Nicht ohne schamanische Reste

Ich lasse die Verbeugung vor dem Zweitgeist* weg und gehe gleich zum Wesentlichen in Gregor Dotzauers Rundblick um die Neue deutsche Lyrik im Jahr eins „nach Jan Wagners Sieg“:

Ágnes Nemes Nagy, die bedeutendste ungarische Dichterin des 20. Jahrhunderts, hat aus gutem Grund die Steinzeit als die glänzendste Epoche des Gedichts bezeichnet. „Da hatten sie es so richtig gut: die Poeten, die Schamanen, die Herbeizauberer des täglichen Fleisches, oder Verwalter der Geister“, schreibt sie in ihrem Essay „Büffellos“, der ihren von Franz Fühmann nachgedichteten Band „Dennoch schauen“ beschließt. „Seit wir nicht mehr verlangen, dass Gesangsverse, Rituale und Tänze imstande seien, Büffelherden vor uns hin zu treiben, hat die Glorie des Künstlers begonnen, Abnutzungserscheinungen aufzuweisen.“ Die Poesie, sagt sie mit Blick auf die Bisons an den Höhlenwänden im spanischen Altamira, „ist seit ein paar tausend Jahren büffellos.“ Aus dem magischen „So-als-ob“, dem Glauben an kausale Einwirkungsmöglichkeiten auf die Wirklichkeit, wurde ein „So-als-ob-es-lebte“, der Auftrag zur naturgetreuen Nachahmung. Die Mimesis wiederum, die etwas auf Anhieb Wiedererkennbares herstellen sollte, zerfiel unter dem Ansturm der modernen Naturwissenschaften in einzelne Formelemente, in denen das Analytische über das Synthetische triumphiert: Man wollte, in der Meinung, dem Geheimnis der Kunst so auf die Spur zu kommen, die ästhetischen Botenstoffe isolieren.

Ágnes Nemes Nagy definiert damit das Spannungsfeld, in dem sich die Poesie bis heute bewegt. Ohne schamanische Reste ist sie undenkbar. Ein Ausdrucks- und Darstellungsbedürfnis lässt sich ihr nicht austreiben. Zugleich sucht sie nach ihren sprachmaterialistischen Grundlagen und neigt im Experimentellen zu einer Objekthaftigkeit, die nur sich selbst repräsentiert – nicht das, was man gemeinhin den Sinn von Gedichten nennt. / Tagesspiegel

*) den Tippfehler lass ich stehen, vielleicht ergibt sich was

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