83. Poetische Vagabondagen

„Sist zappenduster im gedicht, welche sprache es wohl spricht?“ In dieser kleinen Sentenz ist das Drama der modernen Lyrik benannt. Es ist dunkel im Sprachraum des Gedichts, und wir tasten ein wenig hilflos nach orientierenden Lichtpunkten. „Sist zappenduster im gedicht, welche sprache es wohl spricht?“: So beginnt ein Gedicht der 1979 geborenen Uljana Wolf, und je näher wir die Wörter in diesem Gedicht anschauen, desto ferner schauen sie zurück. Das Wort „lengevitch“ zum Beispiel. Oder „koppelzwilling“ oder „Bricklebrit“. All diese Wörter in den Gedichten von Uljana Wolf treiben zunächst unbehaust durch die Verszeilen und wissen nicht, wo sie sich ansiedeln können: im Deutschen oder im Englischen oder in einem Niemandsland zwischen den Sprachen. „Kommen diese worte wunderlich aus meinem mund“, so Wolf weiter, „und haben einen kern aus klang, lautkette, schwappt über sinnkette“. Ausgehend von diesem „Kern aus Klang“ öffnen sich diese Gedichte – mittels einer poetischen Bewegung, die unsere vertrauten Zuordnungen und Grenzen überschreitet.

Uljana Wolf zeigt das Deutsche auf seiner Auswanderung nach Amerika. Die Grenzüberschreitung der Dichterin Sabine Scho richtet sich dagegen mehr auf außersprachliche Reviere. Sie schaut sich die Kulturtechniken an, die bislang für die Grenzziehung zwischen Mensch und Tier zuständig waren: Zoologische Gärten, Menagerien, Aquarien. „Flüchtige Tiere“, heißt es da, „verblüffen durch Verschlagenheit, glaub doch nicht, sie ließen sich locken, streicheln, erziehen, dass ihnen was fehlt, was dir mangelt.“ Es zeigt sich: Auch Wörter sind „flüchtige Tiere“, sinnflüchtige Wesen.

(…)

Ihren literarischen Platz sucht sich Sabine Scho seit je zwischen den Kunstgattungen: Zwischen Fotografie und Bildpoem, zwischen Gemälde und Gedicht, zwischen Bildteppichen und Sprachbildern. Ihr Mixed Media-Projekt „Tiere in Architektur“ geht von der These aus, dass der Umgang mit Tieren und ihre Verwahrung in Käfigen als „Archetypen von Gesellschaftsgeschichte“ gelesen werden können. Der Zoo erscheinti als das letzte künstliche Paradies, in dem unser Bedürfnis nach Ganzheit und Überblick noch wirksam ist. Auf einen Textteil, der Gedichte, essayistische Reflexionen und symptomatische Anekdoten aus der Kulturgeschichte der Tier-Einhegung verbindet, folgt in ihrem Buch ein zweiter Teil mit Fotografien.

(…) „Meine schönste lengevitch“ und „Tiere in Architektur“: Das sind zwei herrliche poetische Vagabondagen, die einer Devise folgen: „Schluss mit trutzig“!

/ Michael Braun, Badische Zeitung (http://www.badische-zeitung.de/literatur-rezensionen/woerter-sind-fluechtige-tiere–79893892.html)

  • Uljana Wolf: Meine schönste lengevitch. Gedichte. Kookbooks Verlag, Berlin 2013. 88 Seiten, 19,90 Euro.
  • Sabine Scho: Tiere in Architektur. Texte & Fotos. Kookbooks Verlag, Berlin 2013. 130 Seiten, 19,90 Euro.
  • Lesung: Am Freitag, 24. Januar, 20 Uhr, findet in der Galerie im Alten Wiehrebahnhof in Freiburg eine Lesung und ein Gespräch mit den beiden Autorinnen statt. Es moderiert Michael Braun.

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