer, Vielleicht im Kiesel schläft, aber im Himmel erwacht.
Aus: Poesiealbum 305: Cyprian Norwid. Auswahl von Rolf Fieguth. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2013, S. 26

NA ZGON POEZJI (ELEGIA) Ona umarła!... są-ż smutniejsze zgony? I jak pogrzebać tę śliczną osobę? Umarła ona na ciężką chorobę, Która się zowie: pieniądz i bruliony. Pamiętasz dobrze oną straszną dobę, Gdy przed jej łożem stałem zamyślony, Łzę mając wielką w oku, co szukało, Czy to, co gaśnie, jest duch albo ciało? Ona zaś (mówię: Poezja), swe ramię Blade ku oknu niosąc, znak mi dała, Bym światło przyćmił, bo uśmiechy kłamie, Jakby jej w oczy wiosna urągała. Nie wiem, czy ranę dostrzegłem, czy znamię, Pod lewej piersi cieniem, gdy zadrżała?... O, byłem smętny, jak odtąd nie bywam, Gdy mam już cmentarz i na nim kwiat zrywam. Umarła ona (Poezja), ta wielka Niepojednanych dwóch sfer pośrednica, Ocean chuci i rosy kropelka, Ta monarchini i ta wyrobnica - Zarazem wielce wyłączna i wszelka, Ta błyskawica i ta gołębica... Gdy ci, co grzebać mają za rzemiosło, Idą już piaskiem zasypywać wzniosłą! Odtąd w przestronnym milczenia kościele, Po brukowaniu się przechodząc płaskiem, Nie jej ja depcę grób... lecz po tych dziele Stąpam, co cmentarz wyrównali piaskiem. Aż się zamyślą myśli niszczyciele, I grom zawołam, by uderzał z trzaskiem, Wiedząc, iż ogień dla bez ognia ludzi, Choćby w krzemieniach spał, w niebie się zbudzi Ivry, 1877
František Listopad
(* 26. November 1921 in Prag; † 1. Oktober 2017 in Lissabon)
Ivan Blatný gewidmet Slawen in London, Paris, in Lissabon, genauer gesagt, die Tschechen, nur ein Tscheche spricht tschechisch zu Tschechen Pozor! At'! Bud'si! Ivan Blatný ist sechzig aber ich kenne ihn nur aus Brünn Ein zwanzigjähriges Reh aus Angst scheu du Angst du gemeine lyrisch ein Leben lang aber jetzt in schwarzes Glas gesperrt undurchlässig Aber in London, Paris und in Prag wird wieder Heiterkeit sein. Ich sehe, was ich sehe, den Dekalog zerrissen. Was ich nicht seh, seh ich, die tschechische Sprache nie rostend, die tschechische Sprache filigran
Deutsch von Peter Demetz, aus: Der Herrgott schuldet mir ein Mädchen. Tschechische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Hrsg. Ladislav Nezdařil und Peter Demetz. München, Zürich: Piper, 1994, S. 50
Die Dichterin Takashina Kishi (auch Kō no naishi, „Aufwärterin der Familie Takashina“ und Gidōsanshi no haha, „Mutter des stellvertretenden Ministers“) starb vor 1025 Jahren, im Oktober des Jahres 996. Sie ist eine der 36 unsterblichen Frauen der altjapanischen Dichtung.
Das folgende Gedicht schrieb sie, als ihr Ehemann, der Regent Fujiwara no Michitaka, ihr eine Botschaft schickte: „Die letzte Nacht war nur schwer zu ertragen…“. Ihre Antwort ist scharf und sarkastisch und deutet an, dass er die Nacht bei einer anderen Frau verbracht habe.
hitori nuru hito ya shiruran aki no yo o nagashi to tare ka (kimi ni usugetsuru) Nur wer allein schläft, weiß, wie endlos die Herbstnacht. Sag, wer hat es dir erzählt? Denn du weißt doch, wie endlos eine Herbstnacht ist.

Aus: Sechsunddreißig Dichterinnen des Alten Japan. Höfische Dichtkunst der Heian- und Kamakura-Periode 9.-13. Jahrhundert. Einführung, Kommentare und Übersetzungen von Andrew J. Pekarik. Köln: DuMont, 1992, Bogen 16 L (Übersetzt aus dem Japanischen und Englischen von Peter Pörtner)
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