Weil unsre Augen sie nicht sehn

Das Gedicht des Tages heute als Bildergeschichte. Gestern nachmittag waren wir am Strand bei Gahlkow. Es war klare Sicht rüber nach Rügen. Mit bloßen Augen sah man die Berge von Zicker an der Südostspitze der Insel. Der Südperd vor Thiessow eine markante Nase, aus 20 Kilometer Luftlinie sieht sie wie eine Insel vor der Insel aus. Die Kamera zeigt ein schönes Bild mit wenig Details.

Über dem Strauch in der Bildmitte das Südperd, eine kleine Ausbuchtung. (Mehr Details durch Anklicken).

Wir können heranzoomen.

Wir gehen zum Strand, da liegt ein markanter Findling.

Am rechten Rand, links neben dem Segelboot, das Südperd. Wenn man näher herangeht (Klick), sieht man zwischen Segelboot und der Küste von Rügen einen Leuchtturm. Das ist die Greifswalder Oie, wirklich eine (kleine) Insel vor der großen Insel, 12 Kilometer vor Rügen.

Weiter kommen wir ohne Fernglas nicht.

Aber wir haben das Smartphone dabei. Augmented Reality: verbesserte Wirklichkeit. Schaun wir mal.

Da stehe ich, meine Koordinaten, und das sind die Berge. Nix für Alpenländer, aber am Meer. Die Nase bei Thiessow ist der Lotsenberg. 36 Meter hoch. Der Zickerberg 66 Meter.

Jetzt will ich mehr sehen und gehe auf Sternenmodus.

Der augmentierte (to augment: vermehren, vergrößern, erweitern, ausdehnen, verbessern) Horizont ebnet die so schon flachen Berge fast völlig ein. Dafür sehe ich am helllichten Tage die Sterne. Sie sind da, ihr seht sie nur nicht. Rechts über dem Findling Vega im Sternbild Lyra. Lyra!

Links oben Deneb im Schwan. Ist er nicht schön?

Die zwei Sterne darunter, genau im Norden, Gamma Cygni und Sadr, der Körper des Schwans. Von rechts oben nach links unten geneigt die Flügel. Die Füße noch unter Wasser. Ein schönes Bild, da drüben über Rügen.

Deneb und Lyra bilden zusammen mit Atair im Sternbild Adler (noch unter dem Horizont, im Bild genau in der Mitte am unteren Rand zwischen Kieseln und Schlick) das markante Sommerdreieck

Der Schwan geht auf über Rügen. Ich habe es selbst gesehen. Lacht nicht! Das Sommerdreieck geht wirklich auf, nicht virtuell. Ihr seht es nur nicht.

So sind wohl manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht sehn.

Jetzt das Gedicht.

Matthias Claudius

Abendlied

Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder
Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste
Und suchen viele Künste
Und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß uns dein Heil schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
Nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden
Und vor dir hier auf Erden
Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
Durch einen sanften Tod!
Und, wenn du uns genommen,
Laß uns in Himmel kommen,
Du unser Herr und unser Gott!

So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
Und unsern kranken Nachbar auch!

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