„Ausgeufertes Rezensionstagebuch“

Ann Cotten rezensiert bei lyrikkritik.de die Bände der Poeticon-Reihe von J.Frank.  L&Poe präsentiert weitgehend dekontextualisierte süße und bittere Mandeln aus dem langen, funkelnden und üblich-scharfen Text.

GROSZBUCHSTABEN

Ein ausgeufertes Rezensionstagebuch über die Reihe „Poeticon“ im J. Frank Verlag.


Wie arrogante Sprüche auf Jutesäckchen: Großes Maul, schlechtes Material. Das könnte eine Formel für Frechheit und Jugend sein. In diese Mode fügt sich die Reihe wohl ein. Freilich messen sich diese kleinen Fibeln dadurch mit anderen Miniaturausgaben: Kapital, Koran, Bibel. Es gibt Ähnlichkeiten – auch in letzteren beiden steht viel Blödsinn drin.


Jetzt quäle ich mich wie ein Moralist durch die Heftchen und beschwere mich über die Ödnis, während ich doch eigentlich eine hitzköpfige, intolerante Leserin bin und lieber die Lektüre abbreche und spazierengehe, als zu leiden und nachher dem Autor Vorwürfe zu machen.

Aber es geht um die Poesie! Und um die Theorie! Ich lese weiter.


Wieder eineinhalb Seiten. Es ist wie ein Spaziergang am Meeresstrand. Schon irgendwie entspannend, wenn ich mal mein Erkenntnisinteresse vergessen könnte.


In einigen Endnoten steht a.a.O., obwohl die Referenz zum ersten Mal vorkommt. Am Oarsch, Oida! Das schreibe ich nur hin, um zu dokumentieren, dass das sehr wohl jemand bemerkt.


Ich kenne das und misstraue dem bei mir selber auch: das irre, das durch literarische Reproduktion meines Privaten so angeschwollene Selbstbewusstsein, mit dem ich imstande wäre, ein Pferd zu satteln und Richtung Nordpol loszureiten, ohne Jacke und ohne Pferd. So froh, den Zweifeln entkommen zu sein!


Es plätschert „ich finde“, „meine liebsten“, „wie ich immer so“ dahin, als schlenderte Ötzi mit seiner Kollektion von Bookmarks durch die Eiszeit.


Martina Hefter bringt auf S. 13 auf den Punkt, was ich über sie auch manchmal empfinde: „fröhlich (…) darüber, was sich da einer getraut hat“. Wenn bloß alle, wie sie, das Wagnis als Beginn einer tollen Arbeit begriffen, und nicht bloß als Ende des Nicht-Wagens!


Dass das stimmt und ich nicht bloß schlechte Laune habe, beweist mir später B. Reineckes Essay. Er erfüllt, bis auf die allerletzten paar Seiten, ganz und gar das von einem Essay erwartbare Niveau: nämlich, nicht sichtlich für Idioten geschrieben zu sein. Ernsthaft das Kriterium der Nützlichkeit zu verwenden, um die Pointen zu schärfen und mit intelligentem Urteil zu gewichten. Sich beim Schreiben nicht blöd zu stellen.


O ich auch, ich auch, ich hasse auch diese deutsch-wichtigtuerische „Bedeutung“, dieses ehrgeizige Flammenzünglein, das immer so viel Unrat hausieren trägt.


Bei der sich dem Publikum übergebenden Kunst (Es klingt wie Kotzen – und in der Tat ist eine Entsprechung aufzufinden, dieses Übergeben seiner Selbstquälereien an die Außenwelt erlöst das Subjekt; jemand anderer muss das Gift und die Materie der Transaktion aufputzen.) ist das Ausmaß des Auf-sich-selbst-geworfen-Seins nicht begrenzt.


Das ist es gerade. Ich ja auch nicht. Es ist vielleicht nicht die Zeit, es gibt auch nicht das rechtschaffene Publikum, das einen motivieren könnte, sich zu ordnen. Was kann man voraussetzen, was muss man erwähnen, was muss man dreimal in unterschiedlichen Kontexten erwähnen, damit es klar wird? Das Gegenüber ist das Interface vom Internet, ein unendliches Palaver. Wir treffen uns informell und üben schlecht strukturierte Gespräche. Und dann soll plötzlich eine poetologische Essayreihe die Welt retten?


Ich glaube, ich habe ein idealisiertes Englandbild und bevölkere die Insel mit lauter Sternes und Byrons, ach.


… Schopenhauers, des heldenhaftesten aller Grottenolme …


Das hätte auch fast ein deutscher Witz werden können.


… eine mit herbeibemühten Zitaten gewappnete Tirade gegen Reime und gegen schlechte Dichter. Sie werden vage in Zusammenhang gestellt, unklar bleibt, ob das Benutzen von Reimen dazu führt, dass man ein schlechter Dichter wird (Vorwurf: schlechte Gewohnheit, schlechte Gesellschaft), oder man Reime verwendet, weil man ein schlechter Dichter ist (Vorwurf: schlechter Geschmack).


… ob Grünbein wohl durch Elektrotherapie in größere Erregung versetzt, vermayröckerisiert werden könnte?


Grünbein behauptet natürlich auch Freiheit der Kunst, aber er empfindet und genießt und nutzt sie nicht, nicht einmal die des Künstlers. Er unterwirft sich den verschiedenen Disziplinen, dem Denken etwa, der Gefälligkeit und dem kreativen Ehrgeiz. Das ist nicht etwas, was man sich aussucht. Bestimmt würde er gerne innerlich so frei sein wie die Mayröcker. Deswegen ist seine Kunst viel verseuchter von den Irrtümern, Dummheiten, Eitelkeiten und vor allem falschen Befriedigungen, falschen Zielen seiner selbst, seiner Umgebung und seines Publikums, dem er als Mensch und als Dichter auf eine ja irgendwie natürliche Weise gefallen will – unfrei eben. Das macht ihn mir interessanter. Wegen dieser Schwäche oder aber auch dieser größeren Sich-selbst-Ausgesetztheit als Bürger und neureichen Schwärmer ist mir Grünbein irgendwie – verständlicher. Vielleicht aber liegt die Sympathie nur daran, dass ihm alle seine Verbrechen gegen den Geschmack und gegen die Hochherzigkeit, die er doch in den Gedichten mit großen Worten herbeischreiben will, gnadenlos vorgeworfen werden (auch wenn er nichtsdestotrotz eine große Fangemeinde hat – in meinem Bekanntenkreis ist niemand, der ihn schätzt). Mayröcker hingegen darf scheinbar alles. Was natürlich auch eine Frage des Alters ist, was den Zweiervergleich an sich ja schon bei Crauss ein wenig hinken machte.


Pathos? Ja, aber nur durchgestrichen bei Ron Winkler!


Und irgendwas in mir schreit immer, es ist wohl schon wieder der innere Psychoanalytiker: hört doch endlich auf, diese warmen Herzen von ostdeutschen Männern und Frauen zu dieser zwanghaften Sicherheitsironie zu zwingen, Diskurse!


Ein Prachtsatz, überladen mit abgenudelten, einander widersprechenden Metaphern und Floskeln, unentschieden zwischen zwei uralten und auf mehrfache Weisen kaputten Bildern.


(wer, übrigens, die Grazien „Damen“ nennt, sollte eigentlich als aus dem jungen Teil der Literatur ausgeschlossen gelten und eine Schweigepension Eierlikör bekommen)


Poetisiert euch = Nett sein, Leute! Aber auch wahr sein, und nicht schummeln!


… das Rohöl der Kulturwirtschaft


ND ist aber auch ein moralisierendes Ödpack.


… angesichts der vielen nach ihrem eigenen Verständnis urteilenden Vollkoffer …


Fußnoten sind dem Menschen zumutbar!


Es ist jetzt angemessen, den Griff zu entkrampfen, Ann.


Das kann man sagen. Da stimmen auch die Eltern zu.


Man merkt, das Kuhlbrodt ein paar Jahrzehnte liest, und zwar ernsthaft auch seit langem, vielleicht aufgrund der im Essay erwähnten Ermahnung eines Philosophieprofessors, sich der Werke, die man liest, nicht als Trümmerhalden zu bedienen, sondern ihre inneren und metatextuellen Zusammenhänge nachzuvollziehen. Ernsthaft meint vor allem, dass auch denkbar ist, aufgrund von Lektüre seine eigene Überzeugungen zu ändern. Was ich bei anderen dieser Reihe nicht vermuten würde, die das Zitatesamplen scheinbar bloß als Deko für ihre bevorzugten Ansichten betreiben.

Kuhlbrodt ist kein Denker-Grübler in dem Sinn, dass er Sachen bis in alle Winkel zu verfolgen wichtiger fände als deren Bezug zum Leben. Das ist sehr angenehm und angemessen. Er ist eher ein Naturgrübler, also ein nachdenklicher Mensch, der im Leben steht (auch als Position für einen Lyriker eigentlich nicht schlecht) – und nicht einer von diesen Gespenstern (wie ich tendentiell), die sich in die Theorie flüchten, um der Wirklichkeit zu entgehen. Wobei das natürlich auch ein Bezug zur Wirklichkeit ist.
Und wie er „ich“ schreibt, der Kuhlbrodt, so schlicht und normal!


„Wer sich seiner Sache nicht sicher ist, wie wir wohl alle uns nicht sicher sein können, sollte sich mit eigenen Weissagungen zurückhalten und Weisgesagtem gründlich misstrauen.“ Alle, also, seien immer unsicher, mundtot und misstrauisch. Das ist natürlich auf Anhieb ein erfrischendes Antidot zur Ode an die Freude, aber möge bloß Kassandra das nie hören! Das Problem ist, dass so nur diejenigen Idioten als Propheten überbleiben, denen nicht der leiseste Selbstzweifel einfällt. Ja, im Grunde ist es eh so. Und doch ist auch diese Forderung nicht so unsympathisch in ihrer Bevorzugung des Fressehaltens.


… Mangel an prinzipiellem Zweifel an seiner Methode. Für die gibt es halt ein Publikum, das sich gegenseitig darin bestärkt, das Verlogene, was ich an dieser Art von raunenden „Aufarbeitung“ oder bloß ergebnislosem Rumthematisieren so stark spüre, zu verleugnen.


… und ich bin hochzufrieden mit der Aussage „Geschichte ploppt herum wie in einer Betonmischmaschine.“


… soll die Motivation, die das Gedächtnis hat, zu schummeln und sein Material zu schlüssigen oder von der Gegenwart nachgefragten Eindrücken zu verarbeiten, ausgetrickst werden. Wenn das aber in kollektiven Ästhetiken und Moden, oder gar in Hinblick auf Lob geschieht, schlägt der Trick fehl. Deswegen ist wohl nicht prinzipiell und allgemein zu empfehlen, mehr Geschichte in die wohl buhlerischste aller Literaturformen, die Lyrik, einzuspeisen. Durch die bekannte Dunkelheit da drin, auch Mehrdeutigkeit und Idiosynkratik, die dominant geworden sind als radikal persönliche Ausdrucksweisen, ist viel Unfug, auch sehr blöder und brutaler, möglich.


Und obwohl das nicht sonderlich visionär klingt, geht es in Politik und Geschichtsschreibung in Wirklichkeit meistens um Schadensbegrenzung, also genau um dieses von Kuhlbrodt skeptisch beäugte Gatter der Freiheitsermöglichung innerhalb definierter Grenzen (bis zur Gewalt gegen andere, u.s.w.). Die euphorisierende Theorie ist von Schiller und Hölderlin schon in ausreichender Menge formuliert worden, in und aus unserer Zeit, wo wir uns zu recht viel weniger träumend mit der ganzen Menschheit verbunden fühlen. Da wir durch die verbesserte Informationsverbreitung nicht mehr die Naivität bezüglich Kolonialismus und Ausbeutung besitzen können wie die genannten, geliebten Dichter –
sollten wir lieber nicht versuchen, sie zu imitieren, sondern –

naja, das ist offen.


„Wie kann man den Versteher aushalten?“ Die argen Sätze sind wie zur Tarnung unter allerhand losem Geplapper versteckt.


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