Die Sprache der Natur

Meta Heußer-Schweizer

Die Sprache der Natur

Seid mir gegrüßt, ihr grünen Schatten,
Du wildes, ernstes Felsenthal,
Ihr Alpen und ihr Blumenmatten,
Verklärt vom Abendsonnenstrahl.
Es forscht mein Herz mit Kindesfragen
In deiner Bilderschrift Natur:
In Hymnen aufgelöste Klagen –
Sein Echo – tönen Hain und Flur.

Als, reich an Blumen und an Träumen,
Hell vor mir lag der Kindheit Bahn,
Da wurde unter meinen Bäumen
Ein Gotteshaus mir aufgethan.
Zu frühe schloß sich seine Pforte,
Das Lebens wurde schaal und leer;
Mein Ohr vernahm die Gottesworte
Am Busen der Natur nicht mehr.

Da war ich mir der tiefen Wunden
Des armen Herzens nur bewußt;
Auf Erden war kein Heil gefunden,
Kein Frieden in der eignen Brust;
Es schien des Morgenlichtes Helle
Mir trüb‘ in den getrübten Blick,
Und die bewegte Silberwelle
Gab meine Klagen nur zurück.

Doch als in wunderbarar Klarheit
Der Freund vor meine Seele trat,
Der uns verklärt‘ in Lieb‘ und Wahrheit
Des ewigen Erbarmens Rath;
Als er die treue Hand mir reichte,
Die einst für uns geblutet hat,
Durch Kampf und Tod den Weg mir zeigte
Zur Heimat in die Gottesstadt. –

Und nun den Frieden wieder brachte,
Den Sturm beschwor in süßer Ruh‘:
Da ward es Licht um mich, da lachte
Mir Erd‘ und Himmel wieder zu.
Nun scheint die Welt mir rings verkläret,
Sie ist ja meines Gottes Welt!
Der Vater liebe Stimme höret
Des Kindes Herz in Wald und Feld.

Die Morgenröthe lächelt wieder,
Die Botin frohen Auferstehns;
Es gehn die Sterne auf und nieder
Zum Bilde süßen Wiedersehns;
Es spricht nach der Gewitterstunde
Des hohen Bogens Farbenpracht
Von Gottes ew’gem Friedensbunde,
Den mit uns Armen Er gemacht.

Du Lieb‘ und Huld, die nimmer endet,
Und unser keines je vergißt!
Dir sei mein Leben zugewendet,
Bis sich mein Auge brechend schließt,
Dann weht dein Hauch um meinen Hügel,
Und schmückt ihn mit der Hoffnung Grün;
Die Liebe trägt als Engelsflügel
In ihre Heimat still mich hin.

Aus: Blumenlese aus den neuen Schweizerischen Dichtern, Herausgegeben von Heinrich Kurz, Zürich: Verlag von Friedrich Schultheß, 1860, S. 370-372

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