Haus für Poesie

Jetzt ist die Literaturwerkstatt, die nach einem Zwischenspiel in der Brunnenstraße 2004 in die Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg gezogen ist, unter der Leitung von Thomas Wohlfahrt so groß geworden, dass sie nicht mehr Literaturwerkstatt heißen will. Und weil sie dadurch groß geworden ist, dass sie sich mehr und mehr auf die Lyrik konzentriert hat, steht auf der Tafel, nachdem Wohlfahrt sie im Verein mit dem Regierenden Bürgermeister von ihrer violetten Hülle befreit hat: „Haus für Poesie“.

In dem Namen stecken zwei Botschaften. Die eine ist: Wir sind in Berlin die erste Adresse für Lyrik, wir widmen uns der Stärkung der Dichtkunst als eigenständiger, starker Ausdrucksform, wir haben die 1999 gegründete Website lyrikline.org zu einem großen Archiv der Dichterstimmen gemacht, wir organisieren das internationale Übersetzungsprojekt VERSschmuggel, wir richten alljährlich das ZEBRA Poetry Film Festival aus und das Internationale Poesiefestival und nicht zuletzt alljährlich den Open Mike. Der ist allerdings kein spezieller Lyrik-Wettbewerb, sondern ein allgemeiner Nachwuchswettbewerb.

Die zweite Botschaft steckt darin, dass dem „Haus für Poesie“ mit der Werkstatt und der Literatur auch der Ortsname abhanden gekommen ist. „Haus für Poesie Berlin“ mag es nicht heißen, das klingt ihm zu regional, war es doch als „Deutsches Zentrum für Poesie“ konzipiert. Unter diesem Titel lief die Kampagne, durch die im Jahr 2013 die Literaturwerkstatt zu einer nationalen Institution werden und an die Seite des Deutschen Literaturarchivs Marbach, der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt und der Klassik Stiftung Weimar treten wollte. Das Ziel war: „Die Literaturwerkstatt Berlin legt den Grundstein und geht im Deutschen Zentrum für Poesie auf.“ Aus diesem Upgrading ist nichts geworden; es gibt in Deutschland, in Berlin viele Orte, die auch eine Menge für die Lyrik tun, aber im Verzicht auf eine Ortsbindung lebt im „Haus der Poesie“ der nationale Anspruch fort. Nichts schlimmer, als wenn bei der Weihe eines neuen Hauses pathetische Weihestimmung herrscht. Die Gefahr wurde im Roten Rathaus durch den Dichter Oswald Egger erfolgreich gebannt. Ihm fiel die Ehre zu, die neue Institution mit der alljährlich gehaltenen „Berliner Rede zur Poesie“ zu eröffnen. Und er bedankte sich, indem er in seinen Satzgirlanden, Wortkaskaden, und Anagrammen keinen Stein auf dem andern ließ, schon gar nicht die Steine eines Hauses für Poesie. „Ist die Poesie ein Schul- und Hausmeisterlein – aus Deutschland?“ „Wer ist diese Poesie, die jetzt kein Haus hat, und – wird sie lange bleiben? Sitzt sie in einem Haus mit Telefonen? Wer ist sie? Sind wir sie? Alle? Sie? Ein Haus mit tausendzwei Stockwerken, und sie denkt in meinem Kopf, da kämpft sie, wo ich wohne, sie ist heimisch, nicht vertraut“ (nachzulesen in Oswald Egger:Was nicht gesagt ist. 1. Berliner Rede zur Poesie. Wallstein Verlag, Göttingen 2016. 48 S., 12,90 Euro.) / Lothar Müller, Süddeutsche Zeitung

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