17. Wie die Blätter

Giuseppe Ungaretti wurde erst ab den 1930er Jahren als Dichter des «ermetismo» – jener mit dunkler Bildlichkeit und existenziellen Themen operierenden «hermetischen» Strömung, zu der auch Eugenio Montale zählte – bekannt. Doch bereits während des Ersten Weltkriegs, zu dem er sich 1915 als Freiwilliger gemeldet hatte, verfasste er eine Reihe bedeutender Gedichte, die 1916 und 1919 in den Sammlungen «Il porto sepolto» (Der begrabene Hafen) und «Allegria di naufragi» (Heiterkeit der Schiffbrüche) erschienen. Aufsehen erregten damals seine wortkargen, kurzen Verse, die auf allen Zierrat der traditionellen Rhetorik – an die das italienische Publikum durch Carducci und D’Annunzio gewöhnt war – verzichteten.

Die Gedichte berichten weitaus öfter von der inneren Befindlichkeit des Sprechers als von konkreten Geschehnissen an der Front, lassen sich aber durch die vorangestellten Datierungen und Ortsangaben historisch genau zuordnen. Eines der berühmtesten – und auch heute noch beeindruckenden – Gedichte Ungarettis aus jener Zeit ist «Soldati» (Soldaten), entstanden im Juli 1918: «Si sta come / d’autunno / sugli alberi / le foglie» («Man fühlt sich / wie im Herbst / auf den Bäumen / die Blätter» – wobei das italienische «stare» im Unterschied zum deutschen «fühlen» auch «stehen» bedeutet und deshalb baldiges Fallen impliziert). / Thomas Stauder, NZZ 5.7.

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