97. O Nisami oder Wem gehört der Dichter?

Seinen Namen kennen wir von Goethe.

Lesebuch

Wunderlichstes Buch der Bücher
Ist das Buch der Liebe;
Aufmerksam hab ich’s gelesen:
Wenig Blätter Freuden,
Ganze Hefte Leiden;
Einen Abschnitt macht die Trennung.
Wiedersehn! ein klein Kapitel,
Fragmentarisch. Bände Kummers
Mit Erklärungen verlängert,
Endlos, ohne Maß.
O Nisami! – doch am Ende
Hast den rechten Weg gefunden;
Unauflösliches, wer löst es?
Liebende, sich wieder findend.

Bekanntlich hat der Dichter seinen West-Östlichen Divan mit buchlangen Erklärungen verlängert. Darin auch diese Passage:

Ein zarter, hochbegabter Geist, der, wenn Ferdusi die sämtlichen Heldenüberlieferungen erschöpfte, nunmehr die lieblichsten Wechselwirkungen innigster Liebe zum Stoffe seiner Gedichte wählt. Medschnun und Leila, Chosru und Schirin, Liebespaare, führt er vor; durch Ahnung, Geschick, Natur, Gewohnheit, Neigung, Leidenschaft füreinander bestimmt, sich entschieden gewogen; dann aber durch Grille, Eigensinn, Zufall, Nötigung und Zwang getrennt, ebenso wunderlich wieder zusammengeführt und am Ende doch wieder auf eine oder die andere Weise weggerissen und geschieden.

Aus diesen Stoffen und ihrer Behandlung erwächst die Erregung einer ideellen Sehnsucht. Befriedigung finden wir nirgends. Die Anmut ist groß, die Mannigfaltigkeit unendlich.

Auch in seinen andern, unmittelbar moralischem Zweck gewidmeten Gedichten atmet gleiche liebenswürdige Klarheit. Was auch dem Menschen Zweideutiges begegnen mag, führt er jederzeit wieder ans Praktische heran und findet in einem sittlichen Tun allen Rätseln die beste Auflösung. Übrigens führt er, seinem ruhigen Geschäft gemäß, ein ruhiges Leben unter den Seldschugiden und wird in seiner Vaterstadt Gendsche begraben.

Randomhouse ergänzt:

Nizami (um 1141–1209) wurde im heutigen Aserbaidschan, damals ein Teil Persiens, geboren und wuchs als Waise bei seinem Onkel auf. Über sein weiteres Leben, das er offenbar bis auf eine einzige Reise in seiner Geburtsstadt Gendsche verbrachte, ist kaum etwas bekannt. Nizami zählt neben Firdousi und Scheich Saadi zu den bedeutendsten Vertretern der frühen persischen Epik.

Das Territorium des Landes hat eine „wechselvolle“ Geschichte. Es gehörte zu den Reichen der Meder, Römer, Araber, Mongolen, Perser, Armenier, Georgier, Osmanen, Russen und anderer. Die Religion war mal zoroastrisch, später christlich und islamisch. Man sprach Persisch, Arabisch, Aserbaidschanisch (eine Turksprache), Russisch. Der erste Staat auf seinem Gebiet hieß Albanien. Was ist ein aserbaidschanischer Dichter?

Nisami schreibt sich laut deutschsprachiger Wikipedia:

Nezāmi auch Nizami (persisch ‏نظامی گنجوی‎ – Neẓāmī-e Gandschawī; kurdisch: Nîzamî Gencewî; aserbaidschanisch: Nizami Gəncəvi; eigentlicher Name: Elyās ebn-e Yūsef, vollständiger Name: Neẓām ad-Dīn Abū Muhammad Elyās ibn Yusūf ibn Zakī ibn Mu’ayyid

In der englischen:

Nizami Ganjavi (Persian: نظامی گنجوی, Nezāmi-ye Ganjavi‎; Kurdish: نیزامی گهنجهوی, Nîzamî Gencewî; Azerbaijani: نظامی گنجوی, Nizami Gəncəvi), Nizami Ganje’i,[2] Nizami,[3] or Nezāmi (Persian: نظامی‎), whose formal name was Jamal ad-Dīn Abū Muḥammad Ilyās ibn-Yūsuf ibn-Zakkī

Aserbaidschanisch:

Nizami Gəncəvi (tam adı Cəmaləddin İlyas ibn Yusif Nizami Gəncəvi) (نظامی گنجوی)

Die ersten beiden nennen ihn einen persischen Dichter, die dritte einen aserbaidschanischen. Er zählt zum Kulturerbe Afghanistans, Irans, Aserbaidschans, Tadschikistans und Kurdistans. Er schrieb Persisch, seine Mutter war Kurdin, sein Name verweist auch auf das Arabische.

Dies der Hintergrund zu einer Nachricht aus Aserbaidschan, das seit 20 Jahren von einem früheren KP-Chef und seinem Sohn autokratisch regiert wird.

In seiner Geburtsstadt gibt es ein Mausoleum, in dem auf Fliesen Verse Nisamis im persischen (also Original-)Text stehen. Diese werden jetzt ersetzt durch „analoge Gedichte, aber in aserbaidschanischer Sprache“. Die Fliesen mit den persischen Gedichten des weltberühmten aserbaidschanischen Dichters seien 1997 angebracht worden und ohne jeden historischen Wert. Es handele sich um 4 Strophen zum Lob des Propheten Mohammed aus dem Gedicht „Leila und Medschnun“. Diese seien ins Aserbaidschanische übersetzt worden, die Übersetzung sei durch die Aserbaidschanische Akademie der Wissenschaften gebilligt worden und werde die alten Fliesen ersetzen. Hinzufügen werde man seine Gedichte auf seine Heimattadt Gendsche (Ganja, Gandscha, Gəncə), die ebenfalls ins Aserbaidschanische übersetzt wurden. Das sei nötig, weil manche Leute, die das Mausoleum besuchen, wegen der Gedichte irrtümlich dächten, Nisami sei ein persischer Dichter. Man habe diesen Schritt unternommen, damit jedermann wisse, daß Nisami ein Vertreter der aserbaidschanischen Literatur sei. Der iranische stellvertretende Außenminister äußerte sein Bedauern.

One Comment on “97. O Nisami oder Wem gehört der Dichter?

  1. Nezamis persische Identität wurde von Stalin geraubt . Als Nezami seine Gedichte auf persisch schrieb , gab es kein Azerbayjan (da Azerbayjan wurde August 30, 1991 gegründet) . Sein Werk wurde natürlich in anderen Sprachen wie Z.B. Türkisch übersetzt . Er hat keine Strophe auf Türkisch oder Azeri geschrieben . Jedes Kind weiß , dass sein originales Divan auf Persisch ist . Viele größe Dichter waren von Persien , wie Saadi , Hafez , Molavi , Ferdowsi , Nezami , deswegen ist es verständlich dass alle möchten diese Genien für sich selbst ausleihen.

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