Die Amazone

Nachrichten über Elisabeth Paulsen seien spärlich, schreibt Gisela Brinker-Gabler in ihrer berühmten Anthologie, aus der ich heute ein Gedicht bringe. „Sie wuchs in Holstein als Tochter eines Kirchenpropstes auf und lebte später verheiratet in Hamburg. Sie veröffentlichte zwei Gedichtbände, die in Bibliotheken nicht mehr greifbar sind. Bekannt ist ihre Lyrik nur aus Anthologien und Zeitschriften des ersten Jahrzehnts dieses Jahrhunderts. Eine Ausnahme ist die von Elisabeth Langgässer herausgegebene Anthologie von 1934, die noch einige Gedichte enthält.“

Immerhin weiß Wikipedia, mit wem sie verheiratet war: dem Schriftsteller, Fotografen, Verleger und Biosophen Ernst Fuhrmann. Sie lebte von 1879 bis 1951. Ihr Nachlass befindet sich in der Staats- und Universitätsbibliothek „Carl von Ossietzky“ Hamburg.

Fuhrmann veröffentlichte in der Zeitschrift „Gegner“, die um die Jahrtausendwende in Berlin wiedergegründet wurde (von und mit Tone Avenstroup, Stefan Döring, Bert Papenfuß und anderen). Fuhrmanns Werk lebt in dieser und anderen Zeitschriften, ihrs auch?

DIE AMAZONE

Vom Schwarzen Meer
kamen sie her;
mit fliegenden Haaren;
auf Rossen,
goldhufbeschlagen;
und alle tragen
Schilde und Speer.
Vor ihnen her
reitet
Pentesilea.

Erschlagen will sie
den besten Mann.
Erschlagen, weil er ihr Herz gewann,
Achilles.

Kein Hemd
schirmt ihre zarte Brust.
Furchtfremd,
in Kampflust
funkelt ihr Auge;
Achilles steht und starrt sie an.
»Nun wehr dich! Achilles!
Ich will dich erschlagen!
Ich! Pentesilea!«
Sie sprengt heran.

Im Todessprung steigt
hufblitzend ein Roß.
Achilles schaudert: sein Geschoß
färbt sich in heißem Herzblut.
Zwei nackte Arme,
ringgeschmückt,
fallen zur Seite –
Nie wieder reitet,
nie wieder streitet
Pentesilea.

Achilles barg sich in seinem Zelt
drei Tage lang.
Sein Herz blieb ihm für immer krank.
So schlug den Helden
Pentesilea.

Aus: Deutsche Dichterinnen vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Hrsg. Gisela Brinker-Gabler. Frankfurt/Main: Fischer, 1978 (1.-15. Tsd.) – 16.-25. Tsd., 1979 – 43.-44. Tsd., 1991, S. 290.

Die Frau auf dem Umschlag, mit dem Strich durch den Mund, ist die Greifswalder Barockdichterin Sibylla Schwarz (1621-1638).

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