Es gibt eine ukrainische Nation

In der Zeit machte sich – wie schon etliche deutsche Politiker und Historiker vor ihm – der Historiker Jörg Baberowski die offiziell-russische Sicht auf die ukrainische Geschichte zu eigen. Jetzt widerspricht der Historiker Ulrich Schmied:

Eine ukrainische Nation habe es im 19. Jahrhundert überhaupt nicht gegeben, sie sei vielmehr ein Kind der sowjetischen Nationalitätenpolitik. Die Westukrainer hätten mit Hitler kollaboriert, während die Ostukrainer als Soldaten in der Roten Armee kämpften. Die Geschichtserinnerung sei deshalb im Westen und im Osten grundsätzlich unterschiedlich: Hier fühle man sich als Opfer der Geschichte, dort als Sieger. Erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sei die Ukraine „dazu verdammt“ gewesen, eine Nation zu werden.

Diese holzschnittartige Darstellung präsentiert eine dezidiert russische Sicht der Dinge und blendet zentrale Elemente der ukrainischen Kulturgeschichte aus. So trifft es nicht zu, dass Kiew und Charkiw vor und nach der Revolution keine Orte „nationaler Selbstvergewisserung“ gewesen seien. Das Gegenteil ist wahr: Die sogenannte romantische Schule von Charkiw war in den 1830er Jahren ein prominentes Zentrum der ukrainischen Nationalbewegung; und die Kyrill-Methodius-Bruderschaft, aus deren Kreis die erste nationale Programmschrift stammte, formierte sich 1845 in Kiew. In beiden Städten gab es wichtige ukrainische Geheimgesellschaften, die sich gegen die repressive Russifizierungspolitik des Zarenreichs stellten. Und in den 1920er Jahren waren Kiew und Charkiw blühende Zentren des ukrainischen Modernismus.

Ukraine in L&Poe

Der ukrainische Dichter Taras Schewtschenko in L&Poe

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