Holdes Thal, grause Höhle

Der italienische Dichter Ariost dichtet in seinem berühmten „Rasenden Roland“ von einem „holden Thal“ in Arabien, lieblich bewachsen mit Buchen und Tannen (obwohl: für hold-lieblich sah man wenig Licht und viel Graus), darin seltsame Gesellen leben: Schlaf, Müßiggang, Faulheit, Vergessenheit und Schweigen. Ein unschlagbares Team!

LUDOVICO ARIOSTO

(deutsch Ariost; * 8. September 1474 in Reggio nell’Emilia; † 6. Juli 1533 in Ferrara)

VERBORGEN lieget in Arabiens Gauen,
Von Stadt und Dorf entfernt, ein holdes Thal,
Das hohe Berge rechts und links umbauen,
Voll alter Tannen, Buchen ohne Zahl.
Vergeblich strebt der Tag hinein zu schauen;
Nie dringt dahin der Sonne heller Strahl,
Weil dichte Zweig‘ ihm jeden Weg verspünden:
Dort sieht man eine Höhle weit sich münden.

Es öffnet sich in schwarzer Waldung Grausen
Ein weiter Schlund, der tief in Felsen drang,
Um deren Stirn der Epheu seine krausen
Verflochtnen Ranken vielgewunden schlang.
Hier pflegt in Ruh der schwere Schlaf zu hausen;
Rechts sitzt der dicke, fette Müssiggang,
Die Faulheit links, in ungestörter Musse;
Sie kann nicht gehn und ist nicht wohl zu Fusse.

Den Eingang wehret die gedächtnisschwache
Vergessenheit, die Keinen je erkannt.
Nie hört sie, nie bestellt sie eine Sache,
Und Jeden jagt sie von der Höhle Rand.
Das Schweigen geht umher und hält die Wache;
Filzschuhe trägt es und ein braun Gewand,
Und winket allen, die es wahrgenommen,
Ab mit der Hand, dass sie nicht näher kommen.

Deutsch von Johann Diederich Gries (1775-1842), aus: Italienische Gedichte. Mit Übertragungen deutscher Dichter. Zusammengestellt von Horst Rüdiger. Leipzig: Karl Rauch, 1938, S. 137/139

[IV, 92]
Giace in Arabia vna valletta amena
Lontana da cittadi e da villaggi,
Ch’ali’ ombra di duo monti e tutta piena
D’antiqui Abeti, e di robuſti Faggi,
Il Sole indarno il chiaro di vi mena
Che non vi può mai penetrar co i raggi,
Si glie la via da ſolti rami tronca
E quiui entra ſotterra vna ſpelonca.

[93]
Sotto la negra ſelua vna capace
E ſpatiofa grotta entra nel ſaſſo,
Di cui la ſronte l’Hedera ſeguace
Tutta aggirando va con ſtorto paſſo,
In queſto albergo il graue Sonno giace
L’Otio da vn cato corpulento e graſſo
Da l’altro la Pigritia in terra ſiede
Ch nò può ádare, e mal reggerti 1 piede.

[94]
Lo ſmemorato Oblio ſta ſu la porta
Non laſcia entrar, ne riconoſce alcuno,
Non aſcolta imbaſciata ne riporta
E parimente tien cacciato ognuno,
Il Silentio va intorno, e fa la ſcorta,
Ha le ſcarpe di feltro, e’l mantel bruno,
Et a quanti n’ incontra, di lontano
Che no debban venir cenna co mano.

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