Sorbisches Lied

41´21 Wörter, 2 Minuten Lesezeit.

Heute vor 50 Jahren starb die niedersorbische Dichterin Mina Witkojc.

Das Gedicht Pěseń serbskeje narodnosći („Ein sorbisches Lied“) zählt zu den eindringlichsten lyrischen Selbstzeugnissen in ihrem Werk. Es entstand 1930, in einer Zeit zunehmender politischer Bedrängung der sorbischen Minderheit und des persönlichen Ausschlusses der Autorin aus dem kulturellen Leben. In schlichten, von Volksliedton und klanglicher Geschlossenheit getragenen Versen beschreibt Witkojc die existenzielle Entfremdung einer Frau, die im eigenen Land zur Fremden geworden ist.

Mina Witkojc

(deutsch: Wilhelmine „Minna“ Wittka, * 28. Mai 1893, Burg im Spreewald – †11. November 1975, Papitz bei Cottbus) 

Ein sorbisches Lied

Bin ich nicht in fremdem Lande?
Hab ich hier noch Statt und Haus?
Schaue rings das Wohlbekannte,
aber alles schließt mich aus.

Grauer Dämmer schweigend lastet,
letzten Hauch verhält der Wind –
wie der Menschenhaufe hastet!
Was begab sich? Was beginnt?

Stimmen höre ich gleich Schatten,
vage noch und nicht mehr weit:
„Kommt, so laßt sie uns bestatten –
mit ihr ist es längst schon Zeit!“

Um mich her, ganz aus der Nähe,
fallen Worte, laut und hart,
die ich wie im Traum verstehe –
bin ich lebend schon verscharrt?

Wehren will ich mich – doch nieder
hält mich rohe Übermacht.
Weh, es steigt wie Trauerlieder
schon aus meiner Seele Nacht!

„Und ein schöner Kranz dir werde
und Gedenken auf dem Stein!
Liegst du still erst in der Erde,
laden wir zur Feier ein.“

Sieh die Frauen, wie sie hasten!
Sieh, die Männer stehn im Rund!
Und da bringen sie den Kasten,
und sie schließen mir den Mund…

1930

Aus dem Niedersorbischen von Kito Lorenc, aus: Serbska čitanka. Sorbisches Lesebuch. Herausgegeben von Kito Lorenc. Leipzig: Philipp Reclam Jun., 1981, S. 479

Pěseń serbskeje narodnosći

Njesom to we cuzbje něži?
Jo ga how moj pšawy dom?
Znaty kraj že woko wiži,
wšykńym pak kaž cuza som.

Šere smerki sćiścha stoje,
žeden wětšyk njegronjo se —
co pak luźe tak ak mroje
ganjaju? Co kśeže wše?

„Zakopaś ju něto comy!“
slyšym z grona zas a zas.
„Cyńšo, až ju wunjasomy!
Z njeju ga jo dawno cas!“

Bliže tak a bliže znějo:
„Cas jo z njeju do roga!“
A mě samej wěste njejo,
som-lic žywa — njaboga?

Zmognuś cu se — něco žaržy
twarže mě we pšemocy,
něco zwiga se a skjaržy
mě we dłymi wuśoby.

„Ředny wěnk śi na row damy!
Daś śi kuždy spomina!
A gaž pod zemju śi mamy,
dej byś cesna gościna!“

Slyš, kak mužě žarže radu!
Glej, kak žěnske ganjaju!
Woni do kašča mě kładu
a mě wusta zamkaju…

1930

Aus: Ebd. S. 478

Mehr über die Autorin im Lyrikwiki https://lyrikwiki.de/mediawiki/index.php/Witkojc,_Mina

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