56. Lavants Gedichte

Christine Lavants Gedichte sind auf einem seltsamen Weg zu mir gelangt. Nie fiel während meines Studiums der neueren deutschen Literatur ihr Name. Es bedurfte eines sehr unpoetischen, ja fast literaturfeindlichen Moments in meiner Biografie, bis sich diese Dichterin bei mir bemerkbar machte. Es war Anfang der Neunzigerjahre. Ich befand mich für drei Wochen in einem obligatorischen Wiederholungskurs der Schweizer Armee. Mit mir diente damals ein Ostschweizer, dessen Mutter aus Kärnten stammte. Schnell erwies sich während unserer Gespräche in den Pausen zwischen den Schießübungen und den mehr sinnlosen als nützlichen anderen militärischen Beschäftigungen, dass dieser junge Mann über eine profunde Kenntnis der Literatur verfügte. Er machte mir eine Autorin wie Clarice Lispector beliebt und rezitierte aus dem Gedächtnis Werke von Trakl – die freilich schon zuvor zu meinem persönlichen Kanon gehört hatten –, aber eben auch Gedichte von Christine Lavant, etwa „Die Bettlerschale“ aus dem gleichnamigen Band. Überraschend und zugleich verstörend in ihrer ganzen Wucht erschienen mir damals diese Texte. Der Zufall wollte es, dass ich wenige Monate später bei einem bouquinier in Fribourg auf eine antiquarische Ausgabe der „Bettlerschale“ aus dem Jahr 1956 stieß. / Daniel Henseler, Fixpoetry

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