Hymne auf die schwarze Fassade am Rande der Nacht

Ludwig Meidner

(* 18. April 1884 in Bernstadt an der Weide, Schlesien; † 14. Mai 1966 in Darmstadt)

Hymne auf die schwarze Fassade am Rande der Nacht

Abendröte, windige, du enteilst? Ihr Türen, ihr schnarchenden Türen. Ihr Treppen, ihr Flure, ihr wilden, wilden Fenster. Blutbesudelte, treppauf, treppab. Keller und Boden, Tische und Hoden. Ihr Spinde, Flaschengehäuse und Kuckucksuhren. Gelächter der Hebammen. Aus den Kellerluken fromme Flüche. Aus den Fässern Groll und Hohn. Aus den Kammern eines Kindleins karger Ton . . .

Über alle Dächer rennt die Nacht. Flennt und lacht. Menschen, in euern Budiken, zerdrückt und zerschlissen. Wisperer in den tiefen Alkoven, zerbrechet das Schneckenhäuslein um euch . . . Bettelpack hinter Dächern. Hinter Fächern feile Dirnen. Hinter Stirnen, Firnen, Hirnen . . . Frohlockende, rötliche Nacht. Menschenluder, heraus aus eurer Trübsal! Blast die magern Backen auf und schlagt Alarm. Reveille aus euren Hintern. Ächzende Flüche der Kommoden. Der Grammophone Gurren. Der Bettgestelle Knurren. Gesang der Kakerlaken in Kabache und Kabuse!

Nacht, Nacht! wann erhebst du deine heißen Hände und entzündest die Bauten, die Balken, die bellenden Balkone?! Wann schreist du, Wanst, hell auf?!!

Aus: Ludwig Meidner: Septemberschrei. Hymnen / Gebete / Lästerungen. Mit vierzehn Steindrucken. Berlin: Paul Cassirer, 1920, S. 80

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