44. Dostojewskis Verse

Dass – und mit welchem Ergebnis – Dostojewski seinerseits als Gelegenheitsdichter sich betätigt hat, wird von der einschlägigen Forschung nach wie vor ignoriert. Man scheint die kleinen Gedichte übersehen zu haben, die sich da und dort in seine Prosawerke eingestreut finden und als deren Autoren diverse fiktive Gestalten ausgewiesen werden. Die angestrengt gereimten Verse wurden, wie die umfangreichen Arbeitsjournale es belegen, eigens von ihm abgefasst und nicht etwa aus dem aktuellen Feuilleton übernommen. Hier liegt also der interessante Fall einer doppelten Autorschaft vor – als realer Autor verfertigt Dostojewski seine Gedichte, um sie unter fremdem Namen einem jeweils irrealen Autor zuzuschreiben. – Der produktivste unter Dostojewskis erfundenen Dichtern ist Ignat Lebjadkin aus dem Roman «Dämonen» (1872), eine mindere Charge im Umkreis des düsteren Fürsten Nikolaj Stawrogin. (…)

Bei einem unangenehmen Gespräch mit einer «gnädigen Frau» über seine Schuldenlast trägt Lebjadkin in plötzlicher Aufwallung eine versifizierte Fabel vor, die nicht nur sein «dichterisches Talent», sondern auch seine Kreditwürdigkeit beglaubigen soll: «Ich bin Dichter und könnte regelmässig tausend Rubel von einem Verleger beziehen . . .» – Das Gedicht lautet wie folgt:

Es war mal eine Kakerlake,
’ne Kakerlake seit klein auf,
Und dann an einem schönen Tage
Fiel ihr ein Glas voll Fliegen auf.
Die Kakerlake kroch ins Fliegenglas,
Die Fliegen hoben an zu murren:
«Schon viel zu voll ist unser Glas»,
So riefen sie zu Zeus und knurrten.
Noch während sich ihr Zorn ergoss,
Erschien Nikífor auf der Szene,
Ein edler Greis, von Würde gross . . .

An dieser Stelle bricht die Fabel ab, und Lebjadkin macht sich daran, sie zu erläutern, ihr einen tieferen Sinn zu verleihen. Auch gibt er zu, dass eine Kakerlake weder murrt noch knurrt, und wenn sie’s dennoch tut, dann – so muss man wohl schliessen – tut sie’s einzig um des Reimes willen. (…)

Gestatten Sie, das ist mein liebender Erguss,
Geruhn Sie meinen Antrag zu erhören,
Auf dass rechtschaffenen Genuss
Ein andres Glied mir wird bescheren.

Verse dieser und ähnlicher Art sind in Dostojewskis Arbeitsjournalen keine Seltenheit, doch kaum etwas davon ist in sein publiziertes Werk eingegangen. Interpreten und Kritiker scheinen sie bis heute für peinlich oder schlicht für überflüssig zu halten. Man darf aber vermuten, dass der Autor solch triviale Versatzstücke eigens angefertigt und in petto gehalten hat, um sie dort als Kontrastelemente einzusetzen, wo die tragische Düsternis des Romangeschehens überhandzunehmen drohte. In diesem Verständnis fungiert auch Hauptmann Lebjadkin als närrische Kontrastfigur zu den Finsterlingen in seiner Umgebung. (…)

Dass Dostojewskis Lebjadkin in der frühen Stalinzeit von den sogenannten Oberiuten um Daniil Charms und Nikolai Olejnikow als Kulturheld entdeckt und als russischer Urvater der absurden Dichtung gefeiert wurde, macht deutlich, wie eminent politisch das Absurde im donquijotesken Kampf gegen Despotie und Totalitarismus werden und wirken kann. Noch im Jahr 1974 hat der Komponist Dmitri Schostakowitsch dem Hauptmann Lebjadkin durch die Vertonung von dessen Gedichten (als deren eigentlicher Autor Fjodor Dostojewski firmiert) in seinem Opus 146 Reverenz erwiesen.

/ Felix Philipp Ingold, NZZ

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: