59. Anne Carson

Natürlich wäre ein Buch über Anne Carson unvollständig, enthielte es nicht auch ein Kapitel über Carson und die griechische Literatur. Homer, Sappho und Longinus, der Autor des Traktates „Über das Erhabene“, sind die drei Autoren, mit denen Carson sich in „Decreation“ immer wieder auseinandersetzt. Ihr Umgang mit diesen Autoren ist dabei so souverän wie ihr Umgang mit den verschiedenen Textsorten: Vertraut, ohne je vertraulich zu werden, und frei von jedem gelehrten Auftrumpfen, schildert sie, wie Homer seinen Figuren verschiedene Arten des Schlafes zuschreibt, deutet Sapphos berühmtes Fragment 31 neu und im Kontext der Suche dreier Frauen (Sappho, Marguerite Porete und Simone Weil) nach dem Göttlichen oder beschreibt mit geradezu komplizenhafter Hellsichtigkeit Longinus‘ Arbeitsweise.
Doch Carsons Kosmos ist noch größer und umfasst neben der Literatur (ein Kapitel über Carson und Virginia Woolf wäre auch möglich) auch den Film und die bildende Kunst. Auf der Suche nach der paradoxen Gleichung von Erhabenheit und Selbstauflösung, die die Texte von „Decreation“ durchzieht gelingt es ihr dabei, Longinus und Antonioni zusammenzubringen – wieder in einem reflektierenden und einem erzählenden, Rhapsodie genannten, Text, gefolgt von einem Zyklus von Gedichten („Schaum (Essay mit Rhapsodie). Vom Erhabenen bei Longinus und Antonioni“).

MIA MOGLIE (LONGINUS‘ ROTE WÜSTE)

Eine Frau, ins Netz gegangen – an so was wollen Filme glauben.
….„Zum Beispiel Sappho“, wie Longinus sagt.
…………grüner
Mit dem Netz in ihrem Inneren hat sie auch irgendwie das Erhabene in sich.
….„Als könnten sich diese verbinden zu einem Körper.“
…………………….. als
Ihr Körper vibriert, ihr ist immer kalt, da ist so ein mechanisches Geräusch,
….kalt, ihr ist auch heiß, sie hat sich ein Thermometer
…………………………… Gras
unter den Arm gesteckt und vergessen, sie dreht sich an der Wand, schimmert,
….entgeistert: deine Beute. „Wundert dich das nicht?“
…………………………………….. und
Wie in einem Windstoß kauert sie sich beim Sex an den Körper des Mannes.
….„Denn sie hat Angst.“
…………………………………………….. tot

Ein großartiges Buch in großartiger Übersetzung also, doch eines stört: Carson zitiert natürlich die griechischen Autoren in eigener Übersetzung und fügt sie so elegant in ihren Text ein. Die deutsche Fassung greift an diesen Stellen auf bereits vorliegende Übersetzungen zurück; und dadurch entsteht ein schiefer Ton – „So there he lay much-enduring goodly Odysseus“ klingt dem englischsprachigen Leser sicher vertrauter als Steinmanns „Also schlummerte dort der viel erduldende, hehre Odysseus.“ Häufig ändert Utler daher den Wortlaut dieser Übersetzungen „mit Blick auf den englischen Text“ (und sie tut gut daran: Man lese nur nach, wie es ihr gelingt im Rückgriff auf Carsons Übersetzung Andrea Bagordos Wiedergabe der zweiten Strophe von Sapphos Liebesgedicht ihre ursprünglichen Schönheit wiederzugeben!) Für eine zweite Auflage von „Decreation“ wünsche ich mir daher, dass wir die zitierten Autoren in Utlers Übersetzung der carsonschen Übersetzung zu lesen bekommen (sollte dafür eine Interlinearversion der griechischen Texte hilfreich sein, würde ich sie gern zur Verfügung stellen…). / Dirk Uwe Hansen, Signaturen

Anne Carson: Decreation. Gedichte, Oper, Essays. Aus dem Amerikanischen von Anja Utler. Frankfurt a.M. (S. Fischer) 2014. 252 Seiten. 24,99 Euro.

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