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Veröffentlicht am 9. September 2025 von lyrikzeitung
219 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Ulrich Bergmann
Ich bin dein Buch
Liest du?, fragt Schlange. – Ja, sage ich. – Was denn?, sagt Schlange. – Damontes „Kritische Körper“, sage ich. – Lies lieber mich, sagt Schlange. – Warum, sage ich. – Weil ich das bessere Buch bin, sagt Schlange. – Ich hab dich doch schon gelesen, sage ich. – Die besten Bücher liest man immer wieder, sagt Schlange. – Aber die Spannung lässt nach, sage ich – Es geht um die Liebe, sagt Schlange. – Sag ich ja, sage ich. – Nein, sagt Schlange, du willst nur Lust. – Das eine ist die Voraussetzung für das andere, sage ich. – Ja, sagt Schlange, aber das gilt so rum und so rum! – Einverstanden, sage ich, jeder nach seiner Fasson. – Dann schlag mich auf, sagt Schlange. – Wie bitte?, sage ich. – Lies mich!, sagt Schlange. – Auf welcher Seite?, sage ich. – Egal, sagt Schlange, jede Seite ist gut. – Wie die Bibel?, sage ich. – Ja, sagt Schlange, du sollst Keine anderen Bücher haben außer mich! – Mir, sage ich. – Mich, sagt Schlange. – Wenn du so sprichst, will ich dich nicht lesen, sage ich. – Siehst du, sagt Schlange, du hast längst vergessen, was du bei mir gelesen hast. – Das spricht nur gegen dich, sage ich. – Im Gegenteil, sagt Schlange, ich bin jedes Mal ein neues Buch. – Na dann, sage ich.
Aus: Das fröhliche Wohnzimmer. Zeitschrift für unbrauchbare Texte und Bilder (Wien) 45 / 2012, S. 24
Kategorie: DeutschSchlagworte: österreichische Literaturzeitschriften, Bibel Parodie, bibliophile Gedichte, Das fröhliche Wohnzimmer, Ich bin dein Buch, ironische Gedichte, Lesen im Gedicht, lesende Schlange, Liebe in der Literatur, literarische Schlange, literarische Selbstreflexion, literarischer Witz, Lust und Literatur, Metaphern in der Lyrik, poetischer Dialog, sprechende Bücher, Ulrich Bergmann Autor, Ulrich Bergmann Gedicht, Zeitschrift für unbrauchbare Texte
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In den Schlangegeschichten wird die Dialektik der Liebenden dekliniert. Ulrich Bergmann schrieb mit dieser Prosafolge eine Kritik der taktischen Vernunft, sie steht in der Tradition der Kalendergeschichten Johann Peter Hebels und zeigt die Sinnlichkeit der Unvernunft, belehrt jedoch nicht. Das Absurde und Paradoxe unseres Lebens wird in Bildern reflektiert, die uns mit ihren Schlußpointen zum Lachen bringen, das oft im Halse stecken bleibt. Eine Einführung in die Schlangegeschichten von Ulrich Bergmann finden Sie hier http://www.editiondaslabor.de/blog/2018/09/06/parcours-damour-oder-das-dekonstruierte-glueck/
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