«Bücher zu retten»

« Muss eigentlich immer jemand sterben, bevor man offen reden kann ? » (U-Z, Durchzug eines Regenbandes, s.357)

NACHDENKEN AN ULRICH ZIEGER –

Wenn Sie sich des öfteren an Terrassen von Kaffeehäusern aufhalten oder gelegentlich Literaturabende besuchen, dann ist er ihnen mit seiner kolossalen Statur und seinem markanten Sprachgestus aus purer Unmittelbarkeit sicher im Stadtbild aufgefallen. Ulrich Zieger lebte seit 26 Jahren in Montpellier, etwa die Hälfte seines Lebens. Er ist vor kurzem hier verstorben. Mit ihm ist eine Bibliothek verbrannt. Die deutsche Sprache leidet unter der Bürde der Kriegsschuld, die von den krassen Spracheinschnitten aus der Schauderzeit des Dritten Reichs belastet mitlang vergessen lässt, dass sie wie eine romantische Melodie klingen kann. Als Archäologe der deutschen Sprache hat sich Ulrich zeitlebens damit beschäftigt « Bücher zu retten » um den vielschichtigen Reichtum des Vokabulars vor Überfüllung oder Verwirrung durch das mittlerweile gang und gäbige « Neusprech »-Kauderwelsch zu bewahren. Deshalb wurde er auf der gegenüberliegenden Seite des Rheins sowohl bewundert als auch verkannt : bewundert für sein umfangreiches Werk aus Theaterstücken, Drehbüchern, Gedichten, Erzählungen und Romanen, welches sich durch eine imponierende Ausdruckskraft und sprudelnde Sprache auszeichnet, aber auch verachtet oder ignoriert von der Durchschnittlichkeit der Rechtdenkenden, die alles hassen was frei aus der menschlichen Substanz schöpft, in dem sich poetisches Denken aus Tränen, Staunen und Lachen formt. Bekanntlicherweise muss ein Schriftsteller für jedes Buch, mit der er an die Öffentlichkeit tritt, Schmerzensgeld zahlen : sein letztes Werk, « Durchzug eines Regenbandes », an dem er in zehn Jahren Einsamkeit arbeitete, kam im letzten Frühjahr bei Samuel Fischer heraus, einem deutschen Verlag, der hierzulande etwa mit Grasset zu vergleichen ist. Um es kurz zu machen : die Konsekration. In Frankreich hat er des öfteren für « Greges « geschrieben. Insbesondere einen Gedichtband « L’atelier / Die Werkstatt », den auch französische Leser in der Übersetzung von Lambert Barthelémy so lesen können wie er geschrieben wurde : im Rhythmus des Kalenderjahres, dem Wandel der Jahreszeiten folgend. Ihm, der von den fundamentalen Werten der ehemaligen DDR* schmerzlich – weidwund – geprägt war, dem nichts wichtiger war als Überlieferung, hat unter anderem Jean Genet, den Friedenspreisträger Boualem Sansal und Stephane Mallarmé aus dem Französischen und Keith Barnes aus dem Englischen übersetzt. Wir hoffen, dass sich die Arbeit an der Übersetzung seiner Gedichte und Prosa jetzt intensiviert, damit sich auch dem französischen Leser möglichst bald ein Zugang zu einem Meisterwerk der deutschen Gegenwartsliteratur öffnet.

Gerhard Bauer, Gaëlle Reynaud

*Hier wird auf die ursprünglich politisch-philosophischen Werte und nicht auf das Staatsregime der DDR hingewiesen. Ulrich war ein freizügiger und aufmerksamer Mensch. Obwohl ihn die Repression und das pathologische Kontrollbedürfnis des sogenannten sozialistischen Systems von Grund aus anwiderten, waren ihm die kommunistischen Ideale wertvolle Richtlinien.
Dieser Nachruf sollte ursprünglich in einer lokalen Wochenzeitschrift in Montpellier veröffentlicht werden. Er wendet sich an ein breites französisches Publikum. Obwohl uns der Text in Auftrag gestellt wurde, blieb er bislang, aus uns nicht bekannten Gründen, unveröffentlicht. Er kann jetzt frei von Urheberrechten, auch ohne unsere ausdrückliche Genehmigung, verbreitet werden.

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