134. August 1914

Sommer 1914: Millionen Männer zogen singend an die Front, und die Dichter standen dabei in vorderster Linie. Englische war poets und deutsche Expressionisten, französische Dadaisten und russische Futuristen, flämische, ungarische und baltische Autoren kämpften mit  Waffe und Worten. Perlentaucher veröffentlicht einen Auszug aus Geert Buelens‘ Untersuchung „Europas Dichter und der Erste Weltkrieg“.

Auszug aus dem Auszug:

Vertreter jeder ethnischen Gruppe und Religion im russischen Reich versammelten sich in der Duma und erklärten sich solidarisch. Hunderttausend Russen strömten vor dem Winterpalais zusammen und knieten dort feierlich nieder, Fahnen und Ikonen in der Hand. Gott, Zar und Volk bildeten eine unbesiegbare Dreieinheit.

…Die Serben kamen, unsre Brüder,
Im hehren Glanz erschien der Hof,
Den Reservisten, immer wieder
Entrang sich einiges „Hurra!“
Man betete für unsre Waffen,
Und in der Kirche sang der Chor,
Da trat nach unsrer Väter Sitte
Zu seinem Volk der Zar hervor.(14)

Schriftsteller und andere Intellektuelle, die zuvor oft dem Vorwurf der Dekadenz und des Elitismus ausgesetzt waren, fanden plötzlich wieder Anschluss an das, was das Volk beschäftigte. Symbolisten der alten Garde (Fjodor Sologub, Wjatscheslaw Iwanow) ebenso wie ihr junger akmeistischer Kollege Sergej Gorodezki holten nicht nur das Reimwörterbuch, sondern auch den Säbel hervor und rühmten den ehrenvollen, heiligen Krieg, der die lang erwartete Neubelebung des russischen Geistes bewirken solle.(15) Für sie war es ein Kulturkampf, der Sieg über den Feind von außen würde auch das Übel im Innern töten.
Im Hintergrund stand eine zentrale Frage, die Russlands Platz in Europa betraf: Ließ sich die slawische Seele überhaupt mit der deutschen in Einklang bringen? Für einen Dichter wie Wjatscheslaw Iwanow (1866-1949), der wie so viele seiner russischen Zeitgenossen in Deutschland studiert hatte und durch die Lektüre von Goethe, Novalis und Nietzsche geprägt war, war das keine theoretische Frage, sondern ein Problem, das den Kern seiner Identität berührte. Um dem Dilemma zu entgehen, unterschied Iwanow strikt zwischen dem „klassischen“ und dem von preußischen militaristischen und materialistischen Werten durchdrungenen „modernen“ Deutschland.(16) Die Organisationswut und der Kollektivismus des jungen deutschen Staates waren unvereinbar mit seinem Traum von sobornost, einer Art organischer Volksgemeinschaft auf der Grundlage gemeinsamer spiritueller Werte.(17)

(…) Die vielen braven oder sensationsgierigen Bürger, die Marinetti beinahe wie ein ausländisches Staatsoberhaupt empfangen hatten, wurden von Chlebnikow und seinem Mitfuturisten Benedikt Liwschitz in einem Flugblatt als Verräter „der russischen Kunst auf dem Wege der Freiheit und Ehre“ angeprangert und, schlimmer noch, als diejenigen, die „den edlen Hals Asiens unter das Joch Europas“ gebeugt hätten.(25) In einem Brief vom Februar 1914, in dem er Marinetti als „unbegabten Schwätzer“ titulierte, äußerte Chlebnikow, er sei davon überzeugt, dass sie einander irgendwann bei Kanonendonner wiedersehen würden, „im Zweikampf zwischen dem italo-germanischen Bund und den Slawen an den Ufern Dalmatiens“.(26) Diese Ortsangabe wählte der germanophobe Chlebnikow keineswegs zufällig.(27)

(…) In der österreichischen Armee dienten unter anderem folgende Dichter: der in Salzburg geborene Georg Trakl, der Wiener Ernst Angel, der deutschsprachige böhmische („tschechische“) Zionist Hugo Zuckermann, der deutschsprachige Prager Jude Franz Werfel, die Tschechen Rudolf Medek, Stanislav Kostka Neumann, Miloš Jirko und František Gellner, der Slowake Janko Jesenský (nach seiner Freilassung), der Pole Jerzy Żuławski, der Kroate Miroslav Krleža, der bereits erwähnte ungarische Serbe Miloš Crnjanski und die galizisch-polnischen, meist Jiddisch sprechenden Juden Samuel J. Imber, Uri Zvi Grinberg, Jacob Mestel, David Königsberg und Melech Rawitsch.

  • (14) zeitgenössische patriotische Lyrik, anonym zitiert in: Solschenizyn, August 1914 (hier zitiert nach der 5. Auflage der deutschen Übersetzung von 1974, S. 83)
  • (15) Strakhovsky 1950, S. 135-136, Orlov 1980, S. 343-344, Hellmann 1995, S. 84-102, und Jahn 1995, S. 106
  • (16) Hellmann 1995, S. 88 ff
  • (17) vgl. Hellmann 1995, S. 86-91; Billington 1966, S. 19, 635; Figes 2011, S. 160 u. 335
  • (26) Chlebnikow 1972, Bd. 2, S. 470-471
  • (27) Markov nennt Chlebnikow „germanophob“, 1968, S. 298. Siehe auch „A Friend in the West“, ein äußerst kritischer Aufsatz von 1913 über das seiner Ansicht nach slawophobe Deutschland, Chlebnikow 1987, S. 243-245

In der mehrteiligen Leseprobe geht es u.a. auch um Anna Achmatowa, Nikolai Gumiljow, Wladimir Majakowski, Janko Jesenský, Ber Horowitz, Guillaume Apollinaire.

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