säge

Aus der Diskussion bei Hundertvierzehn

MIRKO BONNÉ
Eine der vornehmsten Tischleraufgaben ist es in meinen Augen, ein Ding vor mich wiederhinzustellen, zu sagen „Ihr Tisch, bitte!“ und mir dann das Wiedererkennen zu schenken – des Tischs, der Mühe, des Begriffs, des Worts. Und ich setze mich dann. Und stelle mir manchmal vor, wie es gewesen sein mag für diesen tatkräftigen Menschen, das Sägen, Einpassen, Zusammenleimen und Probesitzen, Probeabstellen und -verschütten.
Das Sonett von der Säge hat es vermocht, mich in den letzten Tagen immer wieder über das Sägen, die Säge, das Säg- und Sagbare nachdenken zu lassen. Ein schönes Glück, herausgesägt aus dem Irrsinn der Zeit. Eine der vornehmsten Widerstandshandlungen des Dichters ist es in meinen Augen, die Dinge in ihrer Unwirklichkeitsneigung aufzuhalten. Dem Sonett „säge“ gelingt das durchweg, am eindringlichsten aber in seinem Couplet, wo es wohl nicht zufällig neben das Metrum sticht.“

DIETER M. GRÄF
Der Kommentar von Mirko Bonné schiebt sich mir gerade vor das verhandelte Gedicht. Ich stimme überein, dass es wertvoll ist, die Gegenstände, mit denen wir umgehen, zu beachten, zu würdigen, zu untersuchen. Die meisten bekommen ihren Tisch ja nicht maßgefertigt vom Tischler, sie kaufen ihn irgendwo. Seine Bestandteile, wie die unserer Kleidung oder unseres Essens, weisen womöglich in die ganze Welt. Fremde Menschen sind beteiligt, in der Regel gehen sie ihrer Arbeit nicht nach, um ihre Vornehmheit auszuleben, sondern um sich zu ernähren, zu Arbeitsbedingungen, die unterschiedlich sein mögen, so wie die Erdteile und Gegenden, in denen sie sind. Gegenstände so zu sehen, führt freilich nicht zum „schöne(n) Glück, herausgesägt aus dem Irrsinn der Zeit“, eher zum Gegenteil. Aber ist das nicht Manufactum-Biedermeier, was Bonné da ausruft? Mit Tischleraufgaben, die verschiedene Abstufungen des Vornehmseins kennen und Widerstandshandlungen, denen ebendies auch gegeben ist? Geht es darum in den Künsten des 21. Jahrhunderts? Edles Handwerk mit guter Tradition, Veredelung, schönes Glück? „Ihr Tisch, bitte“?

ANLÄSSLICH DES GEDICHTS „SÄGE“ AUF HUNDERTVIERZEHN.DE

(Weitere Kommentare dort von Ilma Rakusa, Alban Nicolai Herbst, Hubert Spiegel u.a.)

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