Heute ein Ohrwurm

Rainer Maria Rilke: Duineser Elegien

Heute vor 106 Jahren steckte Rilke die erste Duineser Elegie ins Briefkuvert. L&Poe heute klassisch-kanonisch.

DIE ERSTE ELEGIE

WER, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel
 Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme
 einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem
 stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts
 als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,
 und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,
 uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.
   Und so verhalt ich mich denn und verschlucke den Lockruf
 dunkelen Schluchzens. Ach, wen vermögen
 wir denn zu brauchen? Engel nicht, Menschen nicht,
 und die findigen Tiere merken es schon,
 daß wir nicht sehr verläßlich zu Haus sind
 in der gedeuteten Welt. Es bleibt uns vielleicht
 irgend ein Baum an dem Abhang, daß wir ihn täglich
 wiedersähen; es bleibt uns die Straße von gestern
 und das verzogene Treusein einer Gewohnheit,
 der es bei uns gefiel, und so blieb sie und ging nicht.
   O und die Nacht, die Nacht, wenn der Wind voller Weltraum
 uns am Angesicht zehrt –, wem bliebe sie nicht, die ersehnte,
 sanft enttäuschende, welche dem einzelnen Herzen
 mühsam bevorsteht. Ist sie den Liebenden leichter?
 Ach, sie verdecken sich nur mit einander ihr Los.
   Weißt du's noch nicht? Wirf aus den Armen die Leere
 zu den Räumen hinzu, die wir atmen; vielleicht daß die Vögel
 die erweiterte Luft fühlen mit innigerm Flug.

Ja, die Frühlinge brauchten dich wohl. Es muteten manche
 Sterne dir zu, daß du sie spürtest. Es hob
 sich eine Woge heran im Vergangenen, oder
 da du vorüberkamst am geöffneten Fenster,
 gab eine Geige sich hin. Das alles war Auftrag.
 Aber bewältigtest du's? Warst du nicht immer
 noch von Erwartung zerstreut, als kündigte alles
 eine Geliebte dir an? (Wo willst du sie bergen,
 da doch die großen fremden Gedanken bei dir
 aus und ein gehn und öfters bleiben bei Nacht.)
 Sehnt es dich aber, so singe die Liebenden; lange
 noch nicht unsterblich genug ist ihr berühmtes Gefühl.
 Jene, du neidest sie fast, Verlassenen, die du
 so viel liebender fandst als die Gestillten. Beginn
 immer von neuem die nie zu erreichende Preisung;
 denk: es erhält sich der Held, selbst der Untergang war ihm
 nur ein Vorwand, zu sein: seine letzte Geburt.
 Aber die Liebenden nimmt die erschöpfte Natur
 in sich zurück, als wären nicht zweimal die Kräfte,
 dieses zu leisten. Hast du der Gaspara Stampa
 denn genügend gedacht, daß irgend ein Mädchen,
 dem der Geliebte entging, am gesteigerten Beispiel
 dieser Liebenden fühlt: daß ich würde wie sie?
 Sollen nicht endlich uns diese ältesten Schmerzen
 fruchtbarer werden? Ist es nicht Zeit, daß wir liebend
 uns vom Geliebten befrein und es bebend bestehn:
 wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprung
 mehr zu sein als er selbst. Denn Bleiben ist nirgends.

Stimmen, Stimmen. Höre, mein Herz, wie sonst nur
 Heilige hörten: daß die der riesige Ruf
 aufhob vom Boden; sie aber knieten,
 Unmögliche, weiter und achtetens nicht:
 So waren sie hörend. Nicht, daß du Gottes ertrügest
 die Stimme, bei weitem. Aber das Wehende höre,
 die ununterbrochene Nachricht, die aus Stille sich bildet.
 Es rauscht jetzt von jenen jungen Toten zu dir.
 Wo immer du eintratest, redete nicht in Kirchen
 zu Rom und Neapel ruhig ihr Schicksal dich an?
 Oder es trug eine Inschrift sich erhaben dir auf,
 wie neulich die Tafel in Santa Maria Formosa.
 Was sie mir wollen? leise soll ich des Unrechts
 Anschein abtun, der ihrer Geister
 reine Bewegung manchmal ein wenig behindert.

Freilich ist es seltsam, die Erde nicht mehr zu bewohnen,
 kaum erlernte Gebräuche nicht mehr zu üben,
 Rosen, und andern eigens versprechenden Dingen
 nicht die Bedeutung menschlicher Zukunft zu geben;
 das, was man war in unendlich ängstlichen Händen,
 nicht mehr zu sein, und selbst den eigenen Namen
 wegzulassen wie ein zerbrochenes Spielzeug.
 Seltsam, die Wünsche nicht weiterzuwünschen. Seltsam,
 alles, was sich bezog, so lose im Raume
 flattern zu sehen. Und das Totsein ist mühsam
 und voller Nachholn, daß man allmählich ein wenig
 Ewigkeit spürt. – Aber Lebendige machen
 alle den Fehler, daß sie zu stark unterscheiden.
 Engel (sagt man) wüßten oft nicht, ob sie unter
 Lebenden gehn oder Toten. Die ewige Strömung
 reißt durch beide Bereiche alle Alter
 immer mit sich und übertönt sie in beiden.

Schließlich brauchen sie uns nicht mehr, die Früheentrückten,
 man entwöhnt sich des Irdischen sanft, wie man den Brüsten
 milde der Mutter entwächst. Aber wir, die so große
 Geheimnisse brauchen, denen aus Trauer so oft
 seliger Fortschritt entspringt –: könnten wir sein ohne sie?
 Ist die Sage umsonst, daß einst in der Klage um Linos
 wagende erste Musik dürre Erstarrung durchdrang;
 daß erst im erschrockenen Raum, dem ein beinah göttlicher Jüngling
 plötzlich für immer enttrat, die Leere in jene
 Schwingung geriet, die uns jetzt hinreißt und tröstet und hilft.

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