„Expressionist der äußersten Linken“

Kubismus, Futurismus, Ego-Futurismus, Kubo-Futurismus, Expressionismus, Vortizismus, Imagismus, Dada(ismus), Surrealismus und wie sie alle heißen. Letzten Endes sind es alles gefährliche Schubladen. Die Nachgeborenen möchten alles ordentlich aufbewahren (oder wegräumen), dafür sind sie gut.

Melchior Vischer gilt (vor allem mit seinem Roman Sekunde durch Hirn) als Dadaist. Dada war in weiten Teilen eine Gegenbewegung zum (da bereits als herrschend und bürgerlich angesehenen) Expressionismus. Aber die schärfsten Kritiker der Expressionisten waren früher selber welche. Melchior Vischer, Prag, schreibt am 29. Dezember 1918 an Tristan Tzara, Paris: „ich selbst nehme als Expressionist der äußersten Linken gegen Dadaismus keine feindliche Stellung ein.“

Vischer gilt als Dadaist, weil er es selbst gesagt hat. Ein Jahr nach dem zitierten Brief nennt er in einem weiteren Brief an Tzara Sekunde durch Hirn „Merzroman“ und den „ersten deutschen  dadaistischen Roman“ (mit dem Zusatz: „wenn man überhaupt noch von dem blöden Wort Roman sprechen kann“).

Melchior Vischer

(* 7. Januar 1895 in Teplitz-Schönau; † 21. April 1975 in Berlin)

GESANG EINES BÜGELEISENS AUF DER BRÜCKE VON ARGENTEUIL

Heiß brüllt um meinen Busen
die stille Landschaft von Paris,
ein klerikales Zündholz singt Symphonie,
kurz, ein Schrei
und die Trambahn verschlingt
mit tödlichem Furioso es und das embryonale Licht,
vorbei, vorbei,
die Mütze des Dienstmanns ist rot,
und gelb rotiert die Kabbalazahl: 606
zufälliger Neger bespringt
mit großer Mannheit, / furchtbar gereckt / ,
die eine Explosion schon lang erwartende Filmdiva.
Blutstrahl ergießt sich breit
über die Torte hinweg, die auf den gebreiteten Armen des Boten liegt,
wie ein träges Gebetbuch,
Rosinen fallen vom Himmel
und tropfen dick und schwer aufs Pflaster und in das Wasser,
wie grüne Mandarinen
wung schang wu, wu wu, /
Bettelgreise sitzen am Brückengeländer
und gebären Chinesen,
o
Fußballseelen werden aus Vaginahaut gefertigt,
sehr elastisch, sehr elastisch,
wie eine Parlamentsmehrheit,
Bordellportier rezitiert verschollene Verse
von Catullus und Arion,
der Journalist steht davor und versteht sie gewiß,
obwohl es Latein und Griechisch.
Der gelbe Gummireifen des syfilithlschen Autos versucht
den Lackschuh des Teppichhändlers zu küssen,
der Mond fällt plötzlich vom Himmel ins Wasser,
eben wird ein Regisseur ermordet,
Shakespeare und ich fressen zusammen Eier,
die Tragödin liegt gespreizt am Diwan
und läßt ihre Scham rotieren,
dann rasieren, oooh,
über allen Wlpteln liegt die Relativitätstheorie,
5chmuck wie ein Tropenhelm Wilhelms,
die Brille glotzt in der Nähe des Samovars,
die Hebamme ißt ein Rostbeuf,
während der Vicekönig von Indien den Busen der Amme bespritzt,
Quasimodo heult von Notre Dame,
zwei Champagnerkübel fordern Selbstbestimmung,
die erste Dadaistin der Welt geht vorüber,
an ihrem Nabel hängt eine elektrische Glühbirne,
das Bügeleisen erbricht Aepfel und Nüsse,
fällt nun von der Brücke ins Wasser,
verfolgt im Sturz von der unerotischen Frage:
Weiß Clemenceau, daß Apollinaire verstorben?*

  • Apollinaire starb am 9.11.1918, der Waffenstillstand erfolgte am 11.11.1918.

Aus: Melchior Vischer: Unveröffentlichte Briefe und Gedichte. Mit einem Vor- und Nachwort hrsg. v. Raoul Schrott. Universität-Gesamthochschule Siegen 1988 (Vergessene Autoren der Moderne XXXII), S. 21f (auch die Briefzitate stammen aus diesem Heft).

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