Jugend. Sonett

Arthur Rimbaud 

(* 20. Oktober 1854 in Charleville; † 10. November1891 in Marseille) 

Jeunesse
II
Sonnet

Homme de constitution ordinaire, la chair n’était-elle pas un fruit pendu dans le verger, — ô journées enfantes ! — le corps un trésor à prodiguer ; — ô aimer, le péril ou la force de Psyché ? La terre avait des versants fertiles en princes et en artistes, et la descendance et la race vous poussaient aux crimes et aux deuils : le monde votre fortune et votre péril. Mais à présent, ce labeur comblé, toi, tes calculs, — toi, tes impatiences — ne sont plus que votre danse et votre voix, non fixées et point forcées, quoique d’un double événement d’invention et de succès une raison, — en l’humanité fraternelle et discrète par l’univers sans images ; — la force et le droit réfléchissent la danse et la voix à présent seulement appréciées.
JUGEND
Sonett

War mir als Mann von besonderer Körperbeschaffenheit das Fleisch nicht wie eine im Obstgarten hängende Frucht; — o kindliche Tage! — der Leib ein Schatz, um ihn zu verschwenden; — o lieben, die Gefahr oder die Stärke der Psyche? Die Erde barg Hänge, fruchtbar an Fürsten und Künstlern, und Herkunft und Rasse trieben dich zu Verbrechen und tiefer Trauer: Die Welt, dein Glück und deine Gefahr. Aber nun, wo diese Arbeit vollendet, sind du, deine Berechnungen, du, deine Sehnsüchte, nichts weiter als dein Tanz und deine Stimme, nicht gefestigt und nicht gesteigert, obwohl Ursprung eines zwiefachen Ereignisses von Erfindung und von Erfolg — innerhalb der brüderlichen und bescheidenen Menschheit in der bilderlosen Welt; – Gewalt und Recht strahlen den Tanz und die Stimme zurück; sie allein werden heute geschätzt.
 Aus: Arthur Rimbaud: Illuminationen. Übertragen von Gerhart Haug. Mit einem Vorwort von Paul Verlaine. Hamburg: Ellermann, 1947 (Das Gedicht. Blätter für die Dichtung 12-1947), S. 20
Jugend
II
Sonett

War für mich, einen Mann von ganz gewöhnlicher Beschaffenheit, das Fleisch nicht eine im Obstgarten hängende Frucht; o Tage der Kindheit! – der Leib ein Schatz, verschwendet zu werden; – o Lieben, die Gefahr oder die Kraft der Psyche? Die Erde besaß Abhänge, fruchtbar an Fürsten und Künstlern, und Abstammung und Rasse trieben dich zu den Verbrechen und Traurigkeiten. Aber jetzt, da diese Aufgabe vollbracht ist, sind du, deine Pläne – du, deine ungeduldigen Wünsche – nichts weiter als dein Tanz und deine Stimme, nicht festgenagelt und nicht vergewaltigt, obwohl Ursache eines Doppelereignisses von Erfindung und Erfolg – in der brüderlichen und verschwiegenen Menschheit überall in der Welt ohne Bilder; – die Macht und das Recht spiegeln den Tanz und die Stimme wider, die jetzt erst gewürdigt werden.
 Aus: Flammende Morgenröte / Arthur Rimbaud. Gabrielle Ménardeau u. Justus Franz Wittkop schrieben d. Einl. u. besorgten d. Ausw. aus d. Werk d. Dichters nach d. Übers. aus d. Franz. von Walther Küchler.	Genehmigte, ungekürzte Taschenbuchausg. München : Heyne, 1979, S. 108
Jugend
II 
SONETT

O einfacher Mensch, war nicht das Fleisch eine Frucht im Garten der Welt – o kindliche Tage, der Leib ein Schatz zu verschenken – o lieben, das Wagnis oder die Kraft einer Göttin? Dichter und Prinzen bedeckten die Erde, doch Herkunft und Rasse stießen uns in Verbrechen und tödliche Trauer: Welt wurde Schatz und Gefahr. Nun aber, da dieses Werk getan und vollendet, sind deine sehnlichste Erwartung, du, dein Kalkül, nicht weniger und mehr als dein Tanz und deine Stimme, nicht starr, nicht gehetzt, obgleich zwiefach gezeugt aus Erfolg und Erfindung: eine Vernunft in verbrüderter Menschheit, in deren bescheidenem, bildlosem All. Die Kraft und die Gerechtigkeit spiegeln den Tanz und die Stimme, heute von uns nur geträumt und geahnt.
 Deutsch von Dieter Tauchmann. Aus: Arthur Rimbaud, Sämtliche Werke. Frz. u. dt. Leipzig: Insel, 1976, S. 297. 

Ich sage, dass man sehend sein muss, sich sehend machen. – Der Dichter macht sich sehend durch eine lange, immense und überlegte Zügellosigkeit aller Sinne. Alle Formen der Liebe, des Leidens, des Wahns; er forscht selbst, er schöpft in sich alle Gifte aus, um nur die Quintessenzen zu bewahren. Unsägliche Qual, wo er alles an Glauben braucht, alles an Menschen übersteigender Kraft, wo er unter allen der große Kranke, der große Verbrecher, der große Verfemte wird — und der allwissende Gelehrte! – Denn er gelangt zum Unbekannten!

Deutsch von Tim Trzaskalik, aus: Arthur Rimbaud: Prosa über die Zukunft der Dichtung. Berlin: Matthes und Seitz, 2010, S. 27

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