Vom Leben trennt dich Schloss und Riegel

Edeltraut Eckert

(* 20. Januar 1930 in Hindenburg O. S., Provinz Oberschlesien; † 18. April 1955 in Leipzig)

Eine junge Lyrikerin, der keine Zeit zur Entwicklung blieb. Bei Kriegsende Flucht aus Oberschlesien, Abitur in Brandenburg, Mitglied der Freien Deutschen Jugend, Aufnahme eines Lehrerstudiums an der Ostberliner Humboldt-Universität – doch sie kommt nicht weit. Sie erfährt von der Existenz sowjetischer Gefangenenlager in der DDR, schließt sich einer Widerstandsgruppe an, verteilt Flugblätter in Rathenow, wird denunziert, verhaftet, mißhandelt und zu 25 Jahren Haft und Zwangsarbeit verurteilt. Sie kann Rilkes Cornett fast auswendig, memoriert, schreibt Gedichte – nach dem Aufstand des 17. Juni gibt es für kurze Zeit Hafterleichterungen, sie darf ihre Gedichte in ein Heft schreiben. 1955 stirbt sie an den Folgen eines Arbeitsunfalls im Zuchthaus Hoheneck.

Vom Leben trennt dich Schloss und Riegel
Und deiner Muße bleibt nur eins:
Du schaust in den blind gewordenen Spiegel
Deines eigenen vergangenen Seins.

Ein bleiches Bild sieht dir entgegen,
Von keines Künstlers Hand verschönt,
Du ließest dich in Fesseln legen,
Und frei zu sein hast du ersehnt.

Vielleicht, dass sich dein Morgen naht,
Vielleicht bringt auch die Nacht die Wendung,
Du weißt noch nicht, führt dieser Pfad
Zum Wahnsinn oder zur Vollendung.

NOVEMBER 1951

Aus: Edeltraud Eckert: Jahr ohne Frühling. Gedichte und Briefe. Frankfurt/Main: Edition Büchergilde, 2005 (Die verschwiegene Bibliothek), S. 18

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