Das Fleisch ist traurig, ach!

Ein Gedicht von Stéphane Mallarmé in neun Varianten mit Bildanhang

(* 18. März 1842 in Paris; † 9. September 1898 in Valvins, Vulaines-sur-Seine bei Fontainebleau)

Seewind. Nach Mallarmé

Ach, kläglich das Fleisch! Alle Bücher gelesen!
Fliehen! Fliehen hinaus! Trunkene Wesen
Sind Vögel, ich weiß, zwischen Himmel und fremdem Geschäume! Nichts, nichts hält mehr dies Herz, daß zum Meere es träume,
Nicht mehr im Blicke von alten Gärten das Bild,
O Nächte! die Lampe nicht, einsam und klar und mild
 Über die Weiße der leeren Papiere gebeugt,
 Das junge Weib nicht, wenn sie das Kindlein säugt.
 Reisen will ich! Dampfer, wiege den Mast,
 Exotischen Sonnen zu hebe die Ankerlast!
 Ein Härmen, gequält durch der Hoffnungen Grausamkeit,
 ist noch ans letzte Lebwohl der Tücher zu glauben bereit.
 Vielleicht auch wollen die Maste Orkane locken,
 Vielleicht wollen Stürme sie quer verlorenen Wraken pflocken,
Mastlos, mastlos, nirgends ein lnselhang ...
 Doch‚ o mein Herz, höre Matrosengesang!

Aus: Alt- und neufranzösische Lyrik in Nachdichtungen von Alfred Neumann. 1. Band. München: O.C. Recht, 1922, S. 221

SEEBRISE

Das fleisch ist trauernd ach! und alle bücher las ich.
 O fliehen dorthin fliehn! ich weiss dass vögel trunken
 Inzwischen unbekanntem schaum und himmel sind.
 Nichts – auch die alten gärten die das auge spiegelt
 Nicht – hält dies herz zurück das sich im meere badet.
 O nächte! weder die verlassne helle meiner lampe
 Auf meinen leeren blättern die die weisse schüzt ·
 Noch auch die junge frau die ihren säugling stillt.
 Ich zieh ins ferne. Dampfer das getakel schaukelnd
 Den anker heb nach einer fremden heissen erde!
 Ein leid · um grausam hoffen in verzweifelung ·
 Vertraut noch auf der taschentücher lezten gruss.
 Vielleicht sind diese masten die die stürme laden
 Von denen die ein windstoss neigt auf die zerschellten
 Verlornen · ohne mast noch grüner insel flor ...
 Doch · o mein herz · horch horch auf der matrosen chor!

Deutsch von Stefan George, aus: Zeitgenössische Dichter. Übertragungen, Zweiter Teil, Gesamt-Ausgabe der Werke, Band 16, Berlin 1929, S. 35.

MEERESWIND

Das Fleisch ist traurig, ach! und ich hab ausgelesen.
 Fliehn! Dorthin fliehn! Du Rausch von Flügelwesen,
 so zwischen unbekanntem Schaum und Himmel sein!
 Nichts, nicht im Aug’ der alten Gärten Widerschein
 hält mein ins Meer schon tauchendes, das Herz mir hier
 noch, o ihr Nächte! auf dem leeren Blatt Papier,
 es weigert mir sein Weiß, einsamer Lampe Licht,
 nein, auch die junge Frau, die dort ihr Kind stillt, nicht.
 Ich werde weggehn! Dampfer, Masten wiegend, schwanker,
 lichte nach fremden Wunderwelten deinen Anker!
 Weh, vor Qual grausamer Hoffnung, glaubt beim Blinken
 der Tücher noch, daß sie den letzten Abschied winken!
 Und, nach Gewittern rufend, diese Masten sind
 vielleicht wie sie auf Schiffbruch niederbeugt ein Wind:
 dann ohne Mast noch fruchtbar Eiland Untergang. . . .
 Doch, o mein Herz, halt ein, horch der Matrosen Sang!

Aus: Stéphane Mallarmé: Gedichte. Zweispr. Ausgabe. Deutsch von Richard von Schaukal. Mit Nachwort und Anhang. Freiburg i. Breisgau: Karl Alber, o.J. [1947] S. 45

ATEM VOM MEER

Die Sinne sind stumpf und die Bücher zerlesen.
 Fort, fort nur, ich fühle das trunkene Wesen
 Der Vögel, hintaumelnd durch Himmel und Schäumen.
 Nichts hält mehr ein Herz, drin Meere träumen:
 Du, Bild, nicht von Gärten, im Auge aufglänzend,
 Ihr Nächte auch nicht, mit Lampenlicht kränzend
 Mich, einsam auf leere Blätter gebeugt;
 Die Mutter auch nicht, die ihr Kindlein säugt.

Fort, Dampfer, fort! noch wiegend am Lande,
 Auf! lichte den Anker zu tropischem Strande!
 Ein Zögern, wenn auch die Hoffnungen sinken,
 Glaubt noch den letzten Tüchern, die winken.
 Vielleicht lädt das Takelwerk Stürme sich ein;
 Mag Tod auch und Schiffbruch mit ihnen sein —
 Verloren, ach — mastlos — die Inseln so weit —
 Und doch, mein Herz, sei dem Meerlied bereit!

Aus: Das französische Gedicht von André Chénier bis zur Gegenwart. Eine zweisprachige Anthologie mit Nachdichtungen von Max Rieple. Konstanz: Südverlag, 1947, S.127

MEERWIND

DAS Fleisch ist traurig. Alle Bücher hab ich ausgelesen.
 Fliehn, dorthin fliehn! Ich spüre tief
                          der Vögel trunknes Wesen
 In Weiten, wo aus Schaum der blaue Himmel bricht!
     Nichts spiegelt mehr das Aug:
                          die alten Gärten nicht ...
 Und nichts mehr hält dies Herz, das in die Meerflut taucht,
     Die Nächte nicht, da einsam noch die alte
                                      Lampe raucht,
 Mit ihrem Glanz die weissen, leeren Blätter füllt,
     Und nicht die junge Frau, die zart ihr Kindlein stillt. ‘
 Ich werde ziehn. O STEAMER, deine Masten schwingend,
     Die Anker lichte du, in fremde Weiten dringend!
 Verlorenheit, wo noch die trübe Hoffnung blinkt
     Und schon vertraut, ersehnt der letzte
                                      Abschied winkt...
 Ihr Maste tut es selbst und ruft den Sturm zu Gast,
     Wie ums verschollne Schiff die Gischt,
                                      der Meerwind rast.
Verloren, ohne Mast und Zuflucht, tief in Windes Tosen
     Hör dennoch, du mein Herz, das Weltlied
                                         der Matrosen!

Aus: Georg Schneider: Kleine französische Anthologie. Hamburg: Heinrich Ellermann, 1947, S. 5 (Das Gedicht. Blätter für die Dichtung)

MEERESBRISE
 
Das Fleisch ist traurig, ach! und alle Bücher las ich:
 Fliehn, dahin fliehn! Wie fühl des Vogelglückes Maß ich,
 Nur zwischen Himmeln noch und Wellenschaum zu sein!
 Nichts hält dies Herz mehr: nicht der Gärten Widerschein
 Im Auge hält dies Herz, das Meeresschauer feuchten,
 O Nächte! noch der Lampe einsam-klares Leuchten
 Aufs leere Blatt, das seine Reinheit hat zum Schild,
 Und auch die junge Frau nicht, die ihr Kindchen stillt.
 Ich breche auf! — Licht’, Dampfer, unterm Masten—Schaukeln,
 Den Anker, dorthin, wo die bunten Fernen gaukeln!
 Ein Weh, das grausiges Hoffen quält, glaubt je und je
 NOCh an das letzte tücherschwingende Ade!
 Und Sind die Masten auch, die winken allen Wettern,
 Bestimmt‚ vielleicht, im Sturm und Schiffbruch zu zerschmettern,
 Zerspellt, zerspellt, fern allem grünen Uferhang...
 Hör, o mein Herz, doch, hör auf der Matrosen Sang!

Deutsch von Helmut Bartuschek, aus: Der gallische Hahn. Französische Gedichte von der Zeit der Troubadours bis in unsere Tage. In deutscher Nachdichtung von Helmut Bartuschek. Berlin: Aufbau, 1957, S. 225

Das Fleisch ist traurig, ach! und ich habe alle Bücher gelesen. Fliehen! dorthin fliehen. Ich spüre, daß Vögel trunken sind, zwischen unbekanntem Schaum und den Himmeln zu sein! Nichts, nicht die alten Gärten widergespiegelt von den Augen, wird dieses Herz zurückhalten, das ins Meer eintaucht, o Nächte! noch die öde Helle meiner Lampe auf dem leeren Blatt Papier, das das Weiß beschützt, noch die junge Frau, die ihr Kind stillt. Ich breche auf! Dampfer, dein Mastwerk schaukelnd, lichte den Anker für fremde Gefilde!
 Ein Ennui, erschüttert von dem grausamen Hoffen, glaubt noch an das letzte Winken der Taschentücher! Und vielleicht sind die Maste, die die Stürme einladen, von denen, die ein Wind über verlorene Wracks beugt, ohne Maste ohne Maste‚ noch fruchtbare Inseln... aber mein Herz hör den Gesang der Matrosen!

Prosaübersetzung von Eva-Maria Schulz-Jander aus: Poesie der Welt. Frankreich. Frankfurt/Main, Berlin, Wien: Ullstein (Edition Stichnote), 1985, S. 222f

Deutsch von Carl Fischer aus: Stéphane Mallarmé: Sämtliche Gedichte. Frz. u. Dt. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1984. S. 45 (Andere Fassung von Carl Fischer in: Stéphane Mallarmé: Sämtliche Dichtungen. Französisch und Deutsch. Mit einer Auswahl poetologischer Schriften. München, Wien: Hanser, 1992)
 
 Brise marine

La chair est triste, hélas ! et j'ai lu tous les livres.
 Fuir ! là-bas fuir! Je sens que des oiseaux sont ivres
 D'être parmi l'écume inconnue et les cieux !
 Rien, ni les vieux jardins reflétés par les yeux
 Ne retiendra ce coeur qui dans la mer se trempe
 Ô nuits ! ni la clarté déserte de ma lampe
 Sur le vide papier que la blancheur défend
 Et ni la jeune femme allaitant son enfant.
 Je partirai ! Steamer balançant ta mâture,
 Lève l'ancre pour une exotique nature !

Un Ennui, désolé par les cruels espoirs,
 Croit encore à l'adieu suprême des mouchoirs !
 Et, peut-être, les mâts, invitant les orages,
 Sont-ils de ceux qu'un vent penche sur les naufrages
 Perdus, sans mâts, sans mâts, ni fertiles îlots ...
 Mais, ô mon coeur, entends le chant des matelots !

Bildanhang

Ausgabe des Gesamtwerks von 1951 aus dem Besitz des Romanisten Hugo Friedrich mit handschriftlichen Notizen von Friedrich.  Signiert: H Friedrich Juli 1952. Gekauft vor 10 Jahren in der Buchhandlung zum Wetzstein in Freiburg

Doppelseite aus Stéphane Mallarmé. Objet trouvé. Ein Würfelwurf (Walter-Druck 10) / Eventail. Für Stéphane Mallarmé. [Kassette] Wien/Lana: Edition pro procura, 2000
Handschriftliche Notizen eines Vorbesitzers in: Stéphane Mallarmé: Gedichte. Zweispr. Ausgabe. Deutsch von Richard von Schaukal. Mit Nachwort und Anhang. Freiburg i. Breisgau: Karl Alber, o.J. [1947]
 

One Comment on “Das Fleisch ist traurig, ach!

  1. Briefstelle

    Keins von den Büchern werde ich lesen.

    Ich erinnere mich
    an die strohumflochtenen Stämme,
    an die ungebrannten Ziegel in den Regalen.
    Der Schmerz bleibt und die Bilder gehen.

    Mein Alter will ich in der grünen Dämmerung
    des Weins verbringen,
    ohne Gespräch. Die Zinnteller knistern.

    Beug dich über den Tisch! Im Schatten
    vergilbt die Karte von Portugal.

    (Günter Eich, Botschaften des Regens)

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