Hölle 6, 1-12 metrisch

Hier einige metrische Übersetzungen der ersten 4 Terzinen des sechsten Gesangs von Dantes Hölle

Karl Streckfuß (Terzinen mit regelmäßig alternierenden männl. und weibl. Reimen):

Bei Rückkehr der Erinn’rung, die sich schloß[66]
Vor Mitleid um die Zwei, das so mich quälte,
Daß das Bewußtsein mir vor Schmerz zerfloß,

Erblickt’ ich neue Qualen und Gequälte
Rings um mich her, ob den, ob jenen Pfad,
Zum Geh’n und Schau’n sich Fuß und Auge wählte.

Dies war der dritte Kreis, den ich betrat,[67]
In ew’gem, kaltem, maledeitem Regen
Von gleicher Art und Regel früh und spat.

Schnee, dichter Hagel, dunkle Fluten pflegen
Die Nacht dort zu durchziehn in wildem Guß;
Stark qualmt die Erde, die’s empfängt, entgegen.

66: VI. 1 – 3. Dante beschreibt nicht, wie er vom zweiten Kreise in den dritten gekommen, wahrscheinlich um anzudeuten, daß er auch nach seinem Erwachen von der Ohnmacht sich noch zu tief erschüttert gefunden habe, als daß er auf den Weg Achtung hätte geben sollen. Erst die neuen Strafen ziehen seine Aufmerksamkeit auf sich.
67. Hier im dritten Kreise finden wir die Schlemmer, ewigem Regen ausgesetzt, der nichts erzeugt, als ekelhaften Schmutz, in welchem sie versinken. Erheben sie sich auch einen Augenblick, doch fallen sie bald wieder zurück, und zwar zuerst mit dem Haupte, dem Sitze der geistigen Kraft, welche durch wüßte Schwelgerei unterdrückt und zu Boden gezogen wird. (V. 91–93.)

Aus: Dante Alighieris Göttliche Komödie. Übersetzt und erläutert von Karl Streckfuß. Mit berichtigter Übertragung und völlig umgearbeiteter Erklärung neu herausgegeben von Dr. Rudolf Pfleiderer. Leipzig: Philipp Reclam jun., 1876

Otto Gildemeister (Terzinen mit regelmäßig alternierenden männl. und weibl. Reimen):

Als wiederkam die Kraft, die mir entschwand,
Weil mich der Jammer, wie ich euch erzählte,
Um jene beiden Schwäger überwand,
Erblickt‘ ich neue Qualen und Gequälte.
Wohin ich schritt, umgaben Foltern mich,
Was ich für Ziel und Augenmerk auch wählte.
Im dritten Kreis, des Regens, wandert‘ ich,
Des ewigen, verfluchten, kalten, schweren,
An Maß und Art stets unveränderlich.
Durch finstre Lüfte, die sich nimmer klären,
Stürzen sich Hagel, Schnee und trüber Guß;
Die Erde stinkt, darauf sie sich entleeren.

Aus: Dantes Göttliche Komödie. Übersetzt von Otto Gildemeister mit sämtlichen Illustrationen von Gustav Doré. Emil Vollmer Verlag, o.J., S. 76 (Zuerst 1888)

Josef Kohler (Terzinen mit regelmäßig alternierenden männl. und weibl. Reimen):

Nun kehrte das Bewußtsein zögernd wieder,
Das mir geraubt des Mitleids schwer Gebot,
Und neue Kraft erfaßte meine Glieder.

Ich spähte rings; doch überall nur Not
Erschaut mein Blick; – wohin ich mich auch wende,
Nur Seufzerqualen, Leid und ew’gen Tod.

Schon sind wir in dem dritten Schmerzgelände;
Ein Regen träuft, die Luft ist fieberkrank,
Ein Fluch ringsum ohn‘ Anfang und ohn‘ Ende.

Vom dunklen Himmel ewig sinkt und sank
Ein schwarzes Wasser, stechend gleich dem Feuer,
Und auf dem Boden gährt ein wild Gestank.

Aus: Josef KOHLER, Dantes heilige Reise. Freie Nachdichtung der Divina Commedia von J[osef] Kohler. Inferno. Berlin, Köln, Leipzig: Albert Ahn, 1902. S. 32

Wilhelm G. Hertz (Terzinen mit alternierend männl. und weibl. Reimen):

Als wieder zur Besinnung ich erwacht,
Die mir geraubt das Mitleid mit den beiden,
Das mich vor Trauer ganz verwirrt gemacht,

Erblickt ich neue Leidende und Leiden;
Auf allen Seiten werden sie geplackt,
Gleichviel, wohin wir drehen, spähen, schreiten.

Im dritten Kreise strömt, ein Katarakt,
Der Regen nieder, kalt, im monotonen
Ununterbrochenen, argen, gleichen Takt.

Da sich ergießt durch diese finsteren Zonen
Des Hagels, Schnees und schmutzigen Wassers Fluß,
So stinkt die Erde in den Sumpfregionen.

Aus: Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie. Aus dem Italienischen von Wilhelm G. Hertz. München: dtv, 1978, 9. Aufl. 1997, S. 29 [zuerst 1955]

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