Im dritten Kreis

Der Anfang des 6. Gesangs des Inferno aus Dantes Comedia in der Prosafassung von Georg Peter Landmann (kursiv sein Kommentar):

Bei der wiederkehr meiner sinne, die sich verschlossen hatten vor dem leid der beiden verwandten, als die trauer mich ganz betäubte, sehe ich neue qualen und neue gequäIte rings um mich, wohin ich auch mich bewege, wohin ich mich wende, wohin ich spähe. Ich bin im dritten kreis, dem des regens, der ewig und verflucht, kalt und schwer fällt, unveränderlich nach maass und art. Grober hagel, trübes wasser und schnee ergiesst sich durch die finstre luft; die erde stinkt, die das aufnimmt. Cerberus, das grausame und sonderbare vieh, bellt hündisch aus drei rachen über dem dort versenkten volk. Mit roten augen, fettem, schwarzem bart, dickem bauch und krallenpfoten zerkratzt und schindet und zerfetzt er die geister. Der regen lässt sie heulen wie hunde; mit ihrer einen flanke schirmen sie die andere, und oft drehn sie sich, die unglückseligen weltkinder.

Als Cerberus, das grosse untier, uns bemerkte, riss er die mäuler auf und zeigte uns die hauer; kein glied an ihm, das nicht gebebt hätte. Und mein führer spreizte seine hände, ergriff erde und mit vollen fäusten warf er sie in die lechzenden röhren. Wie ein hund bellend giert und sich beruhigt, sobald er futter beisst, weil er nur ringt und sich abmüht es zu verschlingen, so taten die dreckigen schnauzen des dämons Cerberus, der die seelen so durchdröhnt, dass sie am liebsten taub wären. Wir schritten über die schatten, die der schwere regen niederwirft, und setzten unsere sohlen auf ihre menschengleiche nichtigkeit.

Sie lagen allesamt auf dem boden ausser einem, der sich rasch zum sitzen hob, sobald er uns vor sich vorübergehen sah. „Du da, den man durch diese hölle schleppt, sagte er mir, erkenne mich, wenn du kannst; du warst schon am leben bei meinem ableben.“ Und ich zu ihm: „Deine bedrängnis entzieht dich vielleicht meinem sinn; mir ist nicht, dass ich dich je gesehen hätte. Aber sag mir wer du bist, der du an so einen schreckensort verwiesen bist und zu solcher strafe – vielleicht sind andre schwerer, doch ist gewiss keine so widerlich.“ Und er zu mir: „Deine stadt, die so voll haders ist, dass der sack schon überquillt, beherbergte mich im heitern leben. Ihr bürger nanntet mich Ciacco. Für die zerstörende schuld des gaumens siehst du mich hier im regen bersten. Und ich bin nicht die einzige trauernde Seele: denn diese alle hier stehn in gleicher pein für gleiche schuld.“ Mehr sprach er nicht.

Dieser Ciacco – sein spottname „das schweinchen“ – war ein geistvoller mensch, wohl auch verfasser von gedichten, der sich zu allen schmausereien gern einladen liess oder selber einlud. Nun büsst er bei den schlemmern, denen als teufel mit sinnreichem bezug der dreimäulige Cerberus zugordnet ist.

Aus: Dante Alighieri: Die Divina Commedia. In deutsche Prosa übersetzt und erläutert von Georg Peter Landmann. Würzburg: Königshausen & Neumann, 1997 (2. Aufl. 1998), S. 19

5 Comments on “Im dritten Kreis

  1. Die Prosafassung vom Herrn Landmann finde ich großartig. Es lässt sich gut lesen.
    Einen Druckfehler fand ich: „der schwere regen“ (sch)

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  2. Dantes Terzinen als Prosageschichte zu lesen ist schon seltsam. Aber zur Information, falls man sie sich wünscht, ist sie sicher nützlich.

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    • naja, im unterschied zu lyrischen gedichten ist es schon eine geschichte, ein epos. die erzählung kriegt man in einer guten prosaübersetzung besser mit als in verquasten reimfassungen, wovon es viele gibt

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  3. über die musikalische quailität kann man bei ossip mandelstam nachlesen: gespräch über dante. ich wünschte, deutsche dichter machten sich mal dran, damit zu experimentieren

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