Das lange Gedicht

Mit der unterkomplexen Rezeption der Thesen zum langen Gedicht wurde leider eine der letzten Ausfahrten verpasst, Lyriktheorie ausgehend von einer ästhetischen Theorie der Literatur zu denken. Es wurde zu wenig über das poetologische Potential der Thesen gestritten, stattdessen zankten sich die Beteiligten um Bagatellen wie das richtige Verhältnis zur lyrischen Tradition und den unmittelbaren Mehrwert von tagespolitischem Agitprop. Der Literatur wurde nichts zugetraut, in die Politik als Streit herrschte kein Vertrauen. (…)

Was also soll es sein, das lange Gedicht? Die Thesen beantworten die Frage nahezu agitatorisch. Das lange Gedicht gilt Höllerer entsprechend der Logik seiner Begründung paradigmatisch als freizügig, was die Weise, die Welt zu betrachten, betrifft. Da es nicht durch den Anspruch eines regelpoetischen Gesetzes fixiert ist, wirkt das lange Gedicht demokratisch, alles soll darin Platz finden (Hoch- wie Unkultur), der Emanzipation soll eine Schaubühne bereitstehen: »Die Republik wird erkennbar, die sich befreit« (These 3). Als Gattung der Moderne ist das lange Gedicht »schon seiner Form nach politisch« (These 2). Die Darstellung einer möglichen Welt (These 5) ist dem Rückzug aus der Realität und der Tendenz zum Verstummen (These 14) vorzuziehen. Nichts zuletzt geht es um die Parteinahme für eine freie Gesellschaft, die der in zu vielen Gedichten noch bedachten eitlen und elitären »Preziosität und Chinoiserie« unbedingt und gerade jetzt entgegenzuhalten ist. – Das lange Gedicht hat nach Höllerer vielleicht nur ein Thema: die Gemeinschaft – und damit ein Thema, groß genug, tonnenweise heterogensten Stoff in seiner Zusammensetzung durchzuspielen (These 13). Und es verweist, nicht ausschließlich, aber zwangsläufig, auf einige US-amerikanische Säulenheilige wie Gregory Corso, Allen Ginsberg und vor allem Charles Olson, die es Stand 1965 alle zumindest einmal geschafft hatten, ein Gedicht fertigzustellen, von dem in den Thesen die Rede sein könnte. / Maximilian Mengeringhaus: »Zur Hölle mit den kurzen Gedichten …  … zu Höllerer mit den langen.«. Die Erfindung des deutschsprachigen Langgedichts, Suhrkamp Logbuch

Walter Höllerer: Thesen zum langen Gedicht, in Akzente (1965, Bd. 2), S. 128-130, wiederabgedruckt in Hans Bender / Michael Krüger (Hg.), Was alles hat Platz in einem Gedicht. Aufsätze zur deutschen Lyrik nach 1965, München 1977

One Comment on “Das lange Gedicht

  1. Anregung für das Ende:
    Ergänzt werden könnten »ultraorthodoxe Hardliner«:
    5. ›Was ein Gedicht ist, darf man nicht fragen.‹

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