64. Melitta Urbanic

Es war ein Kulturschock für die Wienerin, 1938 ins Provinznest Reykavík verschlagen zu werden. Nichts hatte Melitta auf diesen Exilort am Rande der Welt vorbereitet. Als sich das allzu willige Österreich Nazideutschland hatte anschließen lassen, tauschte Melittas Mann Victor kurzerhand mit dem Komponisten Franz Mixa, der die musikalischen Darbeitungen bei der Eintausend-Jahrfeier des isländischen Parlamentes geleitet hatte, die Stelle. Melitta, die die Konversion vom Judentum zum Katholizismus nicht vor der Verfolgung durch die Nazis schützte, erhielt den dringenden Rat, umgehend mit den drei Kindern Österreich zu verlassen und ihrem Mann nachzureisen.

Die 1902 in Wien geborene Melitta Grünbaum war Mitte der 1920er Jahre nach Heidelberg gekommen, um bei dem Literaturwissenschaftler Friedrich Gundolf zu studieren, dem bis zum Zerwürfnis mit Stefan George prominentesten Mitglied des Kreises um den exzentrischen Lyriker. Ihr zweiter Lehrmeister wurde der Philosoph Karl Jaspers. Melitta stand in Heidelberg zwischen den Stühlen der literarischen Lager um Rilke und George. Eine innige Freundschaft verband sie mit der vier Jahre jüngeren Lyrikerin Erika Mitterer, die wiederum einen ausführlichen Briefwechsel mit Rainer Maria Rilke pflegte. (Unter welchen Umständen Rilke die beiden jungen Frauen bedichtete, erläutert Gauti Kristmannsson in seinem Nachwort „Echo der Erinnerung“). (…)

Dass Melittas Gedichtzyklus Vom Rand der Welt nun erstmals auf deutsch und zugleich in isländischer Übersetzung erscheint, ist Frucht des Jahres 2011, in dem Island Gastland der Frankfurter Buchmesse war. Aus diesem Anlass wurde in Wien eine Ausstellung über Leben und Werk von Melitta Urbancic organisiert, die den isländischen Schriftsteller Sjón (Schattenfuchs, Das Gleißen der Nacht) dazu anregte, in Island auf die Ausstellung aufmerksam zu machen und Herausgeber für Melittas Gedichte zu suchen. (…)

Melittas Sehnsucht galt insbesondere den Landschaftsbildern ihrer Kindheit; iIhre Verzweiflung dem Schicksal der schutzlos zurückgebliebenen Mutter Ilma Grünbaum, die 1943 in Theresienstadt ums Leben kam, und der das Eingangsgedicht gewidmet ist. Und Zweifel, ob man angesichts von Verfolgung und Völkermord noch dichten dürfe, plagten sie:

Wer heute schreibt, während die Brüder bluten,
wer jetzt noch dichten kann, indess die Knuten

der Teufelsknechte in den Tod sie treiben,
färbe die Feder sich mit anderm Saft:

Kräfte zu zeugen aus zerstörter Kraft,
darf sie mit Blut nur oder Samen schreiben.

 

/ Bernhild Vögel, Iceland Review

Melitta Urbanic:
Frá Hjara Veraldar / Vom Rand der Welt

Herausgegeben von Gauti Kristmannsson
Übersetzungen Sölvi Björn Sigurdsson, Sabine Leskopf
Reykjavík 2014
218 Seiten, 4.500 ISK.
Beziehbar auch über den Onlineshop
Islandbuecher.de

Broschüre zur Ausstellung über Melitta Urbancic in der isländischen Nationalbibliothek Landsbókasafn Íslands, die am 8. März 2014 eröffnet wurde (PDF 834 KB).

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