104. Helga M. Novak

Zu Unrecht gehört sie zu den weniger bekannten Autoren Deutschlands. Ihr Revier war die Spreewelt rund um Erkner. Deren herber Glanz findet sich in ihren schönsten Gedichten. Nun ist Helga M. Novak „äußerster Gewalt“ gewichen. Ein Nachruf von Gert Loschütz, FAZ.net 26.12.

Dass sie im alten Westen nicht so bekannt ist, wie sie es hätte sein können, oder so, wie ihre Freundin Sarah Kirsch es war, hat wohl seinen Grund darin, dass sie sich immer wieder entzog. Mit fünfzehn meldete sie sich selbst auf einem Internat an, das zugleich Kaderschule war. Einer lupenreinen DDR-Karriere hätte nichts mehr im Weg gestanden, wäre das trotzige Kind nicht mit jener scharfen Beobachtungsgabe geschlagen gewesen, die es den Widerspruch zwischen Propaganda und Wirklichkeit rasch erkennen und bald auch spitzzüngig kommentieren ließ.

Wer wissen möchte, wie junge Menschen, die nach der Erfahrung mit dem Nazifaschismus ihre Hoffnung auf den Sozialismus setzten, die ersten DDR-Jahre erlebten, lese „Vogel Federlos“, das zweite ihrer autobiographischen Bücher, das eine solche Fülle von Material enthält, dass ich mich beim Wiederlesen fragte, wie es ihr gelungen ist, alles das über die Zeit zu retten. Parteitagsbeschlüsse, Lehrpläne, Auszüge aus Zeitungen, Reden und Flugblättern, alles hat Eingang in dieses verrückte Buch gefunden. (…)

Nein, die Autorin Novak existierte und existiert einfach nicht: wenn man so will, ein Sieg der den Staat überdauernden Totschweigestrategie des MfS, und als nach dem Untergang der DDR ihre Bücher endlich erscheinen konnten, gab es an den Erfahrungen der Ausgewiesenen und Weggegangenen, deren bloße Existenz ein stiller Vorwurf war, kein Interesse mehr.

Dabei ist sie die große Dichterin der Mark, die Einzige, die Peter Huchel das Wasser reichen kann. Wie er in der Havellandschaft verwurzelt ist, ist sie es in der Spreewelt rund um Erkner. „Löcknitz Werlsee Peetzsee Möllensee und Grünheide“, das ist ihr Revier, ihre Gegend, der sie die schönsten (fast immer aus Trennungsschmerz geborenen) Gedichte gewidmet hat. Hierher ist sie, „ausgerüstet mit einem falschen Pass“, immer wieder zurückgekehrt, hier, schwor sie, „bleibe ich und weiche nur noch äußerer Gewalt“.

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