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Das sorbische Volk (“gibt es das? ja, es gibt es noch, vor allem Wort um Wort, bei Kito Lorenc” – Peter Handke) ist ansässig in der Nieder- und Oberlausitz, hat eine eigene Flagge, eigene Sprache, eigene Dichter. Aber wie die Herkunft aus der Familie ist das heimatliche Sorbien durchzittert vom Abschied.
Ginge ich nach Haus
wäre das Haus noch da
Ginge ich in das Haus
wären die Eltern darin
Spräche ich zu den Eltern
wäre ich ein Kind
und Vater müsste in den Krieg
So hätte ich die Mutter allein
könnte ihr meine Schularbeiten zeigen
die ersten Buchstaben
die Wetterschatten der Bäume
die Schneeschlangen auf den Ästen
Licht und Wetter sind die ersten Buchstaben. Im Dichten werden sie gezeigt, immer wieder, auch denen, die sie ebenso gut kennen wie man selbst und sogar länger. Aber dennoch müssen sie immer wieder gesagt werden, und nichts anderes ist das Ethos der Dichtung. Das Herzeigen des Eigenen ist Verpflichtung. Schuster und Dichter bleiben bei ihren Leisten, aber letzterer muß sie auch sagen.
[…] Schneeglocken
läuten da im Februar Märzen
wie bestellt für die kleinen Dichter
wenn sie aus Fingerhüten ihren
Kräuterbitter bechern […]
Ohne das Bittere geht es nicht. Und wie bei jedem Minderheitenvolk sorgt das Bittere auch bei den Sorben für sich selbst. Aber das bittere Kraut des bitteren Landes geht ein in das Wort, das spröde ist vom Witter und schon geschmeidig vom Frühjahr.
Und dieses Wort ist eine Einladung in das Dreiländereck, in dem die Sorben daheim sind und sprechen.
/ Kai Hammermeister, Fixpoetry
Kito Lorenc: Gedichte, ISBN 978-3-518-22476-2, 13.95 Euro, Suhrkamp Berlin 2013
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