33. Von den Rändern der Komfortzone

„Lass mich am Leben, Leser“, bittet die 1975 in Madras geborene Poet-Performerin Tishani Doshi. „Dieser Hals hat sich in jahrelanger Arbeit / gestählt um dieser Axt zu widerstehen / Und dieser Körper, schmal wie er ist / hat so viele Glieder an Kriege verloren.“ Die Orte der Schlachten, die sie in „Kontrakt“ beschwört, sind der in Indien so oft geschundene weibliche Körper, aber auch das Gedicht selbst, in dem sich die Autorin mit jeder Zeile bereit erklärt, ihre „Haut umzustülpen“.

Wie ihre afrikanischen Karawane-Kollegen Wanjiku Mwaurah, Alain Serges oder Sbu Simelane kommt Tishani Doshi von den „Rändern der Komfortzone“.

Aus einer Welt, in der, wie sich am Freitagabend in der Akademie der Künste am Hanseatenweg zeigte, poetische Wortkunst nicht, wie der Expressionist Kurt Hiller einst „Gegen Lyrik“ polemisierte, wie „gequetschter Speck“ aus den „seelenvollen Wurstfingern einer weiblichen Muse“ geschlagen wird, sondern aus einer politischen und körperbezogenen Bewegung. (…)

Dass einige Granaten des Ersten Weltkriegs nach wie vor nicht entschärft sind, zeigt das Beispiel Türkei, das sich bis heute seiner Schuld an den Armeniern nicht offenen Auges stellt und Nationalismus auch durch innere Kriege begünstigt. Gespenstisch mutet es an, wenn die im Ersten Weltkrieg erfundene Gasmaske wieder auftaucht in einem Gedicht von Gökçenur C. mit dem Titel „Gasmaske, Taucherbrille, Talkum und Milch“ als Gegenmittel gegen die Reizgasangriffe der türkischen Polizei auf die Gezi-Aktivisten. „Irgendwie schienen sich alle zum ersten Mal zu küssen und die Bäume zu achten“, lautet eine Gedichtzeile von Onur Behramoglu, die die Begeisterung, den anfänglichen „Zauber“ und die „Liebe“ besingt, die die türkische Zivilgesellschaft mit der neuen Hackergeneration auf dem Taksim zusammenschweißt.

Die dabei entstehende Street Art Poetry, die ausschnittweise vorgestellt wurde, erzählt von der Faszination des Aufbruchs, aber auch von der Ernüchterung und vom Schrecken. Geht nicht auf die Balkone, warnt etwa Kaan Koc, ihr könntet sterben. „Der Wind hat seine Geduld verloren, kommt auf mich zu / Panzerwagen, Gewehre, Kinder, Erste Nächte, jungfräuliche Tode / Das Sauberste. Die nach und nach erfahrene Ohnmacht des Wortes verdichtet die Lyrikerin Nesilhan Yalman: „Das Gedicht ist in die Stadt gekommen /– vergesst es – / es gibt keine Verständigung ab nun.“ Und Gökçenur C. konstatiert: „Einst nahm ich an / die Worte böten Schutz.“ /

Ulrike Baureithel, Tagesspiegel

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