Wie verkauft man Lyrik?

Tatsächlich kann man, was den deutschsprachigen Raum betrifft, kaum von einem Markt für Lyrik sprechen, solange bei gut 100 Millionen Muttersprachlern eine verkaufte Auflage von 500 Exemplaren als Erfolg gewertet wird.  (…) Bei einer 500er-Auflage gibt es im Mittel in Mainz, Linz oder Genf jeweils einen Käufer / eine Käuferin (da sie knapp über 200.000 Einwohnern liegen), während es in Kassel, Salzburg und Basel (knapp darunter) statistisch keine/n geben dürfte, von Bozen ganz zu schweigen.
Diesem wirklich überschaubaren Kreis von Käufern steht eine Dichtung gegenüber, die sich in den letzten dreißig Jahren auf die wunderbarste Weise entwickelt hat, mit einer solchen Vielzahl von unterschiedlichen Ansätzen und Strategien, dass das Missverhältnis von sehr guter Lyrik zu immer dünner werdenden Publikationsmöglichkeiten dazu führte, dass das Geschäft des Lyrik-Verlegens heute im Wesentlichen von kleinen, sehr kleinen oder sehr, sehr kleinen Verlagen geleistet wird. Genannt seien stellvertretend kookbooks, Edition Korrespondenzen, roughbooks, Peter Engstler Verlag, Verlagshaus Berlin, Reinecke & Voß, Edition Rugerup, Parasitenpresse, Quiqueg, hochroth und die edition AZUR, die jeweils ganz unterschiedliche Modelle entwickelt haben, um mit relativ wenig Geld relativ großartige Bücher machen zu können.

Mein Verlag, die Brueterich Press, setzt nun, ähnlich wie die roughbooks, auf ein Abo-Modell. / Ulf Stolterfoht, mehr im Freitag Blog

13 Comments on “Wie verkauft man Lyrik?

  1. Tatsächlich dürfte die Situation noch dramatischer sein. Denn nimmt man an, dass mögliche Leser zeitgenössischer Lyrik im deutschsprachigen Raum wahrscheinlich bequem im Dom zu Speyer Platz fänden, also nach Köpfen die Zahl 2000 kaum überschreiten, dann ist die Gegenwartslyrik beim Selbstgespräch angelangt: Lyriker schreiben Lyrik und lesen die anderer Lyriker. Man bleibt unter sich und die teilnehmende Zeitgenossenschaft zur „übrigen“ Gesellschaft findet durchaus auf allen möglichen Feldern statt, nur nicht in Sachen Lyrik.
    Tieftraurig für einen Sprachraum in dem ein „Buch der Lieder“ einst ein Bestseller war.
    Aber vielleicht hatte Heine etwas, das heute fehlt. Nur wem?

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    • Man muss unterscheiden zwischen Lyriknutzern, Lyriklesern, Lyrikkäufern und Lyrikschreibenden. Die Zahl der Lyrikkäufer dürfte dabei die kleinste sein, aber Lyriknutzer gibt es wirklich in großer Zahl. Man kann mit einer Website, die gut bei den entsprechenden Begriffen (z.B. Geburtstagsgedichte, Liebesgedichte) in Google gelistet ist, durchaus 10.000 Leute am Tag erreichen. Die Problemstellung wäre also: Wie macht man aus Nutzern Leser, die auch mal ohne Nutzanwendung sich nach Gedichten umschauen, und wie macht man aus Lesern Käufer, wenn man denn meint, dass Lyrik zwischen zwei Buchdeckel platziert werden muss. Unter pekuniären Aspekten muss sie eigentlich nicht gedruckt werden, denn das Online-Modell der vielgescholtenen VG Wort ist sehr lyrikfreundlich.

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  2. Immer wenn ich Kommentare von der Art Christoph Müllers lese, denke ich ernsthaft darüber nach, die Rotwildbrunft mal live zu erleben. Nur um des Vergleichs willen.
    Wer einen festgelegten und durchaus vormodernen Geschmack hat (hier: Konzinnität zum poetischen Paradigma erhebt), warum glaubt der bezüglich zeitgenössischer Poesie konstruktive Debattenbeiträge liefern zu können? Will er das überhaupt? Oder bloß plattmachen, was er verachtet?

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    • Der Versuch eine Situation zu benennen, selbst wenn er daneben liegt, bedeutet nicht, das zu verachten, was sich in besagter Situation so oder ähnlich vorfindet. Es geht auch nicht darum, die Lyrik verschiedener Epochen gegeneinander auszuspielen, was tatsächlich völliger Blödsinn wäre, sondern darum, die Offenheit für Lyrik jener Epochen miteinander zu vergleichen. Damit sind aber noch keine Urteile gefällt.

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  3. Nun ja, der Vorwurf, dass die Poesie nichts sage, wurde auch Heine zu seinen Lebzeiten (und lange danach bereits gemacht.) Seine Ironie sei eigentlich leerlaufend, indem sie jede Loyalität seines Textes irgendeiner Meinung oder Haltung gegenüber vollkommen untergrabe. Sie wissen es aus historischem Abstand besser, das wird Ihnen hier und da auch bei der Gegenwartspoesie so gehen. Und weil Sie grad „Sprachraum“ sagen, man ist auch in anderer Hinsicht natürlich nicht unter sich: http://oskicat.berkeley.edu/record=b23251494 (Wenn mans denn läse, würde man natürlich etwas über teilnehmende Zeitgenossenschaft von Lyrik und Lyrikern etwas in Erfahrung bringen.)

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  4. dass lyrik immer schon etwas mit selbstgspräch zu tun hatte, erfahren sie hier, werter christoph müller:
    Anja Utler: „manchmal sehr mitreißend“. Über die poetische Erfahrung gesprochener Gedichte. Bielefeld ([transcript] Verlag) 2016.

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    • Ohne Selbstgespräch kein Gedicht, keine Komposition, kein Kunstwerk. Aber das Ausgangsthema war die Mitteilung, die Außenwirkung, der Kontext und, indem es um „Verkauf“ ging, auch der Markt für Lyrik. Der ist sehr klein. Wer nach den Gründen dafür fragt, der fragt also nach den Bedingungen, in denen sich die Lyrik aktuell vorfindet. Den von Ihnen empfohlenen Text von Anja Utler werde ich gerne lesen.

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    • 29,99 Euro für schlappe 216 Seiten soll man für den Utlerband löhnen. Da muss man nicht groß herumrätseln, warum es Lyrik (auch) schwer hat. 20, 22 oder auch mal 25 Euro für 80 bis 120 Seiten sind bei neuerschienenden Lyrikbüch(lein) ja durchaus keine Seltenheit.

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  5. Ja, ist ein großes Problem mit solchen Preisen, zumal anspruchsvolle Gegenwartslyrik in Bibliotheken selbst in größeren Städten oft schwer zu greifen ist. Da muss man wahrlich nicht rätseln, ist für die Lyrik ein Problem, aber keines, dass von der Lyrik gemacht wurde: Denn wenn Lyrik so wenig gekauft wird, muss sie, wo sie nicht auf noch weitgehenderer Selbstausbeutung beruhen soll, recht teuer sein, um die Sockelkosten (Satz / Gestaltung / Druck, gegebenenfalls Übersetzung etc.) zu stemmen. Alles, was günstiger ist, beruht entweder auf Zugeständnissen an Sorgfalt, zusätzlichem Engagement für die Leser oder Im besten Fall auf irgendeiner Querfinanzierung oder Förderung. (Von der man sich von Fall zu Fall nicht abhängig machen möchte.)

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  6. störend finde ich an der obigen kritik auch die quantitative betrachtungsweise: soundsoviel seiten für soundsoviel euro. dagegen könnte man die ergiebigkeit setzen: bei prosa halten 30 seiten nur eine stunde, bei gedichten eine seite potentiell mehrere tage. ist aber alles quatsch und ich schließe mich bertram an

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