5. Ukrainische Avantgarde

In einer bemerkenswerten Kabinettausstellung (Kunstmuseum Basel) und einer grossangelegten Gesamtschau (Kunsthalle Bonn) ist unlängst Kasimir Malewitsch ein weiteres Mal als herausragender Protagonist der revolutionären Avantgardekunst Russlands gewürdigt worden. Und ein weiteres Mal unterliess man es, da wie dort, auf die prägende Herkunft des Künstlers aus der Ukraine hinzuweisen – darauf, dass nicht nur seine «gegenstandslose» suprematistische Formensprache, sondern auch sein monumentales figuratives Spätwerk wesentlich von der ukrainischen Folklore (ornamentale Textilien, Puppen, Trachten) inspiriert war, mithin also, trotz hochgradiger Abstraktion, auf erkennbare nationale Traditionen zurückzuführen ist. Für Malewitsch, der in Kiew geboren wurde und viele Jahre in der ländlichen Ukraine verbrachte, ist das Russische stets eine Fremdsprache geblieben, und fremd blieb ihm auch das zentralistische russische Imperium mit Sankt Petersburg als «europäischem» Schaufenster und Moskau als repressivem Hort des alten Reichs.

Wenn man Kasimir Malewitsch – und mit ihm viele seiner Künstlerkollegen – nach wie vor bedenkenlos dem Russentum beziehungsweise der grossrussischen Kultur zuordnet, wird dies weder den biografischen noch den historischen Fakten gerecht. Denn tatsächlich war die «russische» Avantgarde, vorab in der Bild- und Theaterkunst, ein mehrheitlich ukrainisches Aufgebot – ethnische Ukrainer waren ausser Malewitsch die Maler Wladimir Tatlin, Wassily Kandinsky, Antoine Pevsner, Alexandra Ekster, Wladimir Burljuk, Alexander Archipenko, Alexander Schewtschenko, Pjotr Kontschalowski, Alexander Bogomasow, Sonia Delaunay (geb. Stern) und viele andere mehr. Dazu kommen manche Kunstschaffende aus Weissrussland, Polen oder den baltischen Staaten – unter ihnen Marc Chagall, El Lissitzky, Serge Eisenstein –, die ebenfalls als «Russen» beansprucht werden. Wohl sind sie alle als Staatsbürger des Russländischen Imperiums geboren, doch gehören sie einer ausgedehnten, von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer reichenden multiethnischen Region an, die erst im späten 18. Jahrhundert unter russische Herrschaft gelangte. (…)

Das eigentliche Gründungsereignis der revolutionären Moderne und damit des «grossen Bruchs» mit der kulturellen Vergangenheit des Zarenreichs fand in der taurischen Provinz (Gouvernement Cherson) nördlich der Halbinsel Krim statt, einem ehemals skythischen Siedlungsgebiet, das in Herodots Geschichtswerk (5. Jh. v. Chr.) unter dem Namen Hylaea erwähnt ist. Eben diesen Namen – er bedeutet so viel wie Urwald – wählten die avantgardistischen Jungkünstler, die sich seit 1911 mit den Brüdern Dawid, Nikolai und Wladimir Burljuk auf deren Landgut in Tschernjanka zusammenfanden, als Gruppenbezeichnung. Wortführer der «Hylaeaner» war Dawid Burljuk, der sich schon früher, unterstützt von der nachmals international bekannten Kiewer Malerin Alexandra Exter, als «zukünftlerischer» Allround-Künstler mit provokanten Aktionen hervorgetan hatte. Zu seiner Gruppe gehörten unter andern die ukrainischen (russischsprachigen) Dichter Benedikt Liwschiz und Alexei Krutschonych sowie Welimir Chlebnikow (der aus Kalmückien stammte) und Wladimir Majakowski (geboren und aufgewachsen im Kaukasus) – insgesamt also, in geografischer wie in künstlerischer Hinsicht, lauter Randfiguren, die sich nun anschickten, mit ihren Ideen und Forderungen dem grossrussischen akademischen Kunstdiktat entgegenzutreten. / Felix Philipp Ingold, NZZ

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