105. Tanzgedichte

27.12.2013, 22:58 Uhr  ·  Kann man beschreiben, was nachts auf der Tanzfläche in einem vorgeht? Die Dichterin Martina Hefter kann es. Jan Wagner tanzte als Kind mit der Mangelwäsche. Wie das ging, steht hier auch.

Der Winter, nicht der Sommer birgt die schönsten Tage zum Lesen von Gedichten. Es ist früh dunkel, es ist kalt, Weihnachten ist vorüber. Aber Sylvester scheint noch weit zu sein, das neue Jahr ein Phantom. Nichts und niemand könnte uns ablenken. Die Zeit steht still. Jesus liegt in seiner Krippe, die Theater spielen bloß Komödien. Die Museen sind zu voll. Der Baum duftet. Wir wollen nichts essen und nichts kaufen und nichts einlösen und nichts umtauschen. Wir wollen nur lesen. Wir wollen nur Gedichte.

Von Martina Hefter und Jan Wagner stammen die hier wiedergegebenen Gedichte. Es sind Tanzgedichte! Wenn auch auf sehr verschiedene Weisen. Den Werken sind biographische Hinweise vorangestellt. / Wiebke Hüster, faz.net

3 Comments on “105. Tanzgedichte

  1. schön, daß diese etwas experimentelle, jedenfalls empirische methode mal wieder von jemandem aufgegriffen wird!!! darf ich ergänzen? ein echtes tanzgedicht von 1996, als ich in einer wuppertaler technodisco BEIM TANZEN auf der tanzfläche mit papier und kugelschreiber ausgerüstet (heute wärs mit handy leichter) versuchte zu verarbeiten, wie deplatziert ich mich fühlte, von lauter grinsenden oder megacoolen schickimicki drogis umgeben, die da stupide nebeneinander her tanzten, total autistisch kontaktlos, wie eine hypnotische herde im gleichtakt zum schweren bass-gewummer:

    Tom de Toys, 19./20.7.1996

    DELi!Ri!UM

    erlebnisgeil
    bewegungsgeil
    menschengeil
    berührungsgeil
    lärmgeil
    einsamkeitsgewohnt
    WOCHENENDE
    IN DER STADT
    wart auf mich
    wart auf mich
    bis morgengrauen
    angst verdauen
    labergeil
    drogengeil
    autogeil
    kaufgeil
    rauschgeil
    weil weil weil
    DAS LEBEN IST KURZ
    EIN KOSMISCHER FURZ
    bis gleich
    bis gleich
    wie wärs
    mit einem gesellschaftsspiel
    im liegen
    im sitzen
    im stehen
    im gehen
    und wer versucht
    das moderne
    zu verstehen
    mir ists zu viel
    mir ists zu viel
    mir ist zum kotzen
    mir ist zum schreien
    zum weglaufen
    die haare raufen
    bloß nicht besaufen
    bloß nicht besaufen
    denn ich bin
    wahrheitsgeil
    zukunftsgeil
    atmungsgeil
    atmungsaktiv
    porentief rein
    ICH BIN DAS
    DICHTERMONSTER
    das anspruchsvoll
    tiefsinnig schrecklich
    komplex komplizierte
    mit fremdwörtern
    gespickte
    sprachgenie ich
    vergnüge mich nie
    ich schlafe nie
    ich träume immer
    den großen traum
    mit mund voll schaum
    mit hirn voll raum
    mit seele wie baum
    ohne herz
    ohne schmerz
    ein utopischer scherz
    wir lachen uns tot
    wir lachen ihn aus
    der heilige redner
    brennt lichterloh
    braucht kein applaus
    seine buchstaben
    in flammen und
    dann und wann
    ist wieder frieden
    ist alles aus
    die glühenden wangen
    mit liebe gekühlt
    da sind wir alle
    riesig froh
    jetzt wird erstmal
    ordnung gemacht
    und gespült
    in dieser welt
    nicht meine welt
    nicht deine welt
    nicht unsere
    nicht unsere
    wir sind so
    wahngeil
    im aufgelösten
    innenraum
    der tausend seelen
    tausend leeren
    das unendliche
    bewußtsein naht
    ist immer da
    ist immer wahr
    das sein entstellt
    das sein verrät
    erfundene probleme
    und erfundene gedanken
    ÜBERALL IST ÜBERALL
    DIE NACHT IST HELL
    die nacht wird heller
    licht durchflutet
    jede pore ewigkeit
    DAS UNIVERSUM LEUCHTET
    jeder mensch für
    sich und alle
    dann zusammen
    MENSCHEN
    ÖFFNET EUCH
    das leben ist
    das leben ist
    das leben
    leben schön
    so schön
    ich kann dich sehn
    du kannst mich sehn
    wir treffen uns
    da wo wir sind
    wo sind wir denn
    wo sind wir denn
    sind wir schon
    alle da
    alle da
    sind wir schon
    alle wahr
    alle wahr

    (c) Entnommen aus: „JEDER MENSCH IST HEILIG“ G&GN, Düsseldorf 1997

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  2. Pingback: 119. Mehr Tanzgedichte | Lyrikzeitung & Poetry News

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