Gesang statt Literatur

Eine Nachbemerkung zur Nobelpreisvergabe an Bob Dylan

Von Felix Philipp Ingold

Wieso verweigert sich Bob Dylan so konsequent und regelwidrig* dem Ansinnen der Schwedischen Akademie, ihn mit dem Literaturnobelpreis auszuzeichnen? Tut er es aus grundsätzlicher Ablehnung offizieller Belobigungen oder des Literaturbetriebs generell? Oder vermutet er beim Stockholmer Komitee ein Missverständnis, das sich zwar zu seinen Gunsten auswirkt, seinem Selbst- und Kunstverständnis aber nicht entspricht? Ist es doch das erste Mal, dass der Nobelpreis nicht für Literatur als Text, sondern für „Literatur als Gesang“ vergeben wird. Nicht nur in literarischen Feuilletons, auch in Editorials, in Kolumnen, in zahllosen Blogs wird ausser dem Preisträger auch die zuständige Jury dafür belobigt, den hergebrachten Literaturbegriff „erweitert“, ihn nun auch für populäre intermediale Kunstformen „geöffnet“ zu haben. Nora Gomringer hat in einem launigen Kommentar hochgemut auf Homer verwiesen, um die Grandiosität des dichterischen „Gesangs“ beziehungsweise der „gesungenen“ Dichtung herauszustellen und damit die Auszeichnung für den US-amerikanischen Songpoeten auf höchstem Niveau zu rechtfertigen.

Dass wir von Homer heute nichts mehr wüssten, wenn sein mündlich tradiertes Werk nicht auch schriftlich gefasst und als Text überliefert worden wäre, lässt sie unerwähnt. Wollte man den kühnen Vergleich zwischen den beiden Barden aufrecht erhalten, müsste man also fragen, was Dylans Lieder in Schriftform zu bieten und zur Literatur als solcher beizutragen haben. Davon war bisher noch kaum die Rede, und ob unter diesem Gesichtspunkt nicht vielleicht auch andere Liedermacher, etwa Leonard Cohen oder, viel früher schon, Wladimir Wyssozki, die hohe Auszeichnung ebenso (wenn nicht gar ein bisschen mehr) verdient hätten als Dylan, bleibe dahingestellt.

Rund zwei Dutzend Autoren standen in diesem Jahr auf der Wettliste für den Literaturnobelpreis. Da die anstehenden Kandidaten in aller Regel für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet werden, stellt man sich – rein rhetorisch – die Frage, wer von den akademischen Juroren (und wer überhaupt) in der Lage ist, das zur Beurteilung beziehungsweise zur Belobigung vorliegende Textmaterial auch bloss durchzublättern, geschweige denn kritisch gegenzulesen – es dürfte sich dabei alljährlich um Tausende, womöglich Zehntausende von Druckseiten handeln. Dass ein solches Lektüreprogramm auch für einen bestallten Akademiker, der mitentscheiden soll, wer den global gewichtigsten Literaturpreis inkl. Laudatio erhalten soll, nicht zu schaffen ist, liegt auf der Hand. Klar auch, dass allein aus diesem Grund die Qualitätskriterien stillschweigend verlagert werden – weg von den Texten, hin zu nichtliterarischen, eher zufälligen, den Autor als Person betreffende Gegebenheiten wie nationale oder kontinentale Zugehörigkeit, Gender oder politische Korrektheit. Derartige Prämissen sind allemal leichter auszumachen als künstlerische Verdienste, die anhand der Texte – und nur der Texte – dargelegt werden müssten.

Der Literaturnobelpreis sollte, meine ich, Leistungen honorieren, die für die Literatur als Kunst erbracht worden sind. Sicherlich ist es für einen Nobeljuror weit weniger aufwendig, sich ein paar „poetische“ CDs von Bob Dylan anzuhören als sich auf die unvergleichliche, widerständige, grossartig „instrumentierte“ Dichtung eines Dylan Thomas einzulassen, der bekanntlich auch ein begnadeter Sänger war, dem jedoch der Preis der Schwedischen Akademie ebenso versagt geblieben ist wie einer Marina Zwetajewa oder – im Bereich der Erzählkunst – einem Cesare Pavese, einem Danilo Kiṧ, einer Clarice Lispector.

Wer die Auszeichnung des betagten Liedermachers zum Anlass nimmt, die Akademie zur „Erweiterung“ oder „Öffnung“ ihres Literaturbegriffs zu beglückwünschen, übersieht, dass Öffnung und Erweiterung gerade in den Künsten eher zur Verluderung denn zur Stärkung führt. Nichts gegen Dylan als Komponisten und Interpreten – den Grammy hat er wohl schon mehrfach bekommen, aber was eigentlich soll ihm der Nobelpreis bedeuten und was kann, was wird diese Preisvergabe für die Sache der Literatur künftig bewirken?

*) Aber wieso regelwidrig? Das wäre es nur, wenn im Statut stünde, daß man den Preis nicht ablehnen und Anrufe der Akademie nicht verweigern darf, darf man? (fragt Lyrikzeitung)

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