1. Zum Tod von Seamus Heaney

Sein Ruhm wuchs ständig und mit ihm die Anerkennung in Form von Preisen. Sie gipfelte im Literaturnobelpreis 1995, sie drückte sich aber auch darin aus, dass er in seiner Heimat, dem vielleicht „literarischsten“ europäischen Land, quasi als Nationaldichter verehrt wird.

In einem Gespräch mit dem Standard vor vier Jahren reagierte er verhalten auf diese Zuschreibung. Irische Dichter hätten immer die Rolle nationaler Barden einnehmen sollen. Aber heute würden sie auf diese Tradition zu Recht „vorsichtig, oft ironisch, manchmal sogar mit Spott“ reagieren. Kein Dichter könne es sich leisten, zum Sprachrohr einer Parteilinie zu werden.

Sehr wohl kann er aber für ungewöhnliche Poesie das Wort ergreifen. So lobte Heaney einmal unter den verwunderten Blicken der anwesenden Philologen die „verbale Energie“ des Rappers Eminem. / Der Standard

Was hören und sehen wir bei ihm? Eine unendliche Fülle von Materie. Das Hämmern des Amboss, Dreck und Schlamm, das Rauschen des Regens, Erdklumpen, die einem ins Gesicht fliegen, landwirtschaftliches Gerät. Vergehende Jahreszeiten, mieses Wetter, Menschen, die sich bücken müssen. Auch wenn man diesen traditionsbewussten, ebenso zupackenden wie nachdenklichen Poeten gern mit W. B. Yeats verknüpft, dem Leitstern der dichterischen Moderne in Irland, erinnert Heaneys lyrische Archäologie in ihrer konkreten Körperlichkeit fast an die amerikanischen Puritaner, deren dichterischer Bildervorrat sich aus Radmachen, Erntearbeit und Bierbrauen speiste. Daneben allerdings gibt es den zweiten Heaney, einen poeta doctusohne Bildungsdünkel, den Gastprofessor in Harvard und anderswo. Hier ist er demütig, erinnert an die Jahrhunderte vor ihm, und erweist sich als Hüter einer poetischen Tradition von Gerald Manley Hopkins bis Ossip Mandelstam. Seine akklamierte Übersetzung des altenglischen „Beowulf“ wurde zum Bestseller der Seminarräume. / Paul Ingendaay, FAZ

Wir erwarten von jedem Gedicht eine Ahnung dessen, was in der Sprache möglich ist, und spüren sofort, wenn es ihm daran ermangelt. Aber sogar ich ändere meine Gewohnheiten und muss Ihnen gestehen, dass ich in den letzten vier oder fünf Jahren zu einem Googler geworden bin: Ich hätte vor unserem Gespräch Ihren Namen googlen sollen. / Heaney im Gespräch mit der FAZ

Gedicht Die Schlammvision /  Digging

Mehr: Die Welt / taz /  Badische Zeitung / Berliner Zeitung / New York Times / Irish News

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