Lesen und Schreiben

Angelika Janz schreibt bei KuNo über Lesungen und andere Aktionsformen, Zitat:

Im kalten Februar 1979 begab ich mich frühmorgens, ausgerüstet mit einer Tüte Kreide, in die Essener Innenstadt und beschrieb auf Knien– die Texte langsam mitsprechend- die Fußgängerzone ab der Bahnhofsrolltreppe bis weit hinter die Kaufhauszone mit z. T.  auswendigen eigenen wie auch augenblickshaft entwickelten Texten. An diesem Samstagmorgen sollten die Menschen die Texte mit ihren Schritten davontragen. Trotz von einigen Ladenbesitzern herbeigerufener Polizei, hingeworfenen Bettelgroschen und bald sich einstellender Presse (ein winziges Artikelchen „Schriftstellerin geht auf die Straße“, die  – so erklärte es sich der Schreiber, aus Publikationsnot das Pflaster zu beschreiben gezwungen sei) und einer Menge Mitleser, Zuhörer und ideologischer Begleiter hielt ich  – mit einigen Diskussionspausen – bis in den Abend durch und genoss in der Dämmerung in klirrender Luft und mit steif gefrorenen Gliedern  (und geschwollenen Knien) das wunderbare Bild einer mit Literatur in der ganzen Breite vollgeschriebenen Fußgängerzone, über das die Menschen eilig liefen und so an seinem Verschwinden arbeiteten. Ich hatte diese Aktion am selben Morgen erst entschieden und hatte sie sie in der UBahn auf dem Weg dorthin „Schreiben wie gehen“ genannt.

Eine weitere Aktion zu Beginn der 80er Jahre kehrte den Prozess der Literaturproduktion um: Ich stand im Dunkeln auf einer zu einem Boot geformten Folie gefüllt mit blutroter Farbe. Im Hintergrund wechselten in loser Folge  große Diaprojektionen von beliebigen Szenen aus Ländern aller Kontinente. „Böse Bilder rächen sich auch später nicht aber spätestens“. Das Gedichtfragment, das auf einer weißen Wand mit schwarzen Anstreicher- Schablonenbuchstaben aufgebracht war, sprang ich mit in der Farbe getauchten Füßen vor den wechselnden Projektionen so lange an, bis es unkenntlich war und an der Wand nur noch ein zerfranster roter Flecken – einer imaginären Landkarte gleich – zu sehen war.

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