8. Lyrik verlegen

Julia Graf: Ich habe ja im Berlin Verlag angefangen als sehr junge Lektorin, und dort war Mathias Gatza, der inzwischen selbst Autor ist, und der hat immer die Theorie gehabt, man muss die jungen Lyriker alle in die Verlage bringen, denn die werden vielleicht auch mal Romane schreiben, und überhaupt ist die Lyrik die Königsgattung der Literatur. Und er hat damals Björn Kuhligk und Jan Wagner in den Verlag geholt, und ich habe dann eben auch mit ihnen zusammengearbeitet und bin dann über diesen Weg so dazugekommen.

Liane von Billerbeck: Über diese beiden Bände werden wir gleich sprechen, die Sie da herausgegeben haben, aber was Sie da eben sagten, das finde ich ja interessant, diese Äußerung, die über Lyrik in die Verlage bringen, damit die dann mal einen Roman schreiben. Das heißt ja, Lyrik ist so eine Art Durchgangsstadium.

Graf: Nein, das ist missverständlich. Ich habe ja dazu gesetzt, dass es ja eigentlich die Ursprungsgattung, aus der sämtliche Literatur kommt, ist. Aber es ist natürlich so, dass viele sehr junge Autoren, wenn sie so mit ihren ersten Schreibversuchen …, ist es doch bei vielen so, dass sie zunächst Lyrik schreiben, und gerade bei Jan Wagner und Björn Kuhligk haben wir eigentlich den Fall, das sind zwei Autoren, die Vollblutlyriker sind, obwohl ja Björn Kuhligk jetzt zusammen mit Tom Schulz auch einen wunderbaren Reiseband über neue Wanderungen in der Mark Brandenburg schreibt, und Jan Wagner auch ein glänzender Essayist ist, aber sie sind doch in erster Linie Lyriker.

von Billerbeck: Diese beiden Bände haben Sie herausgegeben bei Hanser Berlin, zwei von Ihnen lektorierte Gedichtbände, Jan Wagner ist schon erwähnt worden und Björn Kuhligk, und in dem Vorwort von Jan Wagner, da schreibt er, Dichter seien so eine Art Verborgene, eben weil sie mit ihren Gedichten, auch mit ihren Gedichtbänden relativ wenige Menschen erreichen. Teilen Sie diese Ansicht, dass es Verborgene sind?

Graf: Na ja, es ist schon so, dass, wenn man so in der S-Bahn schaut, was lesen die Leute, dann sind es doch eher Romane bis Schmonzetten, die die Menschen dort auf den Knien haben. Ich glaube aber, dass allein schon so Lyrik – wie eng soll man den Begriff fassen?

Jeder hat Lieblings-Popsongs, das ist auch eine Art von Lyrik. Und ich glaube, dass Lyrik diese unmittelbare Weise, wie sie uns anspricht, dass die jeden Menschen anspricht, und sich dem Zauber eines gelungenen Gedichtes wirklich niemand entziehen kann. Also der Überzeugung bin ich ganz sicher, Lyrik nutzt sich ja auch nicht ab – es ist ja erstaunlich, dass man irgendwie einen hundertmal durch die Mangel gedrehten Eichendorff, wenn man den plötzlich hört oder so aus dem Zusammenhang genommen liest, oder plötzlich seinem Kind vorspricht, dass man das gleiche Glücksgefühl haben kann, als ob man es zum ersten Mal hört, und das zeichnet eben gelungene Lyrik aus.

Es ist ja so, dass man bei Lyrik – da zeigt sich das Misslungene, glaube ich, besonders blitzartig, aber eben auch dieses Glück eines perfekten Kunstwerkes, das kann sich natürlich in der Lyrik auch auf einen Blick sozusagen demonstrieren, durch die Kürze der Form, und das ist eben das besondere Glück, glaube ich, das man empfinden kann.

von Billerbeck: Trotzdem ist es ja so, dass nicht so viele Menschen von diesen Gedichten erfahren, weil die Lyrikauflagen sind doch eher klein. Was macht das mit Dichtern, wenn sie kaum wer kennt, und wenn sie vielleicht wollen, dass sie eine Million Leser haben, aber eben doch nicht die eine Million bekommen?

Graf: Also ich vermag es nicht ganz zu sagen, ob sie sich heimlich grämen. Aber ich glaube, dass eigentlich gerade jetzt im Moment die Lyrikszene eine Blüte erlebt, sie sind sehr vernetzt, es gibt unglaublich viele Veranstaltungen, also Jan Wagner tourt unglaublich viel durch die Landschaft und ist immerzu auf Veranstaltungen, es gibt fast in jeder Stadt ein Poetikfestival, und auch Björn Kuhligk kann sich der Anfragen oft auch gar nicht erwehren, also ich glaube, dass es vielleicht nicht die großen Millionenauflagen sind, aber dass doch die Lyriker das Gefühl haben können, dass sie durchaus wahrgenommen werden, und das ist eigentlich sehr schön. / DLR

 

4 Comments on “8. Lyrik verlegen

  1. kein grund zu sorge andré- ist nur n gefülltes sommerloch und der zeitpunkt diesser dlf aktion ist bezeichnend. lyrik ist das loch ness der kultursender und wir sind die nessies

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  2. wobei der plauderton nicht stört, wird ja auch im radio gesendet. aber die (berufsbedingte) anmaßung, beurteilen zu können, was „gut“ und was „peinlich“ ist. „du bist wie eine blume“! lieber herr heine, wie-vergleich! „du liest die uno / wie sie der spiegel sieht, du rauchst die juno“?! aber lieber benn, verdrehter satzbau und dann noch mehrere markennamen, und der beiläufige reim, das geht gar nicht! „schwarze milch der frühe“ herr celan, das streichen wir! und hölderlin, lernen sie erst mal ordentliche schulgrammatik! bzw. warten sie, ich schreib das schon um, daß es keiner mehr merkt!
    will sagen, was für ein autorenbild, daß die nur autoren machen die sie „beurteilen“ können? müßten lektoren nicht hoffen und erwarten, daß jeden tag das ganz außerordentliche kommt, an das ihr ohr noch nicht gewöhnt ist? lektoren müssen ihre autoren vor peinlichkeit bewahren? die dichter sind die verächter des schamgefühls, sagt ein französischer dichter.

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  3. Habt ihr also im Café gesessen, oder im Studio, und schwadroniert. Ist ja auch eine Art von Lyrik. Und der Ton all dieser hier ‚abgedruckten‘ Sätze ist ebenso harmlos wie falsch. Es will nett sein und aufgeschlossen – und ist am Ende vor allem eine perfide Art von bezahlter Beleidigung.

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