96. Verse vom Gezi-Park

Verse vom Protest, Verse vom Gezi-Park

Als vor einem Jahr die Bagger auf den Gezi-Park in Istanbul zurollten, entzündeten sie einen Protest, der auf das ganze Land übergriff und bis heute nicht erloschen ist. Der Widerstand gegen den Bau eines Einkaufszentrums führte zu einem bis heute anhaltenden Kampf für mehr Demokratie und Pressefreiheit in der Türkei und gegen die Korruption und Willkür der Regierung. Von Anfang an gaben vor allem Dichter den Protestierenden eine Sprache.
Am 7.6.2014 sind beim 15. poesiefestival berlin Autoren, Künstler und Schauspieler zu Gast, die selbst Teil der Protestbewegung sind. Mit dabei sind Onur Behramoğlu, Neslihan Yalman, Gökçenur Ç., Mehmet Altun, Efe Duyan und Kaan Koç Zeynep Altıok Akatlı, Onur Orhan, Barış Atay Mengüllü und Deniz Yücel.

Die Lyrik spielte in den Protesten vom Gezi-Park eine zentrale Rolle. Verse wurden auf Häuser gemalt, Lyrikbände im Park zur Lektüre für die Demonstranten verteilt, Lesungen, Konzerte und Veranstaltungen fanden statt, Gedichte wurden geschrieben und vorgetragen. Der Student, der sich mit einem Buch vor den Bagger stellte und las, wurde zur Ikone des Aufstands.
Alle Teilnehmer in dieser Runde gehören der Opposition an und geben durch ihre Werke, Texte, Berichte und Taten der Opposition eine Stimme. Immer wieder finden sie kreative Wege, die Zensur zu umgehen und die Menschen zu erreichen – im Internet oder auf der Straße.
Die Proteste des Gezi Parks sind inzwischen beendet, aber ihr Grundgedanke wird weitergeführt. Als im März 2014 ein 14jähriger Junge an den Folgen einer Verletzung starb, die er bei den Protesten erlitten hatte, flammte der Widerstand wieder auf.

Das 15. poesiefestival berlin findet statt vom 5. – 13.6.2014 in der Akademie der Künste, Hanseatenweg. Weitere Informationen unter http://www.literaturwerkstatt.org

Das poesiefestival berlin ist ein Projekt der Literaturwerkstatt Berlin in Kooperation mit der Akademie der Künste und wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds.

Sa, 7.6.2014, 18.00 Uhr
15. poesiefestival berlin
Diskussion: Gezipark und Hackerwahrheit
Ort: Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin
Mit Onur Behramoğlu, Zeynep Altıok Akatlı, Onur Orhan, Barış Atay Mengüllü und Deniz Yücel

Sa 7.6.2014, 20.00 Uhr
15. poesiefestival berlin
Lesung: Türkei – Aufruhr in Versen
Ort: Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin
Mit Onur Behramoğlu, Neslihan Yalman, Gökçenur Ç., Mehmet Altun, Efe Duyan und Kaan Koç

Sa 7.6.2014, 22.00 Uhr
15. poesiefestival berlin
Konzert: Panzehir
Ort: Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin

4 Comments on “96. Verse vom Gezi-Park

  1. Hung Hungs erstes Gedicht für die Protestbewegung war die Antwort auf Medienberichte von einem „gewalttätigen Mob“ der Besetzer. Die Sprache dieser Berichte und offizieller Reaktionen erinnerten ihn an die Ein-Parteien-Herrschaft vor 1987, als jede oppositionelle Kundgebung oder Organisation sofort als gewalttätig und gemeingefährlich denunziert wurde. Neben seinem neuen Gedicht für die Protestbewegung rezitierte Hung Hung seine Übersetzung von „Die Gewalt“ von Erich Fried. Viele andere Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Proteste setzten ebenfalls Gedichte ein. Siehe http://chinadigitaltimes.net/2014/04/poetic-voices-taiwans-protest-movement/

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  2. Der Protest schlug in eine Besetzung um. DemonstrantInnen überwanden Absperrungen, strömten hinein und hielten schließlich die Abstimmungshalle wochenlang besetzt. Dabei wurde nach Darstellung von Hung Hung niemand ernsthaft verletzt. Unter den Besetzern war ein bekannter Filmregisseur, sein aktueller Kinofilm wurde während der Besetzung auch im Parlament für die Besetzer gespielt. Hung Hung ging zunächst wieder nach Hause und kehrte am nächsten Tag mit Gedichten zurück.

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  3. Aufmerksamkeit ist die Hauptsache für jede Protestbewegung. Gedichte sind dabei manchmal recht wichtig. In einem Zeitungsartikel erzählte unlängst der Regisseur und Dichter Hung Hung, wie er an der Besetzung der Legislative in Taiwan teilnahm. Eine weitreichende Wirtschafts- und Handelsvereinbarung zwischen Taiwan und China sollte im Parlament nicht diskutiert, sondern nur schnellstens abgesegnet warden. Eine oppositionelle Gruppe, die den Protest initierte, der zunächst nur vor dem Parlament stattfinden sollte, rief Persönlichkeiten in Politik und Kunst an. Sie sollten kommen und durch ihre Bekanntheit die Polizei davon abhalten, die spontane und nicht genehmigte Kundgebung aufzulösen und niederzuschlagen. Als Hung Hung vor dem Parlament ankam, merkte er, dass bereits genügend politisch prominente Leute dabei waren, und er als Kunstler zunächst nicht benötigt wurde. Deshalb machte er als einfacher Demonstrant mit.

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  4. irgendwie stosse ich mich gerade ziemlich heftig an der formulierung:
    „Von Anfang an gaben vor allem Dichter den Protestierenden eine
    Sprache.“, zb weil protest ev selbst schon eine sprache ist und die
    formulierung elitär (und natürlich wird ev auch die ev ebenfalls sehr
    problematische idee der „stimmlosigkeit“ reproduziert, die allerlei
    paternalismus überhaupt erst möglich macht: das problem ist nicht
    stimmlosigkeit, sondern mangelnde oder verweigerte aufmerksamkeit).

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