118. Stimmen und Gnome

Ein ruhiges Leben, jedenfalls an der Oberfläche, so wollte Miłosz es selbst sehen. In seinem Gedicht „Für Allen Ginsberg“ skizzierte er seine Form der dichterischen Kraft: „Auch so kann die Schule der Visionen sein, ohne die Drogen und das abgeschnittene Ohr von van Gogh, ohne die Bruderschaft der besten Geister hinter Krankenhausgittern.“

Doch Miłosz hatte seine eigenen Stimmen und „teuflischen Gnome“. In seinen stärksten Gedichten lässt er die Sprache pulsieren. Es sind oft Langgedichte, die verschiedene Töne und Bildwelten zu Konstellationen formieren. Kleine Skizzen, Erinnerungen, Reflexionen oder imaginäre Streifzüge – und darin Bilder, die sich nie auflösen lassen, die mit jedem neuen Vers die Perspektive verschieben: „Alle sind vierbeinig, ihre Schenkel freuen sich, wenn sie die Weichheit von Bär und Dachs berühren, wenn rosige Zungen sich gegenseitig das Fell ablecken. / Erstaunt spürt man das ,ich’ im Herzschlag, aber die ganze Erde mit ihrem Frühling und Sommer kann seine Weite nicht füllen.“

Es ist ein wenig schade, dass die Ausgabe nicht zweisprachig ist. Gerne hätte man versucht, der polnischen Sprache zu folgen und so wenigstens ein Gespür zu bekommen für die Klänge, mitunter auch Reime, die Miłosz benutzt. Dafür falten gleich vier Übersetzer seine Verse auf. Ihnen gelingt es nicht zuletzt, auch jene Stücke in ein gut lesbares Deutsch zu verwandeln, die weniger überzeugen. So verschränkt viele Gedichte in den Schichtungen ihrer Bilder und Ideen sind, so plan erscheinen manche andere in der Behauptung bloßer Aussagen. Aber Miłosz’ Ton trägt über solch schwächere Zeilen hinweg. Es ist ein Ton, der um die Brüche und Ängste im Untergrund des Bewusstseins weiß. Nur im Denken an jenen Untergrund, das machen die Gedichte immer wieder deutlich, lässt sich die Welt überhaupt „preisen“. Und nur so lassen sich die einzelnen Menschen beschreiben, mitsamt ihren „Ohrringen, Spiegeln, einem verrutschten Träger“. / Nico Bleutge, Süddeutsche Zeitung 30.12.

Czesław Miłosz: Gedichte. Aus dem Polnischen von Doreen Daume, Karl Dedecius, Gerhard Gnauck und Christian Heidrich. Ausgewählt und mit einem Nachwort von Adam Zagajewski. Carl Hanser Verlag, München 2013. 175 Seiten, 17,80 Euro.

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