72. Fremdsprechen

Susanne Burg: Sie haben einmal ein Prosa-Langgedicht über London verfasst, wo sie lange gelebt haben. Sie haben es auf Englisch geschrieben und dieses dann selbst ins Deutsche übersetzt. Die beiden Gedichte wurden nebeneinander abgedruckt. Sie schreiben in Ihrem Essay „Fremdsprechen“: „Ich möchte diese Erfahrungen nicht noch einmal machen.“ Warum nicht?

Esther Kinsky: Deshalb, weil ich glaube, man wird zu stark konfrontiert mit der Unvereinbarkeit der Welten, die die Sprachen im eigenen Kopf darstellen. Man ist als Autor ja auch gleichzeitig der Urheber dieser ursprünglichen – ich nenne das immer mal gerne Vision, ohne irgendeinen spirituellen Beiklang, sondern man hat ja eine ganz bestimmte Vorstellung.

Und diese Vorstellung wird im eigenen Kopf quasi angegriffen durch die Übersetzungstätigkeit. Wenn ich an dem fertigen Werk arbeite, ohne der Inhaber dieser Vision zu sein, also nur als Übersetzer von Lyrik, dann habe ich eine ganz andere Aufgabe, aber wenn ich beides im Kopf habe, die Emotionen, die Vorstellungen, die sich mit den einzelnen Wörtern in der Originalsprache verbinden, die geraten dann zwangsläufig in den Konflikt mit den ganz anderen Konnotationen in der Übersetzungssprache. Und das lässt einen dann schließlich unzufrieden werden. Ich fand da meinen eigenen Text, den habe ich als viel für mich unübersetzbarer empfunden als andere Texte, die ich übersetzt habe.

Burg: Die Schriftstellerin und Übersetzerin Esther Kinsky. Vielen Dank für Ihren Besuch, Frau Kinsky!

Kinsky: Ich danke Ihnen für die Einladung!

Burg: Ihr Essay „Fremdsprechen“ ist im März bei Matthes und Seitz erschienen und kostet als gebundene Ausgabe 17,90 Euro.

/ DLR

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