Jiddisches Schlaflied

Heute ein Kinderlied, ein Schlaflied von dem polnischen, jiddischen Dichter Jizchok Leib Perez

(יצחק־לייבוש פּרץ ; geb. 18. Mai 1852 in Zamość, damals Russisch Polen; gest. 3. April 1915 in Warschau)

Schlaflieder sind ja eine Art Zauberlieder, sie sollen etwas bewirken. Versteht sich, dass der Zauber am Wortlaut hängt. Deshalb dieses Gedicht (es gibt ohnehin kaum etwas auf Deutsch) nicht übersetzt, nur knapp kommentiert. Wenn man dann noch einmal den Originaltext liest, sollte es klappen!

Die Transkription ist an deutsche Leser angepasst. S immer stimmhaft, das stimmlose ist ß; ch immer wie in Krach.

a gute nacht!

zugedekt di fißelech –
ich breng dir morgn nißelech
frische nißelech fun wald,
solßt mein kind nor schlofn bald.

drimlt ein mein kindele feßt,
kumen bald di libe geßt:
kumen, kumen on zu flojgn,
mlachimlech mit siße ojgn.

di fejgelech fun lojter gold,
sei hobn schtille kinder hold,
un sei kumen zu bahitn,
zu bahitn un baschizn

mit chlumus schtille, schejne,
wi es paßt far kinder klejne.
mach nor zu di ejgelech!
sei fli-en on, vi fejgelech.

herßt, mejn kind, herßt, mejn krojn,
di fligelech sei rojschn schojn!
sei fli-en on, wi fejgelech,
mach nor zu di ajgelech,

schtill, di ajgelech farmacht,
hob a gute, siße nacht!

 

a gute nacht!
zugedekt di fißelech – Füßelein
ich breng dir morgn nißelech Nüsselein
frische nißelech fun wald, fun = vom
solßt mein kind nor schlofn bald. nor = nur
drimlt ein mein kindele feßt, drimelt = schlummert
kumen bald di libe geßt: kommen bald die lieben Gäst‘
kumen, kumen on zu flojgn, kommen angeflogen
mlachimlech mit siße ojgn. m. = Engelein mit süßen Aiugen
di fejgelech fun lojter gold, Vögelein von lauter Gold
sei hobn schtille kinder hold, sie haben stille Kinder lieb
un sei kumen zu bahitn, kommen zu behüten
zu bahitn un baschizn … und beschützen
mit chlumus schtille, schejne, mit Träumen stillen, schönen
wi es paßt far kinder klejne. wie es sich für kinder gehört
mach nor zu di ejgelech!
sei fli-en on, vi fejgelech. sie fliegen los wie Vöglein
herßt, mejn kind, herßt, mejn krojn, hörst du; krojn (Krone) = mein Liebster
di fligelech sei rojschn schojn! (man hört schon die Flügelein)
sei fli-en on, wi fejgelech, sie fliegen los wie Vögelech
mach nor zu di ajgelech, mach nur zu die Äugelech
schtill, di ajgelech farmacht, die Äuglein zugemacht
hob a gute, siße nacht! gute Nacht

 

Aus: J. L. Perez, kinder-lider. Warschau: Verlag Kultur-Lige, 1921 (schul-bibliotek nr. 3)

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