27. Prigent nachdichten

Dass Christian Prigent endlich wieder in Deutschland präsent ist, verdankt sich der Arbeit der lettrétage, die mit ihrem Literaturprojekt ¿Comment! Lesen ist schreiben ist lesen auch mit Christian Prigent neue Wege der Literaturvermittlung beschritt und ihn dank der Übersetzer und Kuratoren Aurélie Maurin und Christian Filips wieder in die Diskussion brachte. Leider blieb Prigent selbst in seinem Heimatland Frankreich bis heute ein Autorenautor, der als Impulsgeber bis auf andere Autoren kaum Leser hat. Obwohl er sechs Jahre in Berlin lebte, gibt es im deutschsprachigen Raum nur einzelne Übersetzungen in Zeitschriften wie Zwischen den ZeilenSchreibheft und La mer gelée. 45 Jahre nach seinem Debüt kriegt er nun doch noch eine deutsche Übersetzung in Form einer Einzelpublikation.

Mit Übersetzungen aus dem Französischen schauts ja generell ziemlich mau aus, da klafft hinter Yves Bonnefoy und Philippe Jaccottet ein grosses Nichts. Auch der unlängst verstorbene, und der für die französische Dichtung grosse Erneuerer, Bernard Heidsieck ging dem deutschen Sprachraum gänzlich durch die Lappen.  (…)

Um die akribische Wortarbeit Prigents nachzudichten, braucht es vor allem Mut. Mut, sich auf die anamorphose Groteske einzulassen. Nur leider werden weder die Wortamalgame und -Schichtungen nachgedichtet noch die Sinnanreicherungen durch Trennungen und Enjambements. Vielmehr werden lieber Umwege gegangen.

et ca scul
pta méticul
eusement l’ori
fils horri
blement vide

und diesen skull
geschnitzt aus mull
akribisch die söhne
geöffnet schröck
lich leer das ich

Hier verlangt es eigentlich eine Nachdichtung, die versucht dieses ästhetische Vorgehen in ein ähnlich semantisches Feld einzubetten, anstatt das Gedicht auszubuchstabieren und totzuschreiben, und dabei nicht einmal alle Bedeutungen mit einzuschliessen, weil die Peseten (« pta ») oder der mitklingende Lori (l’ori) vernachlässigt wurden. Aber wie würde eine gerechte, riskante Übersetzung ausschauen? Vielleicht so?:

und diese pin
gelige schilling
elplastik der po
röse hallodri pan
isch leer

Vielleicht ganz anders, zumindest aber mit ein bisschen mehr Vertrauen in die Praktik des Originals. Dann könnte man auch so Wortverschmelzungen wie « pullulation » im Deutschen stehen lassen, weil man hier Pollution und Population genauso versteht, oder man müsste « carnaval » nicht als „Fastnachtsfleich“ übersetzen, wobei das zwar sprachlich sehr gelungen ist, aber eben nicht die Poetologie Prigents widerspiegelt, wonach die vielleicht einfachste Lösung im Deutschen „karnival“ wäre, also die Verschmelzung von karnivor und Karneval. / Walter Fabian Schmid, Signaturen

Christian Prigent: Die Seele. Frz. / dt. Übers. und hrsg. von Christian Filips und Aurélie Maurin. Berlin und Solothurn (roughbooks 031) 2014. 188 Seiten. 15,00 Euro. 

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