94. Gestorben

Der Dichter, Essayist, Übersetzer, Verleger und Dozent Alexandru Mușina starb vorgestern in Bukarest kurz vor seinem 59. Geburtstag.

Alexandru Mușina (n. 1 iulie 1954, – d. 19 iunie 2013)

XVIII. Ode – „Sol“

Wir haben überlebt. Wie der Dachs,
der im Schlaf die grüne Knospe erblickt und seufzt.
Das Blut weiß die Regeln besser … und die Zelle
hat eine direkte Verbindung zu Gott.

So siegten wir: die Hand betäubt,
das Bein betäubt, der Mund betäubt.
Die Augen hörten auf zu schlagen. Das Gehirn vergaß.
So siegten wir: die Lymphe wurde zu Gelatine,
die Knochen wurden zu Gelatine, die Nerven wurden zu Gelatine.

Vergeblich schrieen sie, wie Besessene,
bleckten die schwarzen Zähne, klein und zahlreich,
die Zeichen, die gedruckten Storys. Die Furcht ist eine Mutter.
Die Furcht ist ein gute Mutter, voller Liebe.
In ihrem Bauch lernst du zu leben. In ihrem Bauch
gibt es andere Regeln, andere Götter, geht eine andere Sonne auf.
Eine blau angelaufene, wärmliche Sonne, eine Tier-Sonne.
Verständnisvoller als jede andere Sonne.

So siegten wir: wir schliefen.
Draußen verflossen die Zeitungen, Panzer, Gefühle,
Reiche wetzten sich ab, Reiche tauchten aus dem Meer empor.

Wir haben überlebt. Wir haben gesiegt. Hier bin ich.
Hier, neben dir.

(aus dem Rumänischen von Klaus F. Schneider)

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